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Körper, Text und Differenz sind Schlüsselbegriffe der sich seit einigen Jahren langsam ausformulierenden und um Interdisziplinarität bemühenden Kulturwissenschaft. Während in Deutschland die Integrationsperspektive Kultur, die heute soziologische, psychoanalytische, ethnologische, kunst- und literaturwissenschaftliche Ansätze vereint, abgesehen von einer Heyday-Phase zu Beginn des Jahrhunderts (Warburg, Cassirer, Simmel), neueren Datums ist, wurde in den anglophonen Ländern mit der Gründung des Centre for Contemporary Cultural Studies der Untersuchungsgegenstand Kultur schon in den 60er Jahren akademisch institutionalisiert.
Blättert man heute eine beliebigen Cultural Studies Reader durch, so ist die Menge der Aufsätze, die ein „body“, „difference“ oder „text“ im Titel kaum zu übersehen. Kultur macht Unterschiede, Kultur schreibt sich in den Körper ein und Kultur kann wie ein Text gelesen werden, soviel wird schnell klar. Damit hat man zwar eine erste Näherung daran, was Kultur sein könnte, ist jedoch noch nicht dabei einer tragfähigen Definition oder hinreichenden Erklärung des Phänomens Kultur angekommen, die deutlich macht, was das Gemeinsame an einer Untersuchung über Körperpolitik und einer Analyse eines Shakespeare Sonetts sein könnte, wenn beide als kulturwissenschaftlich verbucht werden. Eines der Probleme, dem Begriff Kultur gerecht zu werden, scheint damit zusammenzuhängen, dass er zwei grundsätzliche Begriffstraditionen mit sich führt. Diese Positionen lassen sich zusammenfassen auf die Formeln Kultur als Kunst/ Hochkultur und die auf Herder zurückgehende Auffassung von Kultur als spezifische Form zu leben.[2] Im Gegensatz zu Deutschland, wo diese verschiedenen Sichtweisen lange unterschiedlichen Disziplinen zugeordnet waren, hat sich in Großbritannien mit den Cultural Studies eine Disziplin herausgebildet, die erstere Position unter zweiter subsumiert und beide zu ihrem Untersuchungsgegenstand gemacht hat. Betrachtet man jedoch die Gründungstexte der Cultural Studies auf ihre Versuche hin, den Untersuchungsgegenstand zu umkreisen, fällt auf, dass es ihnen nicht gelingt, Kultur widerspruchslos zu beschreiben. Vielleicht erklärt sich daraus die nicht unclevere Tendenz der neueren Cultural Studies-Arbeiten sich erst gar nicht festzulegen, was Kultur sei oder nur von Kulturen im Plural zu sprechen. Das Dilemma der frühen Cultural Studies-Texte den Kulturbegriff, mit seiner emphatischen Aufladung zu überfordern, wird besonders deutlich, wenn man ihn neben den eher nüchtern anmutenden der Systemtheorie hält.[3] Dies soll im Folgenden geschehen, dabei wird es jedoch in erster Linie um Differenz, eher nebensächlich um Text und eigentlich gar nicht um Körper gehen. Das liegt vor allem daran, dass der Körper für die frühen Cultural Studies noch kein spezifisches Interessengebiet darstellte und erst mit einer verstärkten Foucault-Rezeption hip wurde und zum anderen daran, dass es nicht ganz unkompliziert ist Körper mit Systemtheorie zu denken, da dieser theoriebedingt keine Einheit ist, sondern als Kopplung verschiedener Systeme verstanden wird. Es ist daher auch nicht erstaunlich, dass sich im Mammutsschinken Gesellschaft der Gesellschaft[4] kein einziger Eintrag zum Körper findet. Ob diese Überkomplexheit der Systemtheorie jedoch ein Defizit oder eine analytische Stärke darstellt soll hier nicht diskutiert werden. [5] Als kleiner Vorlauf zum Problem Kultur , und um die Cultural Studies nicht auf eine singuläre Denke festzuschreiben, gibt’s zuvor noch einige, auf Gröbste reduzierte Anmerkungen zur Entwicklung der Cultural Studies.
