4. 1 Systemtheorie und Gedächtnis. 2 Die Form des Gedächtnisses
4. 3 Kultur: Von der Gleichheit des Verschiedenen
4. 4 Das Gedächtnis des Kunstsystems/ des Literatursystems
4. 5 Luhmann/ Lotmann/ Lachmann/ Bloom: Überschneidungen und Differenzen.
4. Gedächtnis ohne Speicher
4. 1 Systemtheorie und Gedächtnis
Der Wechsel zu einer systemtheoretischen Perspektive auf das Gedächtnis führt gleichzeitig zu Reduzierung und Zunahme der Komplexität des Gedächtnisproblems. Durch das systemtheoretische Verständnis von Kommunikation als Letztelement von Gesellschaft [176] kann ein Gedächtnis-Begriff entwickelt werden, der nicht auf das Speicherkonzept und Bewußtseinsinhalten aufbaut, sondern nur mit dem Begriff der Kommunikation operiert. Dies wird ermöglicht durch die strikte Trennung von sozialen Systemen, die sich aus Kommunikationen reproduzieren, und psychischen Systemen, die sich anhand von Gedanken reproduzieren. [177] Die Konstruktion eines sozialen Gedächtnisses kann daher nicht auf Bewußtseinsleistungen zurückgreifen, sondern muß als rein kommunikativ operierend verstanden werden. An diesen Gedächtnis-Begriff lassen sich dann Überlegungen zu einem Gedächtnis des Literatursystems als Untersystem des Funktionssystems Kunst anschließen. Ein solcher Gedächtnis-Begriff kann, da er von Speicherfunktion und Bewußtseinsinhalten absieht, die Funktion des Gedächtnisses genauer beschreiben als die bisher aufgearbeiteten Theorien. Gleichzeitig wird die Umwelt des Gedächtnisses jedoch komplexer. Das heißt, damit der systemtheoretische Gedächtnis-Begriff Erkenntnis bringt, müssen noch weitere Teile der Theorie Luhmanns ansatzweise erklärt werden. Es werden also Fragen in den Blickpunkt rücken, die für die bisherige Diskussion der Gedächtnisproblematik irrelevant waren, etwa nach gesellschaftlicher Evolution oder der Trennung von Bewußtsein und Kommunikation.
Luhmanns Theorie der sozialen Systeme ist gleichzeitig eine Erkenntnistheorie, eine Evolutionstheorie, eine Kommunikationstheorie und eine Gesellschaftstheorie. So läßt sich das Thema Gedächtnis aus systemtheoretischer Perspektive von verschiedenen Seiten aus beobachten, entweder als Operieren eines psychischen Systems oder als das eines sozialen Systems. Das soziale Gedächtnis kann wiederum als Produkt der Evolution dargestellt und dessen Modifikation durch Schrift und Buchdruck untersucht werden. Ebenso kann nach Form und Funktion des Gedächtnisses eines Teilsystems gefragt werden.
Während die Thematik und Funktionsweise des sozialen Gedächtnisses [178] in Soziale Systeme [179] noch relativ unbeachtet geblieben ist, kann man in den Veröffentlichungen Luhmanns der letzten Jahre ein zunehmendes Interesse am Thema beobachten. Luhmann räumt nicht nur dem Thema Gedächtnis innerhalb der letzten Veröffentlichungen mehr Platz ein. Er betont auch die Beteiligung des Gedächtnisses an jeglicher Operation des Systems. Neben Arbeiten zum Gedächtnis einzelner Funktionssysteme, entwickelt Luhmann seine Theorie des sozialen Gedächtnisses in den Aufsätzen Zeit und Gedächtnis, [180] Kultur als historischer Begriff. [181] und in einem eigenen Kapitel in Die Gesellschaft der Gesellschaft. [182] In diesen Veröffentlichungen beschreibt Luhmann das Gedächtnis der Gesellschaft als das, was die Gesellschaft selbst seit dem achtzehnten Jahrhundert Kultur nennt. Ich werde zunächst die Form des Gedächtnisses und Luhmanns Verständnis von Kultur als Gedächtnis herausarbeiten, um daran anschließend die systemtheoretische Formulierung des Gedächtnisses mit den bisher dargestellten Ansätzen zu vergleichen. Dabei wird deutlich werden, daß Luhmanns Gedächtniskonzeption sich sehr gut an Blooms und Lachmanns Konzeptionen anschließen läßt, jedoch eine spezifischere und weniger problematische Beschreibung sowohl des literarischen Gedächtnisses, als auch von Kultur als Gedächtnis erlaubt.
4. 2 Die Form des Gedächtnisses
Der Gedächtnis-Begriff der Systemtheorie ist wie die erkenntnistheoretischen Grundlagen seines konstruktivistischen Ansatzes und das Autopoesis-Konzept an Erkenntnissen der Neurobiologie, Neurophysiologie und Kybernetik (vor allem die Forschungen Heinz von Foersters, Humberto Maturanas und Francisco Varelas) orientiert. Innerhalb dieser Disziplinen ist man sich bei aller Uneinigkeit über das Funktionieren des (psychischen) Gedächtnisses, relativ einig, daß die Annahme vom Gedächtnis als einem an einer bestimmten Stelle im Gehirn lokalisierbarem Speicher, in den Informationen eingegeben und wieder abgerufen werden kann, aufgegeben werden muß. [183] Gedächtnis scheint vielmehr eine im gesamten Gehirn lokalisierbare Funktion zu sein, eine Art Zusatzeinrichtung. Deswegen versteht Maturana Gedächtnis auch als eine Kategorie, die ein Beobachter erst einem System (hier Bewußtsein) zuschreibt. [184] Wenn es keinen Speicher gibt, kann die Funktion des Gedächtnisses auch nicht in der Aufbewahrung von Information liegen. [185] Das bedeutet, daß Erinnerungen sich nicht im Gedächtnis befinden, sondern daß Erinnern genau wie Vergessen ein immer aktuelles Operieren und somit auch eine Konstruktionsleistung darstellt. Erinnern beschränkt sich folglich auch nicht auf Operationen, die vom Bewußtsein reflexiv als Erinnerung wahrgenommen werden. Denn das trifft nur auf den kleinsten Teil der Operationen zu. Das Gedächtnis, sei es das eines psychischen oder eines sozialen Systems, entsteht immer im Operieren des Systems, sozusagen als Nebenprodukt [186] der Autopoiesis, der Selbstproduktion des Systems aus seinen eigenen Elementen. Zusatzleistung ist Gedächtnis in dem Sinne, daß es die Existenz des Systems immer schon voraussetzt. Denn Gedächtnis bezieht sich immer auf Sinn [187] , der in den Operationen der Autopoiesis verarbeitet wird. Oder anders gesagt: Damit auf bestimmten Sinn zurückgegriffen werden kann, muß er bereits verarbeitet worden sein und insofern stellt Gedächtnis immer eine nachträgliche Operation dar.
