5.2.03 Für eine starke Lesart aufklärerisch-revolutionärer Ideen oder: Sag ja zu den amerikanischen Invasionen

Von Dieter Wenk

Ende des 18. Jahrhunderts hatte man es satt – jedenfalls im Staate New York –, sich von „diesen Anmaßungen der Europäer“ noch länger drangsalieren zu lassen. Alexander Hamilton wünschte sich eine „enge und unlösliche Union“, „ein großes amerikanisches System“, „welches keinem europäischen Einfluss und keiner europäischen Gewalt mehr unterstünde, sodass der Ton der Beziehungen zwischen Alter und Neuer Welt von uns ,[den Amerikanern] bestimmt würde!“ Das ist längst erreicht, und war es zu jener Zeit innerhalb Europas das revolutionäre, später napoleonische Frankreich, das den Geist der Freiheit diktierte, so gibt es heute nur noch eine Nation, die das im großen Stil wagt.

Doch schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es hinter der arroganten Maske auch des aufgeklärten Europäers einen gewissen Neid auf die Vereinigung amerikanischer Staaten zu einem Bunde, und so konnte der 1777 in Paris weilende Benjamin Franklin ziemlich selbstbewusst schreiben, dass der Auswanderungsdrang der Europäer nach Amerika bald nachlassen werde, weil auch in Europa der Freiheitsgedanke sich breit mache und dass „unsere Sache [die der Amerikaner] die Sache der Menschheit ist und dass wir für ihre [der Europäer] Freiheit kämpfen, indem wir die unsrige verteidigen. Eine herrliche Aufgabe, die uns von der Vorsehung zugeteilt ist …“ Was der alte Goethe gesagt hat, stimmt also immer noch: „Amerika, du hat es besser …“ Es hätte in Europa alles so gut gehen können, aber leider ist ziemlich viel schiefgelaufen, sei es, dass die Franzosen sich nicht genügend angestrengt haben, um Republikaner zu werden, vorbildlich für alle anderen, sei es, dass die List der Vernunft erst schnell noch den Staat wechseln wollte, um schließlich in Preußen anzukommen.

Solche Mätzchen hatten die Amerikaner nicht nötig. Sie dürfen heute voller Stolz sagen, was damals Robespierre, kurz bevor ihn der von ihm eingeleitete Exzess exstirpierte, 1790 in einer Rede vor der Nationalversammlung ausposaunte: „Es liegt im Interesse aller Nationen, die französische Nation zu schützen, weil von Frankreich Freiheit und Glück der ganzen Welt ihren Ausgang nehmen müssen.“ Damals wusste man noch, was das ist, die Menschheit, wer dazu gehört und wer nicht, wo der Feind steht und wo der Verbündete. Man hatte noch die Vernunft im Rücken, die diskursive Ausstatterin des Menschheitstraums, das später zum Trauma geriet, das wir aber unbedingt wieder abstreifen sollten, wollen wir nicht länger in fortschrittshemmenden Mikro-Makro-Prozessen dahindümpeln. Also sollten wir wieder einstimmen in die Worte Pierre Vergniauds – auch dieser starb leider Gottes, 1793, unter der Guillotine – und den Verfechtern der Freiheit zurufen: „jede eurer Schlachten wird euch dem Frieden, der Menschlichkeit und dem Glück der Völker um einen wirklichen Schritt näher bringen.“ Etwa zur gleichen Zeit forderte der aus einem holländischen Adelsgeschlecht stammende Jean-Baptiste Cloots – man vermutet ganz richtig, wenn man auch ihn auf dem Schafott enden sieht –: „Wir sind nicht frei, wenn auch nur ein einziges moralisches Hindernis an einem einzigen Punkt des Erdkreises unseren äußeren Vormarsch aufhält. Die Menschenrechte gelten für die gesamte Menschheit.“

Muss man noch deutlicher werden? Warum zögern die USA noch. Der wahre Richter dieses Kreuzzugs sitzt nicht in Europa, auch nicht in den Puppenstuben der Vereinten Nationen. Der wahre Richter ist immer ein Auftrag, den man sich selbst stellt, weil er wahr ist. Und Skeptiker wie etwa Pascal („Wer Engel spielen will, wird leicht zur Bestie“) sollten sich auf ihr ureigenes Gebiet, hier also das der Wette, zurückziehen, wenn sie schon nicht mit Fakten auftreten können. Nein, wir halten es lieber mit dem neorömischen Radikalamerikanismus eines George W. Bush: Es gibt eine alleinseligmachende Lebensauffassung, und dieses große Land steht in einer historischen Bringschuld, die das kleinkarierte Europa nicht länger verzögern sollte. Im März der Irak, im Mai Nordkorea, und endlich wird uns aus noch unverständlichen Mündern entgegenschallen: Seid umschlungen, Millionen!

 



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