1.
Während sich Cultural Studies von Großbritannien ausgehend schon seit geraumer Zeit in den anglophonen Ländern durchgesetzt und universitär institutionalisiert haben (Gründung des Birmingham Centre for Contemporary Cultural Studies 1964 unter Richard Hoggart), setzt erst seit einigen Jahren auch eine breite deutschsprachige Rezeption in Form von Seminaren und Veröffentlichungen (hier seien vor allem Zeitschriften wie Spex, oder Texte zur Kunst genannt) ein, die die Cultural Studies in ihrer Gesamtheit zu erfassen versucht. Gab es in den 70er Jahren nur vereinzelte deutsche Veröffentlichungen der Subkulturstudien, scheint sich das erstarkte Interesse an den Cultural Studies in den 90ern vor allem deren allgemeinen Hinwendung zu den Themen Medien und Multikulturalität zu verdanken. Die Tatsache, dass diese Rezeption in Deutschland gleichzeitig an den Fachbereichen Anglistik / Amerikanistik und Soziologie/ Kulturwissenschaften geschieht, verdeutlicht zum einen die Interdisziplinarität des Projekts als auch die Stellung zwischen diesen Disziplinen, denen sie einen Großteil ihrer Terminologie verdankt (etwa Stil, Ideologie, Klasse, Text). Gleichzeitig verweist diese disziplinäre Zwischenstellung bereits auf die Ausweitung des Kulturbegriffs und der Fragestellungen der Cultural Studies, die sich aus literaturwissenschaftlichen Fragestellungen entwickelt hatten.
Galt die Hauptaufmerksamkeit der frühen Arbeiten der als "Gründungsväter" gehandelten Williams, Hoggart und Thompson noch dem Begriff der 'Klasse' und den Erfahrungen der Arbeiterklasse, so hat sich das Interesse seit den 70er und 80er Jahren und der Auseinandersetzung mit Gramsci, Psychoanalyse, sowie diversen Ismen und Post-Ismen stark erweitert und Kategorien wie das 'Andere', 'Geschlecht' und 'Ethnizität' in den Mittelpunkt gerückt. Ebenso wie sich die theoretischen Raster verändert haben, änderte sich auch die Bewertung der Populärkultur und das Themenspektrum der Cultural Studies. So erscheint das Themenangebot der Cultural Studies heute, das etwa Studien zu Rassimus, Feminismus, Popmusik, Subkultur, Konsumverhalten, Ideologie und Fernsehverhalten umfasst, so vielfältig, dass eine gemeinsame Fragestellung oft kaum erkennbar ist.
Aus der Perspektive der Cultural Studies kennzeichnet nicht eine Gemeinsamkeit von Werten eine Kultur, sondern ein Kampf um Bedeutungen in einem Feld sozialer Ungleichheit. Es stellt sich daher die Frage, ob sich die Einheit der Kultur nur als der Ort dieses Kampfes denken lässt und ob der Kulturbegriff der Cultural Studies die weitgestreuten Fragestellungen und Forschungsrichtungen umfassen kann. Gleichzeitig tritt eine weitere Fragestellung hervor. Was für eine Unterscheidung von Kultur und Gesellschaft liegt den Cultural Studies zu Grunde, d.h. unterscheiden sich Soziologie und Cultural Studies nur durch Selbstverständnis und Geschichte des Faches oder unterscheiden sie sich grundsätzlich im Untersuchungsgegenstand?
Um mich dem Kulturverständnis der Cultural Studies zu nähern, werde ich die wichtigsten Entwicklungen, Begrifflichkeiten und Forschungsrichtungen verkürzt nachzeichnen und auf Raymond Williams kulturtheoretischen Arbeiten eingehen, in denen das Kulturverständnis der derzeitigen Cultural Studies-VertreterInnen bereits angelegt ist.