Erinnern kann auch nicht als ein Zurückholen von Vergangenheit betrachtet werden, denn das würde die Reversibilität von Zeit implizieren. Erinnern ist immer ein vom System hervorgebrachtes gegenwärtiges Ereignis und hat als aktuelle Sinnproduktion mit Vergangenheit nur so viel zu tun, als es an Schemata oder Strukturen vergangener Erfahrungen anknüpft. Somit ist Erinnern immer ein gegenwärtiges Erinnern, das in jeder Gegenwart eine neue Vergangenheit entwirft. Man könnte sagen: Die Zeiten ändern sich mit der Zeit. [188] Wenn das Gedächtnis also im Prozessieren besteht, stellt sich die Frage, was die Elemente sind, mit denen operiert wird. Die Elemente mit denen sinnverarbeitende Systeme arbeiten sind Beobachtungen [189] (für das Bewußtsein in der Form von Gedanken, für die Gesellschaft in Form von Kommunikationen). Dirk Baecker, der auf systemtheoretischen Grundlagen die Form des Gedächtnisses zu bestimmen versucht, übernimmt Maturanas Vorschlag, Gedächtnis als eine Form der Beobachtung der Autopoiesis [190] zu konzeptualisieren. Er geht mit Maturana davon aus, daß Gedächtnis im Rahmen der Selbstbeobachtung des Systems die Form der Verarbeitung dessen ist, was es durch die Möglichkeit der Erinnerung in autopoietischen Systemen zu schlicht gegenwärtigen Operieren hinzutritt. [191] Gedächtnis entsteht folglich in Form nachträglicher Bezugnahme auf die Autopoiesis. Die Autopoiesis des Systems besteht in der Reproduktion von Operationen, die die Form von Beobachtungen haben. Diese sind aber qua Definition zeitgebundene Ereignisse, was bedeutet, daß sie im Moment ihres Erscheinens bereits wieder verschwinden. [192] Damit auch nach zeitlicher Distanz auf sie Bezug genommen werden kann, müssen sie wiederum selbst beobachtet werden und in diesem Moment der Selbstbeobachtung, in der das System beobachtet, wie es zuvor beobachtet hat, konstituiert sich Gedächtnis. [193] Auf autopoietischer Ebene verlaufen die Operationen des Systems blind. Sie sind zwar Beobachtungen, beobachten jedoch nicht sich selbst beim Beobachten. Im Moment des Erinnerns kann das System jedoch beobachten, wie es sich selbst von seiner Umwelt unterschieden hat, indem eine einmal getroffene Unterscheidung wieder ins System eingeführt wird. [194] Das Gedächtnis ermöglicht es dem System seine eigenen Operationen zu beobachten und Selbstbeschreibungen anzufertigen. Das System kann sich auf diese Weise durch das Setzen einer vorher/ nachher Differenz eine eigene Geschichte konstruieren. Die erinnernde Operation beobachtet Operationen des Systems und konstituiert so eine systemrelative Systemgeschichte, in der sich die Selektivität von Ereignissen selektiv reproduziert. [195] Die vom Gedächtnis konstruierte Systemgeschichte ist immer insofern relativ, als auch eine andere Unterscheidung zur Beobachtung gewählt werden hätte können. Die Selbstbeobachtung des Systems ist natürlich eine Operation des selbigen und nimmt an dessen Reproduktion teil, was sie jedoch nicht gleichzeitig beobachten kann. Das System kann also abwechselnd Beobachter und Beobachtetes sein. Sie kann aber nicht beides gleichzeitig, da jede Beobachtung Zeit benötigt. So entsteht eine paradoxe Zeitsituation. Einerseits ist Gedächtnis immer als gegenwärtiges Operieren zu verstehen. Andererseits ist ihm aufgrund der Zeitdifferenz zwischen Beobachtung erster und zweiter Ordnung (das heißt eine Beobachtung beobachtende Beobachtung) immer eine Nachträglichkeit zu eigen, da es sich rekursiv auf bereits ereignete Systemoperationen bezieht. An diese gegenwärtige Nachträglichkeit muß wiederum zukünftig angeschlossen werden können, denn das Gedächtnis erschließt sich wie jede Kommunikation nur in der Anschlußkommunikation.
Untersucht man also das Gedächtnis der Gesellschaft, läßt sich dieses nicht anhand einer bestimmten unveränderlichen Menge von Zeichen, Texten oder Artefakten festmachen, sondern ausschließlich an den jeweils aktuell ablaufenden Operationen des Systems, die nachträglich die eigene Autopoiesis beobachten. Indem Selbstbeobachtungen vergangene Operationen des Systems in das System wiedereinführen, machen sie es für sich selbst undurchsichtig und nicht vorhersehbar. Gleichzeitig erhöhen sie die Möglichkeiten des Systems auf sich selbst zu reagieren. Sie institutionalisieren eine Beobachtungsebene zweiter Ordnung, anhand derer Generalisierungen für zukünftige Unterscheidungen gewonnen werden können. Das heißt, daß die Wiedereinführung von Operationen zur inneren Strukturierung des Systems beiträgt, etwa durch den Aufbau von Erwartungsstrukturen.
