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Das Buch der Taktik oder: Die vorzeitige Geburt des Jesuitismus. Auf beiden Seiten der Bundeslinie. Der Herr weiß, dass zum Untergang verurteilt ist, wer sich nicht auf Krieg versteht (und irgendwann soll sein Volk ja auch auf eigenen Füßen stehen und nicht alles geschenkt bekommen). Deshalb muss erst einmal ein heilsamer Anarchismus ausbrechen. Was Götzendienst und erlittene Unterdrückung seitens fremder Völker und Stämme einschließt. Die Richter sind dann dazu da, eine kurze Erholung zu erwirken und daran zu erinnern, dass die Sache nicht ganz hoffnungslos ist. Das Volk schreit dann, der Herr hört, ein Richter kommt, eine relative Ordnung herrscht, dann stirbt der Richter, und das Chaos beginnt von neuem. Dieses Muster kennt man ja schon gut. Aber jetzt fangen auch die schönen Geschichten an. Zum Beispiel die von Debora, einer Prophetin und Richterin, unter deren Herrschaft das Weib Jabin wie eine Judith einem feindlichen Führer im Schlafe einen Pflock durch die Schläfe schlägt. Oder die vom Heerführer Gideon, die aber auch zeigt, dass der Herr es nicht ganz lassen kann, seine Eitelkeit als oberster Kriegsherr in Szene zu setzen. Mit einer Hand voll Leuten besiegt Gideon seine zahlreichen Feinde. Das bringt böses Blut im israelitischen Lager, kampfeslustige Leute fühlen sich übergangen, Bürgerkriegszustände brechen aus (und man erfährt, was es heißt, am Dialekt zu leiden: Sprechen Sie einfach mal das Wort Schibboleth aus). Dann gibt es die Geschichte vom Gewaltherrscher Abimelech, in der schon Elemente zu späteren Märchen stecken (zum Beispiel Der Wolf und die sieben Geißlein) und von der man lernen kann, dass es zwar eines Mannes würdig sein kann, sich von einer Frau regieren zu lassen, dass es aber schändlich ist, von einer getötet zu werden. Tod verpflichtet. Dann liest man von dem fatalen Gelübde des tapferen Jephta, der seinen Sieg an ein Opfer bindet, das aber leider seine eigene Tochter ist, die er verbrennen muss. Fahrt unter schwarzem Segel. Und dann gibt es die grausam-schönen Kapitel über den Helden Simson, beinahe auch schon Produkt einer unbefleckten Empfängnis. Aber Simson ist noch kein Zweck (dafür ist er zu barbarisch, also gebotsvergessen), sondern nur ein Anlass, denn die Israeliten leiden gerade unter den Philistern, und hinter Simsons Wunsch, ein Philister-Weib zu freien, steckt ohne Wissen des Helden mehr. Es geht natürlich um Verherrlichung, und es musste mal wieder eine Geschichte her, die man auch später noch erzählen konnte, denn Ägypten ist schon weit weg. Simson, der mit dem Löwen kämpft, bei dem sich Honig und Milch noch auf Honig und Aas reimt, der Rätsel aufgibt, die keiner lösen kann und wo er doch als Verlierer dasteht (der Verrat seiner ersten Frau), der Totschläger und Tierquäler, der Kämpfer mit dem Eselskinnbacken, schließlich der Mann Delilas. Sein Geheimnis mit dem Haar, das noch nie geschoren wurde, daher seine Kraft. Delila bekommt Angebote, viel Geld, wenn sie das Geheimnis verrät. Und wenn Frauen klagen, ist manchmal kein Kraut gewachsen: Und da sie [Delila] ihm [Simson] die ganze Zeit mit ihren Reden zusetzte und ihm keine Ruhe ließ, ward er sterbensungeduldig, offenbarte ihr sein ganzes Herz und sprach zu ihr: Es ist noch kein Schermesser auf mein Haar gekommen, denn ich bin ein Gottgeweihter von Mutterschoß an. Ohne Haare keine Macht. Das hat Tradition gemacht. Delila verrät ihn, man sticht ihm die Augen aus, aber zuletzt rächt Simson sich, ein frühes Beispiel eines Selbstmordkommandos. Daneben stehen verschiedene Geschichten zum Bilderdienst und zuletzt eine weitere Episode in Sachen Bürgerkrieg, diesmal aber hoch dramatisch. Der Anlass ist so lapidar wie der Raub Helenas (eine ephraimitische Frau wird von Benjaminiten vergewaltigt, woran sie stirbt, anschließend von ihrem Mann zerstückelt und als Post an die zwölf Stämme Israels verschickt), aber am Ende fehlt ein ganzer Stamm Israels, nämlich Benjamin, den man bestraft hat. Natürlich bleibt auch hier wieder ein Rest übrig, Männer, denen aber jetzt die Frauen fehlen, weil auch die getötet wurden. Und wie man diese Aporie dann doch noch lösen konnte (denn eigentlich durfte keine Frau aus Israel den Benjaminiten zur Fortsetzung des Stamms gegeben werden, und auch die anderen Völker waren ja tabu), das ist taktisch schon sehr geschickt. Und vieles war geschehen, was man jetzt im Gedächtnis aufbewahren konnte. Aber wie es desillusionierend am Ende heißt: Zu jener Zeit gab es noch keinen König in Israel; ein jeder tat, was ihm recht dünkte. Dieter Wenk |
14.4.02 Richter |
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