Die vielleicht zentrale Fragestellung der Cultural Studies-Forschungen der letzten Jahre, und diese Entwicklung geht einher mit einer intensiven Foucault-Rezeption, bezieht sich auf den Zusammenhang von Macht, Medien und Kultur. Wie wird Macht institutionell verankert und welche Möglichkeiten zum Widerstand bieten sich den gesellschaftlichen Gruppen in ihren Alltagspraktiken? Der Kulturindustriethese der Frankfurter Schule wird dabei in neueren Arbeiten ein Modell (etwa im Ansatz von Stuart Hall[6] oder vor allem in den Arbeiten von John Fiske) entgegengestellt, in dem die KonsumentInnen / MediennutzerInnen nicht zwingend dem Einfluss der Medien ausgesetzt sind, sondern im Kontext der Medienaneignung ihre eigenen Bedeutungen durch abweichende Lektürpraktiken herstellen können.[7] Nicht die Kulturindustrie schafft die Populärkultur, sondern diese schafft sich selbst im genussstiftenden Rezeptionsprozess, so John Fiske. Da der Rezeption in den Medientheorien der Cultural Studies so eine entscheidende Rolle zugewiesen wird, gelten nicht nur die medialen Texte als Untersuchungsgegenstand, sondern vor allem auch die Kontexte ihrer Aneignung, die wiederum als Texte gelesen werden können.
Allein aus diesem kurzen Einblick in die Medienanalyse der Cultural Studies lassen sich sowohl Einblicke in ihre Charakteristika als auch ihres Kulturbegriffes ablesen. Die meisten Cultural Studies- VertreterInnen definieren ihr Fach eher als ein politisches, denn als ein wissenschaftliches Projekt, da es um die Aufdeckung von Machtstrukturen und Möglichkeiten zu deren subversiver Unterwanderung geht. Nach ihrem Selbstverständnis liefern die Cultural Studies auch kein allgemeingültiges Wissen, sondern "partial truths", spezifische Antworten auf lokale Probleme. Zur politischen Komponente der Cultural Studies zählen viele VertreterInnen außerdem die Analyse und Zelebrierung kultureller Differenzen. Daraus lassen sich mehrere Aspekte von Kultur als Untersuchungsgegenstand ableiten. 1. Kultur wird ähnlich wie in den Arbeiten von Clifford Geertz semiotisch verstanden und besteht aus einer Reihe sich überlagernder Texte. Das heißt soziales Handeln wird Zeichencharakter zugeschrieben und das Modell literaturwissenschaftlichen Textverständnisses kann somit auf Kultur, als das "selbstgesponnene Bedeutungsgewebe"(Geertz) übertragen werden.[8] 2. Kultur umfasst nicht nur Hochkultur, sondern auch Alltagshandlungen und die sogenannten Populärkultur, die einen weitaus größeren Forschungsgegenstand als die kanonisierte Hochkultur bildet. Das heißt Hochkultur und Populärkultur müssen zusammengedacht werden um ihre spezifische Relationierung zueinander aufzudecken. 3. Vor allem aber, und hier liegt eine signifikante Nähe des Cultural Studies-Ansatzes zu den Arbeiten Pierre Bourdieus, ist Kultur der Ort an dem die Auseinandersetzung um ungleiche Verteilung ausgetragen wird.[9] Diese Vorstellung von Kultur als Ort der Politik birgt jedoch ein Problem, auf das Terry Eagleton hingewiesen hat. Nicht jede Praxis ist per se politisch, sondern erst die Kontextualisierung weist ihr eine politische Dimension zu.[10] 4. Dieser Punkt ist nur eine Paraphrase der letzten beiden Aspekte. Kultur ist, und dies bleibt meist unreflektiert, zugleich Einheit und Differenz. Als gemeinsamen Lebensarten eines Kollektivs, das sich von anderen unterscheidet, bildet Kultur eine Einheit. Als Ort an dem um Bedeutung gekämpft wird besteht sie aus Differenzen, die extra für den Kampf mobilisiert werden. Aus dieser Mehrschichtigkeit und der Stellung als gleichzeitiges Innen und Außen ergibt sich wohl auch die Problematik Kultur zu definieren. 5. Dies ist jetzt wieder nur für SystemtheoriefreundInnen relevant. Kultur scheint trotz der Betonung ihres semiotischen Charakters nicht nur aus Kommunikation zu bestehen , sondern auch aus Bewusstseinsinhalten und materiellen Trägern.
