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Diese kleine Erzählung spielt zur Zeit der Richter, die es aber nicht wirklich richten. Auch das Wetter spielt nicht gut mit. Eine Hungersnot überzieht das Land. Der Judäer Elimelech zieht mit seinem Weib Naemi und den beiden Söhnen in fremde Gefilde, ins Land der Moabiter, jenseits des Toten Meeres. Die beiden Söhne heiraten moabitische Frauen, aber innerhalb von zehn Jahren sind alle drei Männer gestorben. Naemi kehrt zurück, bittet die Sohnsfrauen, doch in ihrer Heimat zu bleiben, alleine Ruth bleibt an ihrer Seite, „nur der Tod soll mich von dir scheiden!“
Zurück in Bethlehem, beklagt Naemi ihren Mitbürgern gegenüber ihr Los, da der Herr ihr nur Übles beschieden habe. Ruth hilft unterdessen bei der Gerstenernte mit, und es trifft sich, dass sie auf dem Feld eines reichen Verwandten der Naemi Ähren liest. Dieser heißt Boas und verliebt sich sofort ins sie, als er sie auf seinen Äckern sieht. Er trifft Anordnungen, dass sie nicht belästigt wird. Aber vor allem ist Boas angetan von der Treue Ruths gegenüber ihrer Schwiegermutter: „Der Herr vergelte dir dein Tun, und voller Lohn werde dir zuteil von dem Herrn, dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, dich unter seinen Flügeln zu bergen!“ Ruth ist gerührt, ebenso die Schwiegermutter, von der Ruth erfährt, dass Boas ein so genannter Löser ist. Löser haben die Funktion, dass ein Name in Israel nicht untergeht, zum Beispiel wenn eine Ehe sohnlos geblieben ist und der Mann stirbt, sodass dann der etwa nachfolgende Bruder den Namen des Stamms sichert (Leviratsehe).
Es geht also nicht um Ruth, sondern um Naemi, genauer gesagt um Elimelech, der ja seine beiden Söhne verloren hat. Vorgeführt wird eine frühe Form von Leihmutterschaft. Naemi also bittet Ruth, des Boas Weib zu werden. Der ist auch hoch erfreut, macht aber darauf aufmerksam, dass es das Procedere zu beachten gilt, es gibt nämlich noch einen näheren Verwandten der Naemi, und der muss zunächst gefragt werden, ob er das Recht des Lösers in Anspruch nehmen will, was auch heißt, das ganze Gut Elimelechs zu kaufen, neben dem Erwerb der Ruth. Die gute Ruth ist dem anderen zuviel, er lässt ab davon, und Boas hat freie Bahn und löst Ruth. Boas nun wohnt Ruth bei, wie es immer so schön heißt, und Ruth gebärt einen Stammeshalter, denn das Kind geht gleich über in den Besitz der Naemi, die die Pflege des Sohns übernimmt.
Hier könnte man jetzt sagen „Ende gut, alles gut“, allein die Sache hat einen Haken, denn Ruth ist ja eine Frau aus fremden Gefilden, eine Moabiterin, und das Verhältnis zwischen ihr und Boas nichts anderes als eine Mischehe, die ja eigentlich verboten ist. Noch dramatischer wird die Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass der der Naemi untergeschobene Sohn der Großvater Davids, des späteren Königs Israels, ist. Undenkbar eine solche Genealogie, sollte man meinen. König David ein Viertelmoabiter? Vielleicht hat man deshalb hier sehr genau nach den Wurzeln dieser kleinen Erzählung geschaut, die ja ein bisschen Märchencharakter hat, und wo man dann auf eine Fassung stieß, wo aus zwei Frauen eine geworden ist, aber das ist natürlich eine andere Geschichte.

Dieter Wenk
21.4.02 Ruth – oder: von Misch- und Leviratsehen
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