Auf diese Generalisierungen und diese Abstraktionen kommt es an. Sie heben das System, wenn man so will, aus seiner eigenen Autopoiesis heraus und erlauben ihm, momentweise anfallende Beobachtungen zu »sammeln« und zu einer von der Autopoiesis unterschiedenen und in der Autopoiesis einsetzbaren Referenzebene zu destillieren. Das System gewinnt so außerordentlich folgenreich die Möglichkeit, nicht nur auf seine Umwelt, sondern auch auf sich selbst zu reagieren, und vor allem: die Umwelt in Distanz zu setzen und fast nur noch auf sich selbst (wenn auch hier nur selektiv) zu reagieren. [196]
Diese Abstraktionsebene, auf der die Gesellschaft sich selbst beobachtet und diese Beobachtungen wieder in die Autopoiesis einführt, wird Kultur genannt. Diese läßt sich somit als Reflexionsebene von Selbstbeschreibungen verstehen oder als Beobachtung des Vollzugs von Gesellschaft. Durch die gleichzeitige Teilnahme der Selbstbeobachtungen an der Systemreproduktion, operiert das System immer mehr mit Bezügen auf sich selbst, denn mit Referenzen auf seine Umwelt. Baeckers Beobachtung, das System werde durch die Wiedereinführung von Beobachtungen immer selbstreferentieller, läßt sich mit der Beobachtung verbinden, daß der Geltungsbereich dessen, was als Kultur gilt, sich seit dem Entstehen des Begriffs enorm erweitert hat.
4. 3 Kultur: Von der Gleichheit des Verschiedenen
Die besondere Bedeutung, die das soziale Gedächtnis heute für die Gesellschaft hat, verdankt es der Entwicklung der Schrift und dem Buchdruck. Damit ist nicht gesagt, daß frühere Gesellschaften kein Gedächtnis hatten, sondern lediglich, daß sich mit der erhöhten Verbreitung von Büchern und anderen Schriftstücken seit dem Buchdruck ein schriftbasiertes Gedächtnis etabliert hat, dessen Funktionsweise um so deutlicher wird, wenn es mit dem oraler Gesellschaften verglichen wird.
Während vorschriftliche Gesellschaften ihr Gedächtnis an Objekten und Inszenierungen (Quasi-Objekten) aller Art fixieren mußten und nur auf diese Weise sich von absterbenden Gedächtnissen der Menschen unabhängig machen konnten, wird durch den Gebrauch von Schrift das Diskriminieren von Erinnern und Vergessen zur Sache von Entscheidungen. Denn Aufschreiben ist auch immer Nichtaufschreiben von Anderem. Schrift ist selbstgemachtes Gedächtnis. [197]
In oralen Gesellschaften ist Kommunikation an Interaktionen gebunden. Um sich auf relevante Kommunikationen über mehrere Generationen hinweg beziehen und sich von den Einzelgedächtnissen der Menschen unabhängig machen zu können, müssen schriftlose Gesellschaften Rituale oder Feste inszenieren und an heilige Orte binden, damit ein bestimmter Sinn wiederholt werden kann. [198] Ein solches (topographisches) Gedächtnis bleibt, aufgrund seiner Bindung an die gesprochene Sprache, immer ort- und zeitgebunden, da die Form der Sprache extrem instabil ist und Laute nur eine bestimmte Reichweite haben. Um also Wiederverwendbarkeit zu garantieren, müssen bestimmte mnemotechnische Vorkehrungen getroffen werden wie z. B. die Orientierung der Rede an Formelhaftigkeit oder Rhythmus. Die Einführung der Schrift ermöglicht ein Gedächtnis vollkommen neuer Prägung, denn sie verändert das Was und das Wie des Gedächtnisses. Das schriftbasierende Gedächtnis ermöglicht es, Themen zu erinnern, die im mündlichen Gedächtnisprozeß nicht wiederaufgenommen worden wären. Nicht nur die Anzahl der Erinnerungen (und des Vergessenen), sondern auch die Themenvielfalt wächst ins Unermeßliche. [199] Obwohl schriftliche Kommunikation genau wie mündliche ein zeitgebundenes Ereignis darstellt, ermöglicht es Schrift an Kommunikationen anzuknüpfen, deren Ereignisgegenwart eine andere als die eigene ist. Dadurch entsteht eine neuartige Präsenz von Zeit, nämlich die Illusion der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die bloß virtuelle Zeit der Vergangenheit und der Zukunft ist in jeder Zeit präsent, obwohl für sie etwas ganz anderes gleichzeitig ist als für die Gegenwart. [200] Die relative Stabilität des Mediums Schrift und der Form Text [201] ermöglicht es daher, durch Wiederlesen der mit einem Zeitindex versehenen Texte oder mündlicher Bezugnahme auf sie, bestimmten Sinn wiederzuverwenden. Genau in diesem Moment der Rekursivität, der Re-Imprägnierung der Kommunikation [202] oder Wiederholung von sich selbst unter anderen Bedingungen [203] ereignet sich Kommunikation als Erinnern. Indem Kommunikation selektiv den wiedererkennbaren Sinn einer Kommunikation (Themen, eventuell auch Wortlaut) aufgreift, erinnert sie und vergißt dabei gleichzeitig andere Kommunikationen. Die Wiederholung selbst erzeugt Erinnern und Vergessen. Immer geht es dabei um Voraussetzungen des jeweils aktuellen Operierens, also nicht um ein Hin- und Herspringen in der Zeit. [204] Erinnern und Vergessen sind zwei Seiten der selben Operation. Dem Vergessen kommt dabei quantitativ und qualitativ die weitaus größere Bedeutung zu, da immer viel mehr vergessen als erinnert wird und gleichzeitig das Vergessen überhaupt erst das Erinnern ermöglicht, indem es Kapazitäten bereithält und die Selbstblockierung des Systems durch ein Zuviel an Erinnerung verhindert. Nur weil ein System überhaupt Spuren löschen und vergessen kann, ist es fähig zu erinnern und daran anschließend zu lernen. Gedächtnis ist somit auch an der Herstellung von Anschlußfähigkeit beteiligt. Wiederholung ist jedoch keine Rückkehr oder Herstellung eines vergangenen Zustandes, da dies, wie bereits angeführt, eine Reversibilität von Zeit implizieren würde. Sie ist vielmehr ein immer aktuelles Operieren in der Gegenwart, die erst durch die Ereignishaftigkeit der Kommunikation entsteht als Differenz von Vergangenheit und Zukunft. [205] Das Gedächtnis verknüpft sozusagen in seinem gegenwärtigen Operieren Vergangenheit und Zukunft (die ja gerade im aktuellen Operieren erst entstehen), Nachträglichkeit und Aufschub, indem es sich wiederholend auf vergangene Kommunikationen bezieht. Gleichzeitig muß es die Wiederverwendbarkeit der Kommunikation in einer noch offenen Zukunft garantieren. Dabei binden die gegenwärtigen Beobachtungen das System bei seinen zukünftigen Operationen, ohne die Zukunft dadurch vorhersehbar zu machen. Bei der Wiederholung oder zukünftigen Bezugnahme auf Kommunikation kann sich, das ist sogar sehr wahrscheinlich, das psychische Element (d. h. Assoziationen, Gedanken, Wahrnehmungen eines psychischen Systems) ändern, aber das ist für das Funktionieren des sozialen Gedächtnisses nicht relevant, denn es operiert rein kommunikativ.