Während das Interessenfeld der Cultural Studies in allen Readern und Einführungstexten umrissen wird, fehlt in vielen Texten eine Definition dessen, was Kultur auszeichnet. Der Gegenstand der Cultural Studies, der für das Eigenverständnis relevant ist, wird daher meist durch Aufzählung von sozialen Bereichen bestimmt. Etwa bei Stuart Hall als Gesamtheit von Praktiken, Sprachen, Repräsentationsformen und Bräuchen einer spezifischen historischen Gesellschaft.[11] Solche Definitionen können zwar eine Idee davon geben, was Kultur ist, lassen jedoch offen, ob alle gesellschaftlichen Phänomene kulturell sind, oder nur bestimmte und ob Kultur einen eigenen ausdifferenzierten gesellschaftlichen Bereich darstellt, wie etwa Religion oder Politik. Diese Problematik Kultur zu definieren findet sich bereits in den als Gründungstexten der Cultural Studies fungierenden frühen Arbeiten von Raymond Williams. Sie sind dem verpflichtet, was Stuart Hall als Kulturalismus bezeichnet und zusammen mit dem Strukturalismus das wichtigste Paradigma der Cultural Studies bildet.
Für das Selbstverständnis der Cultural Studies als politisches Projekt und die Entwicklung eines weit gefassten Kulturbegriffes spielen die Texte der frühen Phase der 50er und 60er Jahren eine wichtige Bezugsrolle aufgrund der Nähe und Beschäftigung von Williams, Hoggart und Thompson mit Marxismus und Arbeiterklasse. Williams Werk bricht gleich doppelt mit geläufigen Traditionen. Zum einen löst er sich trotz Orientierung am Marxismus vom klassischen Basis / Überbau Schema, zum anderen von der Kulturauffassung des konservativen Kritikerkreises um F. R. Leavis. Für Leavis beschränkt sich Kultur auf eine von einer elitären Minderheit gelebten und selektierten Tradition, die eine gesamtgesellschaftliche Vorbildfunktion genießt. Williams erweitert nicht nur den Spielraum dessen, was Kultur umfasst, sondern demokratisiert den Begriff, indem er allen Gesellschaftsmitgliedern Zugang zu ihr zuschreibt. Gleichzeitig versteht Kultur als Lebensweise im Gegensatz zu Kultur als Kunst / Hochkultur alle Gesellschaftsmitglieder als ProduzentInnen von Kultur und nicht nur eine mit Bildungskapital ausgestattete Elite. Williams stellt Leavis' Vorstellung einer Minderheitenkultur seine Version einer gemeinsamen, organische Ganzheit versprechenden, Kultur entgegen zu der die Arbeiterklasse ebenso wie die VetreterInnen der Hochkultur beitragen. In der Schaffung demokratischer Institutionen, wie etwa Gewerkschaften sieht Williams den spezifischen Beitrag der 'working-class culture', die im Gegensatz zu der aufs Individuum ausgerichteten bürgerlichen Kultur Kollektivität betont. Die Kultur der Arbeiterklasse ist hier jedoch nicht mit Massenkultur ineins gedacht, da laut Williams die Mehrzahl der Produkte der Massenkultur weder für die Arbeiterklasse, noch von der Arbeiterklasse produziert werden. Indem Williams Kultur nicht als einen rein ästhetischen Bereich versteht wie Leavis, ebnet er den Weg für das ethnographische Kulturverständnis, auf das sich derzeitige Cultural Studies-Arbeiten zum Thema Alltagskultur berufen. Williams entwickelt sein Kulturkonzept in Culture and Society 1780-1950[12], einer historischen Arbeit über den Entwicklung des Kulturbegriffs, der sich am Beginn der Moderne im Zusammenhang mit den Begriffen „Nation“, „Demokratie“, „Kunst“ und „Industrie“ zu formieren beginnt und in der Romantik als Kritik am Kapitalismus fungiert. Interessanterweise übernimmt Williams jedoch seine berühmt gewordene Definition von Kultur als "a whole way of life"[13] von T. S. Eliot, dessen Vorstellung von Kultur an eine Elite gebunden ist, die reflexiv mit Kultur umgeht, während die Masse Kultur nur unbewusst lebt.[14] Für Williams hingegen muss Kultur kollektiv geschaffen werden und genügend Spielraum bieten, um auch Minderheiten und abweichende Interessen integrieren zu können. Kultur ist somit immer auch an Demokratie, Verantwortungsbewusstsein und den Versuch, soziale Gerechtigkeit zu schaffen, gebunden.
