0. Einleitung
Auf Aristoteles' Frage, wie der Mensch etwas erinnern könne, wenn das, was er erinnert, doch abwesend sei, hatte Plato bereits vor der Formulierung der Frage durch Aristoteles eine passende Antwort. Diese war so überzeugend, daß sie seitdem sämtliches Denken über das Gedächtnis begleitet hat. Der Mensch, so Sokrates in einem platonischen Dialog, besitzt als Geschenk der Mnemosyne, der Mutter der Musen, eine Wachstafel, in die sich Wahrnehmungen gleich einem Siegelring einprägen lassen. Was immer einen Eindruck hinterläßt kann erinnert werden bis der Abdruck verblaßt und das Vergessen einsetzt. So kann Plato zwar das Rätsel lösen, was in der Erinnerung anwesend sei, nämlich der Ähnlichkeit mit dem ehemals Anwesenden habende Abdruck, beschwört jedoch eine Reihe neuer Probleme herauf. Wie wird die Ähnlichkeit des Abdrucks gewährleistet und hat der Abdruck nicht eine doppelte Bedeutung als Anwesendes und Verweis auf Abwesendes? Ähnelt die Erinnerung nur dem Ereignis, das es zu bewahren versucht oder wiederholt es das Ereignis originalgetreu? Anders formuliert, ist die Erinnerung eine Rekonstruktion oder eine Konstruktion? Die Frage nach dem Funktionieren des Gedächtnisses scheint, wie auch immer sie beantwortet wird, neue Folgelasten herzustellen. Darin mag man bereits eine Grundstruktur des Gedächtnisses sehen, das alle Phänomene, derer es sich annimmt, verdoppelt. Denn das Gedächtnis stellt simultan Gleiches und Verschiedenes her. Es wiederholt und doch ist etwas anders als zuvor.
Diesem Problem, wie es dem Gedächtnis gelingt, einen Bezug zur Vergangenheit herzustellen, haben sich im zwanzigsten Jahrhundert außer der Philosophie noch andere Disziplinen, von der Neuropsychologie, den Kulturwissenschaften bis zur Psychologie angenommen. Jede der Disziplinen konstruiert dabei ihre eigenen Probleme im Bezug auf das Gedächtnis. Die Soziologie muß sich fragen, wie sich ein kollektives Gedächtnis denken läßt, das auf gemeinsamen Erinnerungen beruht, wenn man jedoch gleichzeitig keinerlei Einblick in das Bewußtsein von Individuen hat. Die Neurobiologie steht vor dem Problem zu erklären, wie der Mensch zu erinnern vermag, obwohl das menschliche Gehirn keinerlei Speicher aufweist. Auch in der Literaturwissenschaft ist Gedächtnis in den letzten Jahren zu einem viel diskutierten Begriff geworden, wobei häufig Gedächtnis-Begriffe aus verschiedenen Disziplinen unreflektiert vermischt werden. Diese Versuche, den Begriff Gedächtnis für die Literaturwissenschaft fruchtbar zu machen, sollen in dieser Arbeit geordnet und verglichen werden. Dabei geht es um die Frage, ob es innerhalb von Literatur etwas gibt, das analog zum menschlichen Gedächtnis fungiert und was wenn dem so ist durch die Etablierung des Gedächtnis-Begriffes in der Literaturwissenschaft erklärt werden kann. Was bedeutet die Rede von einem Gedächtnis der Literatur oder der Beteiligung literarischer Texte am kulturellen Gedächtnis?
Es lassen sich drei Hauptstränge [1] in der aktuellen Diskussion um das Gedächtnis innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaft herausarbeiten. Der erste kreist um Erinnerung als literarisches Thema, etwa in Autobiographien oder Zeugnissen von Überlebenden des Holocausts. Prominentestes Beispiel dieser Forschungsrichtung dürfte James E. Youngs Beschreibungen des Holocaust [2] sein, in dem untersucht wird, wie sowohl fiktive als auch dokumentarische Literatur und Gedenkstätten den Holocaust darstellen und in Erinnerung rufen. Diese Forschungsrichtung spielt in dieser Arbeit keine Rolle. Im Zusammenhang mit der Thematisierung der Erinnerung an den Holocaust wird häufig auf die Begriffe des kollektiven bzw. kulturellen Gedächtnisses zurückgegriffen. Dieser zweite wichtige Diskurs geht davon aus, daß es analog zum individuellen Gedächtnis einen Mechanismus auf gesellschaftlicher Ebene gibt, dem die Aufgabe zufällt, den Bezug zur Vergangenheit zu regeln. Die Theorie des kollektiven oder kulturellen Gedächtnisses muß hier kurz erklärt werden, da sie zwar im Hauptteil der Arbeit nicht behandelt, aber immer wieder auf sie verwiesen wird und sie als Folie dient, vor der sich andere Gedächtnistheorien absetzen.