Ein soziales Gedächtnis muß sich außerhalb von (was nicht heißt: unabhängig von) psychischen Gedächtnisleistungen bilden. Es besteht denn auch allein in der Verzögerung von Wiederverwendungen der Worte und des mit ihrer Hilfe gebildeten Aussagesinns. Psychische Systeme werden gleichsam nur als Zwischenspeicher benutzt. Entscheidend für das soziale Gedächtnis ist das Abrufen von Gedächtnisleistungen in späteren sozialen Situationen, wobei das psychische Substrat über längere Zeiträume hinweg durchaus wechseln kann. [206]
Das soziale Gedächtnis ist zwar auf psychische Systeme qua struktureller Kopplung von Kommunikation und Bewußtsein angewiesen, erschließt sich aber nicht aus Gemeinsamkeiten von Bewußtseinsystemen. Nur weil Bewußtseinsysteme in der Umwelt des sozialen Gedächtnisses operieren und nicht einsehbar sind, kann es überhaupt ein soziales Gedächtnis geben. Ein kollektives Gedächtnis könnte nur bedingt operieren, weil die Gemeinsamkeit der Erinnerung ständiger Prüfung und andauernden Mißverständnissen unterläge. Und gerade weil nicht alle gemeinsam erinnern, wird ein soziales Gedächtnis überhaupt relevant. Gerade die Schwierigkeiten, wenn nicht Unmöglichkeit, die individuell verstreuten Erinnerungen zu reaktivieren, begründet die Notwendigkeit eines spezifisch sozialen Gedächtnisses [207] . Hier wird die Differenz zwischen Luhmanns Gedächtnistheorie und einer Theorie des kulturellen Gedächtnisses deutlich, wie sie Jan und Aleida Assmann in Anschluß an Maurice Halbwachs formuliert haben. Der kollektive oder soziale Aspekt des Gedächtnisses liegt nach Halbwachs einerseits in der Prägung des Individualgedächtnisses durch ein Gruppengedächtnis und andererseits in der identitätsstiftenden Funktion der gemeinsamen Erinnerung. Individualgedächtnis(se) und Kollektivgedächtnis(se) konstituieren einander gegenseitig. Die Prägung des Individualgedächtnisses bezieht sich eindeutig auf Vorgänge individueller Bewußtseinssysteme. Ob es solche Parallelen psychischer Systeme gibt, scheint aus systemtheoretischer Perspektive eher unwahrscheinlich und theoretisch auch irrelevant zu sein, da sich anhand eines Kollektivgedächtnisses nicht erklären läßt, wie die soziale Kommunikation Erinnerung (Vergangenheit) und Oszillation (Zukunft) trennt. [208] Für das Gedächtnis der Gesellschaft ist nur Kommunikation relevant, individuelle Erinnerungen bleiben Umwelt. Während Jan und Aleida Assmann in ihrem Aufsatz Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis zwischen einem identitätsstiftenden Funktionsgedächtnis und einem identitätsneutralem, unbewohnten Speichergedächtnis unterscheiden, verzichtet Luhmanns Modell komplett auf die Fähigkeit zu speichern. Die Tatsache, daß Texte von Institutionen bewahrt und archiviert werden, ermöglicht dem sozialen Gedächtnis Zugriff auf Texte und vergrößert seinen Selektionsspielraum. Aber das Lagern selbst ist kein Vorgang des Gedächtnisses ebensowenig wie die Texte selbst als Gedächtnis fungieren. Sie sind nur Artefakte, nur Möglichkeiten der memoriellen Konsistenzprüfung. Ob und wieweit sie in Funktion treten bleibt abhängig von der Autopoiesis des Systems. [209] Das soziale Gedächtnis kann nur erinnern und vergessen und das in Form von mündlicher oder schriftlicher Kommunikation.