Durch diese Kopplung von Kultur und demokratischen Strukturen wird deutlich, dass Kultur im Sinne Williams nicht nur deskriptiv zu verstehen ist und eine Gesamtheit von Praktiken meint, sondern auch ein utopisches Moment hat und auf etwas noch Unerreichtes zielt. Kultur erscheint so bei Williams als ein Einspruch gegen die Gesellschaft wie sie ist. Dieses Moment in Williams Theorie steht somit genau wie die in vielen Cultural Studies-Arbeiten übliche Zelebrierung des kulturellen Widerstands in der Tradition der Romantik, in der der Begriff der Kultur an eine Kritik des Kapitalismus gebunden ist. Zwei Probleme werden hier deutlich. Erstens, dass sowohl bei Williams, obwohl der Titel seines Buches dies assoziiert, als auch bei späteren Cultural Studies- VertreterInnen eine Reflexion über die Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Kultur fehlt. Es wird nicht deutlich, was das speziell Kulturelle im Gegensatz zum Gesellschaftlichen ist, ebenso wie die Beziehung zwischen Kultur und Politik nicht deutlich herausgearbeitet wird. Wie lässt sich die politische Dimension der Kultur erklären, wenn Kultur dieser nicht untergeordnet gedacht wird? Daraus leitet sich außerdem die Gefahr ab, entweder Gesellschaft und Staat zu assoziieren oder Kultur und Staat einander gegenüberzustellen wie etwa David Lloyd und Paul Thomas in ihrem an Williams angelehntem Culture and the State.[15] Als Gegenbegriff zu Staat, ist Kultur jedoch wieder im Singular gedacht. Dann lässt sich nur noch fragen, ob Kultur die Staatsideologie verbreitet (wie etwa bei Lloyd / Thomas) oder unterläuft (wie bei Fiske). Eine vergleichende Perspektive, die erklären kann was die einzelnen Kulturen ausmacht ist dann noch immer verstellt.
Das zweite Problem, das die Cultural Studies seit Williams nicht haben klären können, ist die Frage wie sich die Vielfalt der Bindestrich-Kulturen (Arbeiter-/ Jugend-/ Hoch-) unter einer gemeinsamen Kultur vereinen lassen, bei gleichzeitig Negierung eines Konsens. Was ist das gemeinsame jugendlicher Skinheads und OpernbesucherInnen, wenn sie gemeinsam unter dem Label einer regionalen Kultur subsumiert werden? Oder anders gefragt, wieso kann Kultur zugleich Homogenität und Heterogenität oder Grenzen und Überschneidungen meinen? Das Problem der Cultural Studies mit Kultur je nachdem Bevölkerungsgruppen, Materielles oder Symbolisches, Kommunikation oder Bewusstseinsinhalte, zu meinen, kann einerseits als Stärke der Cultural Studies gesehen werden, ihre Begrifflichkeiten flexibel zu gestalten, kann aber andererseits als Mangel erkannt werden, der den Zugriff auf das, was Kultur leistet, verstellt.
2.
