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Man würde sich an dieser 1844 ein Jahr vor „Carmen“ erschienen Novelle verkühlen, wenn sie nicht ein so großartiges Ende hätte. Sie hat sogar einen Skandal ausgelöst. Das würde heute nicht mehr passieren, aber man ahnt, dass eine bestimmte, sicherlich nicht kleine Gruppe von Leuten an sich selbst, beim Lesen, vorgeführt bekam, wie ihnen sichtbarlich der Boden unter den Füßen wegrutschte. Die Geschichte als solche ist heute unmöglich, das heißt, sie könnte so nicht mehr erzählt werden.
Das macht, wie schon angedeutet, das Lesen etwas anstrengend, denn es geht um die Bekehrung einer gefallenen Seele, und Seelenheilsgeschichten reißen uns wahrlich nicht mehr vom Hocker. Aber wir dürfen Zeugen dessen sein, wie eine wortgewandte Unsäglichkeit an sich selbst erstickt. Es geht um eine feine, reiche und schöne Dame, die aber nicht von Welt ist, sondern ganz im Gegenteil schon mit einem Bein jenseitigen Boden erreicht hat, von dem aus sie ihre läuternden, bekehrenden und heilsgewisshaften Ansichten dünkt. Ihr Opfer ist eine junge Kurtisane, die sich aus Verzweiflung aus dem Fenster stürzte, die frevlerische Tat aber überlebt hat, nicht zuletzt sicherlich, um gnadenhaft die ihr noch verbleibende Zeit dazu zu nutzen – das Mädchen ist außerdem stark tuberkulös – für ihr Seelenheil zu kämpfen. Natürlich kämpft sie schlecht, sie hört ihrer Wohltäterin kaum zu, und warum das so ist, merkt man selbst, weil man als Leser vom Erbauungsarsenal nicht verschont wird.
Der Hass, für den die arme Arsène schon zu schwach ist, baut sich beim Leser auf, und jener hört nicht auf zu wachsen, denn bald kommt noch eine dritte Figur ins Spiel, ein Mann, der zu beiden Frauen ein Liebesverhältnis unterhielt, zur Kurtisane, die ihn liebte, ein erfülltes, zur anderen, die Frau von Piennes heißt, ein unerfülltes, aber das konnte man sich schon denken. Frau von Piennes hat nun nichts Wichtigeres zu tun, als den etwas labilen Herrn von Salligny, der gerade von einer zweijährigen Reise zurückkehrt, davon abzuhalten, seiner früheren Geliebten in ihren letzten Stunden beizustehen, da sie fürchtet, dass ihr ganzes Erziehungswerk an Arsène durch die Erinnerung an bessere Liebeszeiten über den Haufen geworfen wird. Immerhin – aber das ist noch unglaublich genug – erreicht es der gute Mann, Arsène in Begleitung des amourösen Eiszapfens besuchen zu dürfen, aber zugleich ahnt man, dass die Tauzeit schon begonnen hat. Mehr und mehr zeigt sich, dass auch Frau von Piennes ein schlagendes Herz besitzt und vor allem, dass sie es selber merkt. Sie erreicht den lang ersehnten Punkt, an dem es ihr nicht länger möglich ist, im Grunde doch sehr schöne Wahrheiten durch eine Erfindung zuzudecken, die von sich selbst als von der Wahrheit spricht, und die doch immer wieder feststellen muss, dass sie ihre eigene Lüge ist.
Man hatte also die ganze Zeit einem Papagei zugehört, und das heilsspendende Blut, das er – sich in die eigene Brust mit dem Schnabel hackend (auch wenn das eigentlich das ureigene Gebiet des Pelikans ist) – seinem Zögling zukommen lassen wollte, fließt nun von der anderen Seite, von der Seite des Todes, ihm, dem Papagei, der dadurch selbst verwandelt wird, wieder zurück. Die Bekehrung wechselt also die Seite, Teil eins des Skandals, und sie äußert sich in einem letzten, doch ziemlich perfiden Satz, der für die einen eine wunderbare Genugtuung ist, und für die anderen – der zweite Teil des Skandals. Arsène und Carmen – zwei umwerfende Freundinnen.

Dieter Wenk
23.4.02 Prosper Mérimée, Arsène Guillot
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