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, so Luhmann, beschreibt die Gesellschaft diese Funktion mit dem historischen Begriff Kultur. [210] Luhmanns Fragestellung richtet sich nicht so sehr dannach, was erinnert und was vergessen wird, sondern interessiert sich dafür, warum die Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt ihre Gedächtnisfunktion reflektiert, benennt und dadurch den Begriff Kultur in die Kultur einführt. Die Einführung und Beibehaltung des Begriffs Kultur antwortet auf die veränderte Beziehung zwischen Gesellschaftsstruktur und Semantik, wie sie durch die gesellschaftliche Ausdifferenzierung in Funktionssysteme im 18. Jahrhundert stattgefunden hat. [211] Die Ausdifferenzierung in getrennte gesellschaftliche Teilsysteme führt zu einer unglaublichen Vielzahl gegenseitiger Beobachtungen, die unter einem vergleichenden Gesichtspunkt integriert werden können müssen. Der im Gegensatz zu Natur und in Ablösung des Begriffs Geschmack eingeführte Begriff Kultur realisiert diese Möglichkeit durch die Institutionalisierung einer Referenzebene, auf der Beobachtungen verglichen werden können. Kultur entsteht nicht als ein weiteres ausdifferenziertes Funktionssystem, das in Konkurrenz etwa zu Kunst und Religion tritt [212] , sondern bietet eine dritte, hierarchisch jedoch nicht übergeordnete, Vergleichsposition. Durch die ungeheure Zunahme der Buchproduktion und die Durchsetzung von Verbreitungsmedien [213] wird ein Großteil gesellschaftlicher Kommunikation von Mündlichkeit auf Schriftlichkeit umgestellt und es entsteht die Möglichkeit besser denn je Beobachtungen beobachten zu können. Als Ereignisse verschwinden die Kommunikationen zwar, als Texte sind sie jedoch präsent, sammeln sich an und fordern den Vergleich ihrer Positionen heraus. Aus der ungeheuren Zunahme der Beobachtungen entstehen neue Ideen, Fragen und Unterstellungen von Motiven für die getroffenen Unterscheidungen. Kultur stimuliert so ein kulturvergleichendes Interesse [214] , das sich sowohl auf regionale als auch historische Vergleiche bezieht und das System zu Selbstbeobachtungen anregt. Man kann verschiedene Bücher nebeneinanderlegen und fast gleichzeitig lesen. Damit entsteht eine neue Unübersichtlichkeit und der Bedarf für methodischen Zugriff. [215] Als Vergleichstechnik stimuliert Kultur nicht nur wissenschaftliche Reflexion, sondern bietet Raum für Selbstbeschreibungen, die das Eigene vom Fremden unterscheiden. Denn jeder Vergleich im Rahmen von Kultur reproduziert gleichzeitig Gleichheit und Differenz. Kultur unterstützt auf diese Weise das Bedürfnis gesellschaftlicher Gruppen sich von anderen zu differenzieren. Kultur bietet damit immer auch die Möglichkeit, sich aus der Position des Verschiedenseins gegen das Gleichsein zu wehren. [216] Unter dem Label Kultur können bestimmte regionale Gesellschaftsformen selbige abgesprochen bekommen, genauso wie sich andere Gesellschaftsformen als fortschrittlich aus historischer Perspektive beschreiben können. Kultur bietet so den Raum Distinktionen vorzunehmen. [217] Als Vergleichsebene entsteht Kultur, indem einer beobachteten Form eine bestimmte oder andere mögliche Alternativen gegenübergestellt werden und die Beobachtung daraufhin geprüft wird, ob sie passend oder unpassend ist. Somit führt Kultur Kontingenz in die Gesellschaft ein, da sie verdeutlicht, daß jede Beobachtung auch anders hätte angefertigt sein können. Diese Vergleichstechnik erklärt zwar Kultur, jedoch nicht, warum nicht schon früher ein passender Begriff dafür gefunden wurde. Vergleiche generieren, rückblickend gesehen, Kultur, aber noch nicht einen Begriff von Kultur und Kommunikation über Kultur. [218] Erst das Abschließen der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung in Funktionssysteme und das Entstehen einer Reflexionsebene durch die Durchsetzung der Verbreitungsmedien im 18. Jahrhundert ermöglichen es der Gesellschaft, sich selbst als kontingent und die Ebene dieser Reflexion als Kultur zu beschreiben. Mit dem Geburtsfehler Kontingenz [219] behaftet, bietet Kultur die Möglichkeit zum Vergleich und deswegen auch zur massiven Irritation, da durch den Vergleich von Beobachtungen, deren Konstruktionscharakter thematisiert wird. Das heißt, die vergleichende Verdopplung zieht die Authentizität der Beobachtung in Mitleidenschaft.
Kultur ist nach all dem ein Doppel, sie dupliziert alles, was ist. Daher formuliert sie ein Problem der »Identität«, das sie für sich nicht lösen kann und deswegen problematisiert. Nach wie vor kann man mit dem Messer schneiden, kann man zu Gott beten, zur See fahren, Verträge schließen oder Gegenstände verzieren. Aber außerdem läßt sich alles ein zweites Mal beobachten und beschreiben, wenn man als kulturelles Phänomen erfaßt und Vergleichen aussetzt. [220]
Aus der gesteigerten Möglichkeit der Vergleichbarkeit ergibt sich nicht nur ein Interesse an der Kultur [221] , sondern auch eine Problematisierung von Begriffen wie Identität, Echtheit oder Einzigartigkeit, die nicht so sehr unter der Prämisse der Vergleichbarkeit, denn als authentisch und unvergleichbar verhandelt werden. [222] Alles kann theoretisch anders beobachtet werden und dennoch erscheint die eigens erinnerte Geschichte des Systems die einzige authentisch Erinnerbare zu sein. Nicht nur aus diesem Grund birgt das soziale Gedächtnis Konflikt- und Verwirrpotential. Während das orale Gedächtnis nur die als essentielle Wahrheiten empfundenen Kommunikationen reproduziert, kann das schriftbasierende durch die Massenmedien verbreitete Gedächtnis nahezu alles, was einmal aufgezeichnet ist wieder in die gesellschaftliche Kommunikation einführen, ohne daß die Wiedereinführung der Kommunikation Konsens voraussetzt. Der Funktion des oralen Gedächtnisses, Orientierung zu liefern, kann das auf Schrift basierende soziale Gedächtnis kaum gerecht werden, da es zu viel als potentiell relevant erinnert. Die Funktion, Anhaltspunkte zu bieten, verlagert sich also auf die Gedächtnisse der einzelnen Funktionssysteme. [223]
Im Folgenden sollen nun Luhmanns Beobachtungen des Teilsystems Kunst hinsichtlich des Themas Gedächtnis befragt und auf die Konstruktion eines Gedächtnisses der Literatur hin angedacht werden. Die literaturtheoretischen Probleme, die aus der Setzung von literarischen Texten als Letztelementen und der Frage nach dem Code des Systems resultieren, werden hier nicht eingehend behandelt, da sie nicht eigentliches Thema dieser Arbeit sind.