Die in den zwanziger Jahren entstandenen Arbeiten des Soziologen Maurice Halbwachs zum kollektiven Gedächtnis thematisieren die soziale Bedingtheit von Erinnerungsleistungen. [3] Das bedeutet einerseits, daß sich ein individuelles Gedächtnis nur durch gesellschaftliche Interaktion herausbilden kann und andererseits, daß alle Individualgedächtnisse durch einen gesellschaftlichen Bezugsrahmen geprägt sind. Nach diesem Bezugsrahmen, der regelt, was als erinnerungswürdig gilt, richten sich die Individualgedächtnisse und fungieren als Träger eines gemeinschaftlichen und gemeinsamkeitsschaffenden Gedächtnisses. Der Ägyptologe Jan Assmann hat auf der Theorie von Maurice Halbwachs aufbauend, den Begriff des kulturellen Gedächtnisses geprägt, um anhand früher Hochkulturen zu zeigen, wie durch die Konstruktion einer gemeinsamen Vergangenheit die politische Identität eines Kollektivs entsteht. [4] Kulturen bieten nach Assmann den Menschen die Möglichkeit, sich an einer konnektiven Struktur zu orientieren, die sowohl in der Zeitdimension als auch in der Sozialdimension verknüpfend wirkt. Das Grundmuster dieser Struktur ist die Wiederholung. Die Repetition von Festen und Ritualen stellt durch das Erstellen eines Festkalenders eine zeitliche Ordnung dar und verbindet die Menschen gleichzeitig durch das gemeinsame Erleben des Rituals. Als Beispiel dient Assmann das jüdische Seder-Mahl, das sich jedes Jahr wiederholt und dabei gleichzeitig den Auszug aus Ägypten vergegenwärtigt. Jede erneute Wiederholung des Rituals vergegenwärtigt der Gemeinschaft dabei eine gemeinsame Vergangenheit und das Ritual schon viele Male zusammen erlebt zu haben. Mit der Einführung und Durchsetzung der Schrift verändert sich diese konnektive Struktur, sie verschiebt sich von ritueller Kohärenz zu textueller Kohärenz. Nicht mehr so sehr das Ritual stiftet die gemeinsame Vergangenheit, sondern ein Kanon heiliger Schriften, der ausgelegt und erinnert wird. Der kanonische, permanent auslegungsbedürftige Text fungiert von nun an als gesellschaftlicher Sinnstifter, indem er die innerhalb einer Gesellschaft als relevant geltenden Normen und Werte verkörpert und keine Alternativen dazu akzeptiert.
Es wirkt zunächst verlockend, das an einem schriftlich fixierten Kanon orientierte Modell des kulturellen Gedächtnisses auch auf moderne Gesellschaften zu übertragen und danach zu fragen, inwiefern kanonisierte Literatur auch heute an der Schaffung eines kulturellen Gedächtnisses partizipiert. Ein solcher Übertragungsversuch führt jedoch zu erheblichen Problemen. Assmanns Theorie ist anhand früher Hochkulturen entwickelt worden und sein Kanonbegriff somit an religiöse Literatur gekoppelt. Für die moderne ausdifferenzierte Gesellschaft von einem gesamtgesellschaftlichen, wertevermittelnden Literaturkanon auszugehen, scheint unmöglich. Weder läßt sich ein eindeutiger Kanon noch dessen gesamtgesellschaftliche Relevanz als Sinnstifter postulieren. Die vielbemühte Rede von der Einschreibung der Literatur in das kulturelle Gedächtnis scheint daher wenig erkenntniswirksam zu sein, so lange sie nicht in Rechnung stellt, daß die Prämissen der Theorie Assmanns nicht auf moderne Gesellschaftsformen zugeschnitten sind. Eine Theorie, die versucht, ein Gedächtnis der Literatur als Teilbereich eines gesamtgesellschaftlichen Gedächtnisses auf der Basis kollektiver Erinnerungen zu konstruieren, steht außerdem vor dem Problem, daß eine empirische Überprüfbarkeit dessen, was als gemeinsam erinnert gilt, nahezu unmöglich ist. An dieser Stelle deutet sich bereits an, daß die Konstruktion eines Gedächtnisses der Literatur, das auf Individuen als Träger des Gedächtnisses basiert, aufgegeben werden muß. Es bietet sich an, Texte oder Kommunikation an deren Stelle mit einem Gedächtnis der Literatur zu verbinden. Die Konstruktion eines solchen Gedächtnisses lehnt sich an die Diskussion um den dritten größeren Themenbereich, den der Gedächtniskunst, an.