Der Kulturbegriff der Cultural Studies scheint mit der Mehrfachbelastung, wissenschaftliche Analysekategorie und Träger politischer Erwartungen zu sein, überfordert. Dieses Problem könnte gelöst werden durch Zuhilfenahme des systemtheoretisch reformulierten Kulturbegriff als eine Art Reflexionsangebot. Zwar lassen sich Cultural Studies und Systemtheorie aufgrund ihrer theoretischen Vorentscheidungen nicht ohne weiteres verbinden, doch könnte der Zugriff auf den systemtheoretischen Vorschlag die Formulierung des Problems der Cultural Studies erleichtern. Mit der systemtheoretischen Perspektive muss zwar der emphatisch aufgeladene, politisierte Kulturbegriff der Cultural Studies aufgegeben werden, doch ermöglicht sie eine Unterscheidung zwischen Kultur und Gesellschaft und erklärt das gleichzeitige Ein- und Ausgrenzen der Kultur. Das Problem der begrifflichen Überkomplexität von Kultur löst die Systemtheorie, indem sie diese nicht als eine Essenz erklärt, (was jedoch auch Cultural Studies- VertreterInnen von sich weisen würden), sondern als eine bestimmte Beobachtungsperspektive. Gemeinsam jedoch ist beiden Theorien die Verabschiedung der Version von Kultur als Hochkultur und der Glauben an eine gesamtgesellschaftlich integrativ wirkende und normenvorschreibende Kultur.
Genau wie Williams unterstreicht die Systemtheorie die Historizität des Begriffes und versteht das Aufkommen des Kulturbegriffs als spezifische Erfindung der Moderne.[16] Der systemtheoretische Vorschlag kann jedoch die Mehrschichtigkeit und Ungenauigkeiten des Kulturbegriffes der Cultural Studies vermeiden, indem Kultur als eine vergleichende Beobachtungsperspektive gedacht wird, die ähnlich wie Moral oder Religion Kommunikationen nach der Unterscheidung passend/ unpassend sortiert.[17] Passend / unpassend kann im Falle von Jugendkulturen übersetzt werden als in/out oder zugehörig/ nicht zugehörig. Jeweils geht es um einen Vergleich, der gleichzeitig in der Sozialdimension einen Einschluss und einen Ausschluss fabriziert. Was Kultur als Beobachtungsperspektive leistet. ist eine Verdopplung aller Phänomene, Artefakte oder Texte, die sie betrachtet. Nahrungsmittel oder Kleidungsstücke lassen sich etwa zweckdienlich verstehen, können jedoch auch in einem nächsten Schritt als Spezifika einer bestimmten Kultur verstanden und verglichen werden. Der Andere kann entweder als edler Wilder oder als Barbar wahrgenommen werden, als Bereicherung oder als Bedrohung. Als Vergleichstechnik stimuliert Kultur nicht nur wissenschaftliche Reflexion, sondern bietet Raum für Selbstbeschreibungen, die das Eigene vom Fremden unterscheiden. Denn jeder Vergleich im Rahmen von Kultur reproduziert gleichzeitig Gleichheit und Differenz. Kultur unterstützt auf diese Weise das Bedürfnis gesellschaftlicher Gruppen, sich von anderen zu differenzieren. „Kultur bietet damit immer auch die Möglichkeit, sich aus der Position des Verschiedenseins gegen das Gleichsein zu wehren.“[18]
Als Ebene der Verdopplungen betont Kultur somit, dass alles was sich beobachten lässt auch anders hätte beobachtet werden können, sie führt also massiv Kontingenz in die Gesellschaft ein. Denn alles was verglichen werden kann, kann von verschiedenen Beobachtern, von verschiedenen Positionen zu verschiedenen Zeitpunkten und mit anderen Unterscheidungen verglichen werden. Kultur bietet somit nicht nur Orientierung, sondern zugleich und vor allem Irritation. Dirk Baecker und Niklas Luhmann, die diese Theorie von Kultur als Vergleichsmechanismus erarbeitet haben, kommen deswegen auch zu einer Vielzahl faszinierender Beschreibungen der Leistung von Kultur. Kultur ist Gedächtnis, indem sie zwischen erinnern und vergessen unterscheidet, Kultur ist der Einwand der Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit oder Kultur ist die Bearbeitung des Problems, das es noch andere Kulturen gibt. Was dabei deutlich wird, ist das sich Kultur nicht ohne Differenzen denken lässt, denn erst durch den Vergleich entstehen Innen und Außen. Bei Gregory Bateson heißt dieses Spiel Schismogenese und in den Worten Baeckers Bateson paraphrasierend: „eine Kultur entsteht überhaupt erst durch Kulturkontakt.“ Vor dem Kontakt weiß sie nicht, dass sie eine ist“[19]. Praktiziert wird eine solche Auffassung schon lange in den Kulturwissenschaften (etwa Studien zum Orientalismus), doch haben es die meisten Cultural Studies-VertreterInnen bisher versäumt die Gleichzeitigkeit von Identitätssicherung und Irritation, von Innen und Außen so dicht zu beschreiben wie es die Formel von Kultur als Vergleich vermag. Zugleich scheint den frühen Cultural Studies die Tendenz innezusein, Kultur erst in Form von Aufzählungen verschiedener menschlichen Sphären herstellen zu wollen, statt beobochtbar zu machen, wie Kultur im Moment des Beobachtens erst entsteht.