4. 4 Das Gedächtnis des Kunstsystems/ des Literatursystems
Systemtheoretisch läßt sich die Moderne als einen Wandel gesellschaftlicher Differenzierung verstehen. War die vormoderne Gesellschaft vor allem stratifikatorisch eingeteilt, das heißt schichtspezifisch (z. B. Adel/ Volk), so setzt sich im 18. Jahrhundert die äußerst folgenreiche Ausdifferenzierung in gesellschaftliche Funktionssysteme durch. Während stratifikatorische Differenzierung Personen aufgrund ihrer Schichtzugehörigkeit die Teilnahme an einem spezifischen System zuweist, bedeutet eine funktionale Ausdifferenzierung die theoretische Möglichkeit zur Teilnahme an jedem Funktionssystem. Das heißt, jede und jeder kann am Rechtssystem, Wirtschaftssystem oder Wissenschaftssystem teilnehmen. Entscheidend dafür ist der der Kommunikation zugrunde liegende Code, nicht der soziale Status des Individuums. Jedes dieser sich ausdifferenzierenden Funktionssysteme bleibt Umwelt der jeweils anderen und erbringt eine spezifische Leistung innerhalb der Gesellschaft, die von keinem der anderen Systeme übernommen werden kann. In Folge der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung setzt sich laut Luhmann spätestens im 18. Jahrhundert auch ein Funktionssystem Kunst mit einer eigenen Funktion und einer spezifischen Leistung durch. [224] Das bedeutet ebenfalls, daß das, was als Kunst kommuniziert wird, nicht vom moralischen, religiösen oder wissenschaftlichen Code [225] abhängt, sondern allein von dem des Kunstsystems. Während über die Ausdifferenzierung des Systems, die schon lange unter dem Begriff Autonomie diskutiert wurde, weitgehend Konsens innerhalb der kunsttheoretischen und literaturwissenschaftlichen Debatte besteht, herrscht über Code und Funktion des Kunstsystems Uneinigkeit. Die literaturtheoretische Debatte, die an Luhmann anschließend, von einer weiteren Differenzierungsform, dem Subsystem Literatur, ausgeht, kreist deshalb unter anderem auch um die Bestimmung dieses Codes, der darüber entscheidet, welche Kommunikationen dem Literatursystem zuzurechen sind. [226] Die Bestimmung von literarischen Texten zu Letztelementen des Systems führt außerdem zu der Problematik, Texte als ereignishafte Kommunikationen verstehen zu müssen. Texte an sich stellen jedoch keine Kommunikation dar, denn Kommunikation findet immer erst im anschließenden Verstehen statt. Zur Kommunikation werden sie erst in dem Moment, in dem an sie angeschlossen wird. [227] Diese Anschlußfähigkeit wird im Kunst- bzw. Literatursystem durch das Gedächtnis geleistet. Ebenso wie die Gesellschaft operieren die einzelnen Funktionssysteme mit einem eigenem Gedächtnis, dessen Aufgabe es ist, vorherige Operationen zu vergessen und selektiv andere Operationen zu erinnern. Die Spezialgedächtnisse dienen den Funktionssystemen dazu, wie analog Kultur der Gesellschaft, sich selbst zu beschreiben und alle laufenden Operationen einer Konsistenzprüfung zu unterziehen. Diese Funktion, Operationen zu vergleichen und auf ihre Abweichung von bisherigen Operationen hin zu prüfen, ist für das Kunstsystem besonders wichtig, da Kunstwerke seit der Ausdifferenzierung des Kunstsystems nicht mehr programmatisch der imitatio, der bestmöglichen Nachahmung der Natur bzw. der klassischen Werke verpflichtet sind. Das hängt mit der Temporalisierung des Zeitbegriffs im 18. Jahrhundert und der zunehmenden Wertschätzung des Neuen zusammen. [228] Noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts war man im allgemeinen davon ausgegangen, daß das Alte besser sei als das Neue und daß die Bemühungen der Wiederherstellung des Wissens und Könnens der Alten zu gelten haben. [229] Im 18. Jahrhundert setzt sich, wahrscheinlich durch den enormen Wissenszuwachs aufgrund des Buchdrucks bedingt, Neuheit als positiver Wert durch. Neuheit wird sowohl gesamtgesellschaftlich als auch im Kunstsystem mit Wertschätzung in Verbindung gebracht und kann genossen werden. [230] Das bringt in der Romantik einen neuen Typ Künstler hervor, das Genie, dessen Kreativität sich nicht der Nachahmung der Vorbildern verdankt. Alexander Gerard stellt in seinem 1774 veröffentlichten An Essay on Genius [231] der Imitation das vom Genie geschaffene Neue gegenüber. Genius is properly the faculty of invention; by means of which a man is qualified for making new discoveries in science, or for producing orginal works of art. [...]. Whatever falls short of this, is servile imitation [...] which, as not implying invention, can be deemed no proof of genius,[...]. [232] Der Grad der Genialität des Künstlers ergibt sich dabei nach Gerard aus dem Maß der Neuheit des Kunstwerks. Anhand des Genies, das schaffen kann, was es zuvor nicht gab, kann sich die zeitgenössische Ästhetik dann auch die Weiterentwicklung von Kunst erklären. Der Bedarf nach Entwicklung und Neuheit der Kunst kann erst im Moment der Ausdifferenzierung des Systems entstehen, da sich die Frage nach der Autopoiesis zuvor gar nicht stellte. In der stratifikatorisch differenzierten, vormodernen Gesellschaft war Kunst weitgehend Auftragsarbeit und galt Repräsentationszwecken von Adel und Kirche. Erst die Anforderung des Kunstsystems sich selbst reproduzieren zu müssen, zwingt Kunstwerke dazu innovativ zu sein. Indem sich Kunst von der Nachahmung der alten vorbildhaften Kunstwerke und Regelpoetiken befreit, entsteht sowohl eine neue Relation zwischen den einzelnen Kunstwerken, als auch neue Produktionsbedingungen für das Einzelwerk. Es bedeutet für das Kunstwerk neue Freiheiten, indem es nicht mehr verbindlichen Stilvorgaben folgen muß und gleichzeitig Innovationsdruck, da es sich vom Bisherigen unterscheiden muß.