Die Gedächtniskunst ist eine beinahe vergessene Tradition, derer sich die wissenschaftliche Forschung erst angenommen hat, nachdem sie als Praxis schon lange ausgestorben war. In der Rhetorik diente sie dem Redner durch die Schaffung eines künstlichen Gedächtnisses dazu, lange Reden erinnerbar zu machen. Im künstlichen Gedächtnis, einem imaginiertem Raum, lagerte der Redner Symbole, die die einzelnen Redeteile repräsentierten, und die beim Vortrag wieder entschlüsselt werden konnten. Dazu entwarf die Rhetorik ein reiches Regelwerk, das die Schaffung der Räume und bildlichen Symbole erklärte, und das auch auf die Literatur des Mittelalters und bis in die Renaissance hinein wirksam war. Die Wiederentdeckung der Tradition der Gedächtniskunst, vor allem durch die Forschungen von Frances Yates [5] , hat in der Literaturwissenschaft zu einem Ansatz geführt, den literarischen Text als ein künstliches Gedächtnis zu denken. Eine solche an der Gedächtniskunst angelehnte Theorie liefert das Buch Gedächtnis und Literatur [6] der Slawistin Renate Lachmann. Sie versteht den literarischen Text als ein künstliches Gedächtnis, das dessen intertextuelle Bezüge erinnert. Der literarische Text als ein Gedächtnis ist wiederum eingegliedert in ein umfassendes Kulturgedächtnis, das sich in den einzelnen Text einschreibt. Renate Lachmanns Theorie stellt den bisher am weitesten ausgearbeiteten Ansatz dar, den Begriff Gedächtnis in der Literaturwissenschaft zu verwenden. Neben ihrer Theorie finden sich auch in der Traditionstheorie Harold Blooms Spuren der Gedächtniskunst. Beide Theorien sollen hier dargestellt und auf ihren Bezug zur antiken Gedächtniskunst hin befragt werden. In The Western Canon [7] reißt Harold Bloom eine Verbindung seiner Traditionstheorie zur Gedächtniskunst an, die hier zu Ende gedacht werden soll. Während Lachmanns Intertextualitätstheorie vor allem am technischen Aspekt der Bildfindung und Verräumlichung orientiert ist, läßt sich aus Blooms Arbeiten eine Dichtungstheorie rekonstruieren, in der dem Dichter, wie Simonides in der mythischen Ursprungslegende der Gedächtniskunst, die Aufgabe zukommt, die toten Ahnen zu erinnern. Um den Bezug zwischen Tradition und Gedächtnis zu verdeutlichen und Blooms Theorie zu kontextualisieren, sollen hier ebenfalls die Traditionstheorien von T. S. Eliot und Ernst Robert Curtius knapp dargestellt werden.
Mit Intertextualität und Tradition werden in dieser Arbeit zwei Zugänge benannt, den Gedächtnis-Begriff literaturwissenschaftlich anzuwenden, die beide der Speicherkonzeption der Gedächtniskunst verpflichtet sind. Dies führt jedoch zu erheblichen Problemen, wie anhand der Diskussion Lachmanns Theorie deutlich wird. Eine Theorie, die die von Lachmanns Ansatz aufgeworfenen Probleme vermeiden kann, ist die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Sie ist als soziologische Theorie nicht an mythischen Ursprüngen interessiert, sondern kann die Funktion des Gedächtnisses auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, sowie die Funktion eines Spezialgedächtnisses des Kunstsystems beobachten und erklären.
Mit diesen Theorien ist das Thema Gedächtnis jedoch noch lange nicht erschöpft. Etliche alternative Ansätze, vor allem Freuds und Derridas Schriften, ließen sich hier anschließen. Dennoch beschränkt sich diese Arbeit auf das bereits dargelegte Theorieangebot, da sonst die Einheitlichkeit der Fragestellungen nicht mehr garantiert werden könnte. Die Argumentationsführung dieser Arbeit beschreibt eine Bewegung von der Rhetorik zur Literaturwissenschaft, über Kulturtheorie und Soziologie zurück zur Literaturtheorie. Oder anders gesagt: Vom künstlichen Gedächtnis zum Text, vom Text zu Kultur und von Kultur wieder zurück auf die Ebene des einzelnen Textes. Das erste Kapitel widmet sich den Techniken und der Geschichte der antiken Gedächtniskunst, auf die die Theorien Lachmanns und Blooms aufbauen. Diese werden im zweiten und dritten Kapitel dargestellt und verglichen. Im vierten Kapitel sollen die dabei aufgeworfenen Probleme anhand der Theorie Luhmanns gelöst und ein Vorschlag für ein systemtheoretisch verstandenes Gedächtnis der Literatur gemacht werden.
Im Zentrum der Perspektiven bleibt dabei immer die Frage, wie das Gedächtnis Vergangenheit herstellt. Im Laufe der Analysen wird dabei zunehmend deutlicher, daß die Aufgabe des Gedächtnisses nicht nur im Erinnern besteht, sondern ebenso im Vergessen. Dennoch widmet sich auch diese Arbeit mehr dem Erinnern als dem Vergessen, da sich das Vergessen schwieriger beschreiben läßt und bisher keine ausgearbeitete Theorie des Vergessens vorliegt. [8] Mit der Betonung des Vergessens soll zudem daran erinnert werden, daß Gedächtnis und Erinnern nicht identisch sind. Gedächtnis und Erinnerung können, auch ohne auf die philosophiegeschichtlichen Unterscheidungen von Aristoteles bis Hegel einzugehen, nicht ineins gedacht werden, da Gedächtnis als der umfassendere Begriff ebenfalls das Vergessen subsumiert. In diesem Sinne wird im Folgenden ein Gedächtnis-Begriff erarbeitet, der nicht ein richtiges Erinnern einfordert und das Vergessen beklagt, sondern Gedächtnis als einen Mechanismus darstellt, der immer zwei Seiten hat.