Kultur ist danach nicht eine eigene von Politik und Wirtschaft oder Kunst zu unterscheidende Sphäre, sondern die Ebene der Selbstbeobachtungen der Gesellschaft, die in jedem einzelnen Teilbereich der Gesellschaft geleistet wird und die als Hintergrundfolie jeglicher Kommunikation mitläuft. Dieser Definitionsversuch umfasst die verschiedenenen Aspekte des Cultural Studies-Kulturbegriffs, da er sowohl semiotisch orientiert ist, nicht nur Hochkultur umfasst und seine Hauptaufmerksamkeit auf Differenz und Vergleich (denn die von den Cultural Studies-VertreterInnen betonten Kämpfe sind nichts anderes als Vergleiche) lenkt.[20] Dieser Perspektive geht es nicht darum, dass bestimmte Jugendgruppen bestimmte Kleidung tragen, sondern darum, wie sie sich dadurch von anderen unterscheiden. In Begriffen wie Lebensstil bei Bourdieu, der auch von Cultural Studies-VertreterInnen benutzt wird, ist diese Vergleichstechnik bereits angedacht. Mit einer Auffassung von Kultur als Beobachtungsperspektive, die Kultur von Gesellschaft und nicht von einem regionalen Staat unterscheidet, könnten die Cultural Studies ihre problematische Auffassung vom Verhältnis Politik / Kultur reflektieren. Kultur als Vergleich verstanden, widerspricht nicht den kulturell ausgetragenen Kämpfen und der politischen Relevanz von Kultur, macht jedoch deutlich, dass es auf die Beobachtungsperspektive ankommt, von der aus Kultur als politisch beobachtet werden kann.
Mit der Einführung der Systemtheorie soll hier auf keinen Fall des Projekt der Cultural Studies als gescheitert verstanden werden, sondern lediglich durch die Technik des Vergleichs die Problematik deren Kulturbegriffes verdeutlicht werden. Denn die Leistungen der Cultural Studies sind keinesfalls zu übersehen. Neben der Öffnung und Erweiterung der universitärer Fragestellungen, ist es den ihnen gelungen die akademische Blickwinkel auf das Phänomen Kultur zu revidieren. Nimmt man etwa die medientheoretischen Arbeiten der Cultural Studies etwa als Vergleichsfolie für eine Beschäftigung mit der Kulturindustriethese, kann dadurch wiederum die Problematik der Adorno/ Horkheimer Argumentierung verdeutlicht werden. Was die Cultural Studies -Arbeiten im Gegensatz zu den wenigen systemtheoretischen Arbeiten zum Thema Kultur außerdem leisten ist eine Art Lesefreundlichkeit und Gebrauchsorientierung. Systemtheoretische Arbeiten zur Kultur werden sich nämlich in erster Linie der historischen Veränderung von Semantiken widmen und nicht so sehr Fragen sozialer Ungerechtigkeit oder zeitgenössischen Problemlagen.