Die vergangene Kunst ist nicht mehr Vorbild, Muster, nicht mehr ein Reservoir von paradigmata, von exempla. [...] Aber gerade dadurch, daß sie ihre bindende Selbstverständlichkeit verloren hat, gibt sie Formen und Stile als verfügbares Material frei. Museen (und in anderer Weise Bibliotheken) dienen jetzt als systeminterner Kontext, gegen den sich Neues als neu profilieren kann und der dafür unentbehrlich ist. Wenn das so ist [...], kann man jetzt auf diese Kontextfunktionen zurückgreifen und Neuheit dadurch erzeugen, daß man den Kontext wählt, ja erzeugt, vor dem Neues als neu erscheinen kann.[...] Man operiert auf der einen Seite des Neuen, auf der Seite des Systemgedächtnisses, um den Hintergrund wählen zu können, vor dem die aktuell produzierten und positionierten Werke als neu erscheinen können. [233]
Das bedeutet, jedes Kunstwerk muß um erfolgreich zu sein, nicht nur einem bestimmten Code folgen, sondern auch den Anforderungen der Originalität und Innovation Folge leisten. Diese Funktion, den jeweiligen Kontext für ein Kunstwerk zu erzeugen, vor dem es sich als neu absetzen kann, erfüllt das Gedächtnis. Es sorgt für die jeweilig spezifische rediscription [234] des Systems, die es jedem Kunstwerk ermöglicht, sich in eine Tradition zu stellen oder eben mit einer solchen zu brechen. Es besteht jedoch keine Programmvorgabe wie das Einzelkunstwerk dabei verfahren muß oder welche Formen dabei gewählt werden müssen. Wichtig allein für den Anschluß des Kunstwerks an andere Kunstwerke und die Möglichkeit des zukünftigen Anschlusses ist Herstellung eines Kontextes, vor dem das jeweilige Kunstwerk sich als Innovation absetzen kann. Die Verpflichtung des Kunstsystems auf Neuheit bringt jedoch das Problem mit sich, daß Neuheit als Ereignis schnell wieder veraltet. Deswegen müssen immer neue Kunstwerke geschaffen werden, die Neuheitswert ins System einführen und das System aufrecht erhalten. Die alt/ neu Differenz, anhand derer sich Kunstsystem und Literatursystem beschreiben, muß daher mit jedem neuen Kunstwerk erneuert werden, indem jedes seinen eigenen spezifischen Kontext herstellt. Dies geschieht entweder, indem versucht wird das, was bisher als Nicht-Kunst galt, ins System einzuführen (etwa Gebrauchsgegenstände im Falle Duchamps oder einzelne Laute bei Schwitters), durch die Wiedereinführung bereits verwendeter Formen oder durch das explizite Nichtverwenden bestimmter für eine Tradition stehender Formen. In jedem Fall geht es um eine Relationierung zu anderen Kunstwerken. Luhmann schlägt ohne expliziten Bezug zum Thema Gedächtnis den Begriff Stil vor, um diese Anschlußmöglichkeit von Kunstwerken durch die Möglichkeit der Abweichung zu beschreiben. Als Gedächtnisleistung des Kunstsystems funktioniert Stil in dem Sinne, daß er selektiv bestimmte Operationen des Systems im einzelnen Kunstwerk erinnert, während er den größten Teil der systemeigenen Operationen ausblendet. Durch die Aktivierung bereits einmal getroffener Unterscheidungen im Kunstwerk ermöglicht Stil dem Werk gleichzeitig Kontinuität und durch die Rekontextualisierung der alten Formen Abweichung von diesen. Vielmehr gibt der Stil selbst die Direktiven für ein Abweichen vom Stil, das immer dann berechtigt ist, wenn die Durchführung als Kunstwerk gelingt. [235] Jedes einzelne Kunstwerk arbeitet so an der Weiterentwicklung des Stils und ermöglicht gleichzeitig den zukünftigen kommunikativen Anschluß. Die Temporalisierung von Stil im 18. Jahrhundert, das heißt das Ersetzen eines verbindlichen Stils durch die historische Abfolge verschiedener Stile, geht außerdem einher mit dem Entstehen eines Fachpublikums, welches der Unterscheidung verschiedener Stile mächtig ist. Stil verstanden sowohl im traditionellen Sinne von Machart als auch im modernen Sinne historischer Stile [236] gewährleistet nicht nur die Anschlußfähigkeit, sondern auch die Erkennbarkeit von Kunstwerken. Denn ohne den Kontext Kunstsystem, auf den Stil verweist, wäre jede Einordnung des singulären Werkes, wenn es so etwas gäbe, unmöglich. Singularia lassen sich nicht einordnen, also auch nicht als Kunst verstehen und beobachten. [237]
Es stellt sich die Frage, ob das, was der Stil-Begriff hier leistet, auch durch den Begriff der Intertextualität verdeutlicht werden kann. Denn in jedem Falle geht es bei Stil um die Relationierung des Kunstwerkes zu anderen. Heißt das, das jede Form von Intertextualität, etwa als Zitat, als Stil beziehungsweise Gedächtnisfunktion gedacht werden kann? Luhmann unterscheidet in seinem Aufsatz Das Kunstwerk und die Selbstproduktion der Kunst zwischen Zitat und Stil, ebenso wie zwischen Form und Kontext. Dabei wird deutlich, daß sich Stil nicht im Zitieren erschöpft, sondern sich aus der spezifischen Art ergibt Form und Kontext aufeinander zu beziehen.
Dabei ist der Kontext alles, was als Horizont des Kunstwerks fungiert, was seine Verweise regelt. [...] Auch das Zitieren anderer Werke [...] gehört nur zum Kontext, und der Stil findet sich gerade nicht im Zitat, sondern nur in der Art und Weise, wie es zur Form des Kunstwerks selbst als Zitat (und nicht nur: als Moment der Form!) beiträgt. [238]
Ein Zitat oder eine Homologie zwischen zwei Texten macht also nicht den Stil aus, sondern die spezifische Art der Anwendung des Zitats. Das heißt, daß es bei der Gedächtnisfunktion Stil, genau wie bei Kultur auf gesellschaftlicher Ebene, um eine Vergleichstechnik geht. Nicht die Verwendung des Zitats ist relevant, sondern die Umstände der Wiederholung, die die beiden Verwendungen vergleichbar macht. Das neue Kunstwerk kann sich so als innovativ und neu, hingegen den Stil des Vorgängers als alt beschreiben. Für den Stil von Hoffmanns Lebensabsichten des Katers Murr [239] ist nicht so sehr relevant, daß er die von Goethe geprägte Form des Bildungsromans aufgreift, sondern daß er diese ironisiert. Der Stil Hoffmanns thematisiert auf diese Weise eine bestimmte Darstellungsweise als überholt und dem jetzigen Zustand des Systems nicht mehr entsprechend. Anhand von Stil beobachtet das Kunstsystem nicht nur, daß es eine Operation bereits benutzt hat, sondern auch wie diese Unterscheidung einmal getroffen wurde. Stil ist daher analog zu Kultur die Reflexionsebene des Kunstsystems, die vergleicht wie Unterscheidungen getroffen worden sind. Aufgrund der spezifischen Aufgabe des Kunstgedächtnisses, kann es Orientierung geben, was dem gesellschaftlichen Gedächtnis kaum gelingen kann. Während die gesellschaftliche Autopoiesis sich laut Luhmann auch ohne Gedächtnis vollziehen könnte, ist Kunst seit und wegen ihrer Ausdifferenzierung zur Selbstproduktion auf ein spezifisches Gedächtnis angewiesen.
