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Man muss sich diesen Pilger des Schweigens, von dem es allerdings mehrere gibt in dieser Sammlung von Texten, ein wenig vorstellen wie einen Mönch mit der Lizenz zum Freveln. Frömmigkeit ist hier nämlich nur dessen andere Seite auf dem Weg zu einer unio mystica, an die keiner der Teilnehmer jedoch noch so recht glaubt. Eine große Teilung kennzeichnet alle diese aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts stammenden Texte: die zwischen der dumpfen, triebhaften und hörigen Masse und dem Einzelnen oder einer kleinen Schar Auserwählter. In der mit märchenhaftem Dekor ausgestatteten Titelgeschichte schickt ein Yogi seinen Schützling in die verdorbenste der Städte, und diese kleine Bildungsreise soll ihm erst das Recht geben, sich hinfort aus menschlichen Bindungen zurückzuziehen und sich ganz dem Imperativ hinzugeben: Schau in dich selbst und schweige. Das Phantom schildert in verschiedenen Abschnitten einen perversen Mystizismus zu zweit, bei dem Hyacinthe das von Damase materialisierte Wunschgeschöpf abgibt, und man würde an manchen Episoden an Ulrich und Agathe aus dem Mann ohne Eigenschaften denken, wenn erstere nicht von einem so verruchten und ziemlich abgedrehten Katholizismus geprägt wären, der Nicht-Katholiken für immer unverständlich bleiben wird. Oder könnte einem Protestanten etwa Folgendes überhaupt nur in den Sinn kommen? Nach einem dieser Frage-Antwort-Dialoge zwischen dem begehrenden Schöpfermann und seinem begehrten Frauengeschöpf über die Besonderheit ihrer Religion auf ihrem an eine Prozession gemahnenden Weg zu einer Kirche treten die beiden ein in diesen von Orgelklängen erfüllten Raum, den sie durch magische Empfindungsübertragungen zum Schweigen bringen und durch ihre dann auch körperliche Vereinigung (ent)weihen. Dazu heißt es: Wir brachten dem Heiligen Ort den gebotenen Respekt dar, indem wir uns der ganzen Bescheidenheit gemäß vereinigten, die mit den Gesten der Liebe zu vereinbaren ist. In dem Märchen Das eigenartige Schloss wohnt in demselben eine wunderschöne Frau, der allerdings das fehlt, was sie zur Frau machen würde. Das merken auch enttäuscht die meisten Besucher (Männer), und nur einer redet ihr gut zu, dass sie doch auch so eine tolle Frau ist, und über diese Anerkennung wächst ihr dann das Loch, was ihr bisher fehlte. In dem sich anschließenden Buch der Litaneien kann man ein bisschen Pflanzen-, Blumen- und Baumkunde betreiben, wobei man sich darauf gefasst machen muss, dass man es hier nicht mit ökologischen Studien zu tun hat, schließlich ist der Autor nicht von dieser Welt, sondern vermag in den scheinbar profansten Dingen ganz eigenartige, schmutzige, heilige, kranke, religiöse Erscheinungen zu sehen. Es folgen zwei Texte Stummtheater, die vielleicht am zugänglichsten und vielleicht auch am schönsten von allen sind. Abgeschlossen wird die Sammlung von Wiedergefundenen Seiten, die auf der einen Seite etwas kalt Jugendstilmäßiges haben, auf der anderen aber auch schon Alfred Jarry ankündigen und Pestilenzen à la Léon Bloy karikaturhaft austreiben. Seltsamer Autor, absolut unzeitgemäß, schon damals solitär-elitär, aber was ihm heute auf verschiedenen Sites an Buntheit zugemutet wird, hat er nicht verdient. Oder doch? auch in Richard Strauss Salomé hat man ein Lager aufgeschlagen. Dieter Wenk |
29.4.02 Remy de Gourmont, Le Pèlerin du Silence, Paris 1911 |
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