4. 5 Luhmann/ Lotmann/ Lachmann/ Bloom: Überschneidungen und Differenzen
Im Gegensatz zu den Ansätzen Blooms und Lachmanns stellt die Systemtheorie eine soziologische Perspektive dar. Sie wurde im Anschluß an literaturtheoretische Überlegungen aufgegriffen, da sie als Gesellschaftstheorie literarische Kommunikation und somit ein Gedächtnis des Subsystems Literatur beobachten kann. Vor allem aber erlaubt sie Korrekturen an der kultursemiotischen Auffassung von Kultur als Gedächtnis, die Renate Lachmann von Juri Lotman übernimmt. Luhmanns und Lotmanns Ansätze weisen einige deutliche Parallelen auf. Beide Theorien arbeiten mit einem semiotischen Verständnis von Kultur und richten ihren Fokus auf gesellschaftliche Selbstthematisierungen. Außerdem betonen beide vor allem die Funktion des Vergessens für das Gedächtnis, sowie die potentielle Wiederaufnahme von Vergessenem. Während Lotman von einem eigenen Kultursystem ausgeht, erscheint aus systemtheoretischer Perspektive Kultur als Beobachtungsperspektive innerhalb des umfassenden Gesellschaftssystems und nicht als ausdifferenzierter Systemtypus. Obwohl semiotisch orientiert, führt der kultursemiotische Gedächtnis-Begriff Bewußtsein in Kultur ein, wenn er von kollektiven, Konsens implizierenden Erinnerungsleistungen der Gesellschaftsmitglieder ausgeht. Er entwirft gleichzeitig durch die Entsemiotisierung von Texten und der Beibehaltung des Speicherkonzepts eine paradoxe Zweiteilung des Gedächtnis-Begriffs in Kultur/ Nicht-Kultur, die der nur auf Kommunikation beruhende Gedächtnis-Begriff Luhmanns vermeiden kann. Denn sowohl die Produktion als auch die Aufbewahrung von Texten sind nach Luhmann keine Aufgaben des Gedächtnisses.
Neben diesen Differenzen und Korrekturen des Kulturgedächtnisses besteht jedoch auch eine interessante Übereinstimmung zwischen der Konstruktion der Zeitlichkeit des Gedächtnisses durch Lachmann und Bloom und der systemtheoretischen Formulierung des Gedächtnis-Begriffs. Aus systemtheoretischer Perspektive operiert das Gedächtnis immer in der Gegenwart, indem es sich nachträglich auf systemeigene Operationen bezieht und gleichzeitig eine potentielle Wiederverwendung in einer zukünftigen Situation ermöglicht. Dieses Moment, Vergangenheit in die Zukunft und Zukunft in die Vergangenheit zu transportieren, konstituiert auch das mnemotechnisch verstandene künstliche Gedächtnis, das eine Vergangenheit einlagert, die sich erst noch im Abschreiten des Bildraums ereignen muß. Noch viel deutlicher ausformuliert findet sich diese Zeitkonstruktion in Blooms Theorie, in der sich Gedächtnis zwischen Nachträglichkeit und dem Weiterleben im Gedicht des Sohnes ereignet. Die Nachträglichkeit des systemtheoretisch verstandenen Gedächtnisses ergibt sich allerdings nicht wie bei Bloom aus einer psychologisch motivierten Vater-Sohn Konstellation, sondern allein aus der zeitlichen Differenz, die Beobachtungen in Kauf nehmen. Aus systemtheoretischer Perspektive ist die Form des Gedächtnisses rekursiv, da es die das System reproduzierenden Operationen sind. Ähnlich läßt sich auch für Blooms Traditionsbegriff argumentieren. Denn Tradition besteht nur, wenn der beeinflußte Dichter selbst zum Einfluß wird. Die Formulierung Blooms, daß die Stärke des Dichters vom Weiterleben im Sohn abhängt, heißt nichts anderes, als daß Tradition, um sich fortschreiben zu können, sich aus ihren eigenen Elementen, den sich rekursiv aufeinander beziehenden starken Texten, reproduzieren muß. Blooms Einfluß-Trope kann also analog zu Luhmanns Stil-Begriff gedacht werden, da sie das Fortbestehen der Tradition durch Anschlußkommunikationen garantiert. Indem jedes Gedicht die alte Tradition zerstört und seine eigene konstruiert, entwirft es in jeder Gegenwart eine neue Vergangenheit. Das heißt, wie in der Systemtheorie entwirft das Gedächtnis von Mal zu Mal eine jeweils den gegenwärtigen Bedingungen angepaßte Vergangenheit. So gesehen sind Luhmanns Stil-Begriff und Blooms Einfluß-Trope funktional äquivalent, wenn sie auch andere Implikationen beinhalten. Während jedes Werk stilfähig ist, beschränkt sich Einfluß nur auf die Texte der starken Dichter. Beide, Stil und Einfluß, garantieren durch die Bezugnahme auf Vergangenes die Fortführung in der Zukunft. Die Funktion des Gedächtnisses der Literatur wird also bei Bloom und Luhmann anders als bei Lachmann erklärt. Gedächtnis wird zwar auch von Renate Lachmann als Bedingung der Reproduktion von Literatur behandelt, doch betont sie als Funktion des Gedächtnisses stärker den Aspekt der gleichzeitigen Sinnkonstitution und Sinnunterwanderung literarischer Texte.
Während bei Bloom und bei Lachmann in ihrer doppelten Gedächtniskonstruktion (das heißt Text als künstliches Gedächtnis und Kultur/ Tradition als umfassendes, die Texte schreibendes Gedächtnis) der Text selbst als Gedächtnis im Sinne eines Speichers verstanden wird, besteht Gedächtnis aus systemtheoretischer Perspektive nur in gegenwärtigen Operationen. Texte können, wenn man sie als kommunikative Ereignisse eines Literatursystems betrachtet, erinnern und vergessen, Gedächtnis aber sind sie selbst nicht.