Für eine systemtheoretisch fundierte Kulturwissenschaft bleiben neben der Sperrigkeit der Theorie, aber auch noch einige spannende Fragen und Probleme zu lösen. Verpasst die Systemtheorie mit ihrem Festhalten an Systemgrenzen und Codes nicht auch eine ganze Menge, wenn sie die Chance aufgibt Kommunikationen zu kontextualisieren, wie es etwa der Praxis der Cultural Studies und des New Historicism entspricht? Woher kommt der Code passend/unpassend, wenn es sich bei Kultur nicht um ein ausdifferenziertes System handelt. Wie lässt sich die Sozialisation des Bewußtseins in verschiedene Kulturen denken und was hat Kultur überhaupt für Konsequenzen fürs Bewusstsein? Wieso betont Baecker die Differenz von Kunst und Kultur, wenn sich Kunst doch spielend einfach als Kultur beobachten lässt? Handelt es sich bei Kultur nicht nur um Beobachtungen zweiter Ordnung, sondern immer um Beobachtungen dritter Ordnung? Ist der Gegensatz zwischen Kultur im Singular und Kultur im Plural wirklich so problemlos beseitigt worden? Fragen noch und nöcher also. Und während es der Systemtheorie aufgrund ihrer rigiden Trennung von Bewusstsein und Kommunikation schwer fällt mit Erfahrungen oder Gefühlen umzugehen und diese aus dem Blickwinkel der Fragestellung verschiebt, betonen die Arbeiten Williams nicht nur den kommunikativen Aspekt von Kultur, sondern auch deren Gelebtheit. Indem Williams und andere Cultural Studies VetreterInnen den Erfahrungswert von Kultur betonen, formulieren sie eine Grundlagentheorie für politische Kampfbündnisse und Solidaritätsbewegungen. Das ist sympathisch, aber nicht zwingend wissenschaftsdienlich. Solange die Leistung des Kulturbegriffs jedoch unreflektiert bleibt, bleiben die Vorwürfe der Beliebigkeit und Überbetonung des Politischen an die Cultural Studies bestehen. Aber Theorien sind ja lernfähig.
[1]Der Text basiert auf einem Vortrag, den ich 2001 auf dem Kolloquium „Körper, Text, Differenz“ gehalten habe. Ich habe mich entschlossen den mündlichen Charakter des Vortrags bei der schriftlichen Fassung beizubehalten und die ein oder andere Wiederholung nicht entsorgt.
[2] Vgl. Eagleton, Terry: The Idea of Culture, Oxford 2000.
[3] Luhmann, Niklas: „Kultur als historischer Begriff“ in ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaf, Band 4, Frankfurt am Main 1999. Aufgegriffen und anschaulich erweitert hat Dirk Baecker Luhmanns Kulturbegriff in Baecker, Dirk: Wozu Kultur?, Berlin 2000. Außerdem relevant Albert Koschorke / Cornelia Vissmann (Hrsg.): Widerstände der Systemtheorie. Kulturtheoretische Analysen zum Werk von Niklas Luhmann, Berlin 1999.
[4] Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1997.
[5] Für Theoriespezis sei hier auf Luhmans Aufsatz zum Thema Sexualität hingewiesen, in dem das Verhältnis zwischen Bewusstsein und Körper thematisiert wird. Luhmann, Niklas: „Wahrnehmung und Kommunikation sexueller Interessen“, in ders.: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, Opladen 1995.
[6] Hall, Stuart: Culture, Media, Language, London 1990.
[7] Fiske, John: Reading the Popular, Boston 1989 und Understanding Popular Culture, London 1992.
[8] Geertz, Clifford: „Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur“, in ders.: Dichte Beschreibung. Beitrage zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt am Main 1983, S. 7-43; hier: S. 9.
[9] Bourdieu, Pierre: Die Feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1994.
[10] Eagleton, The Idea of Culture.
[11] Hall, Stuart, "Cultural Studies: Two Paradigms," Media, Culture, and Society 2 (1980), S. 57-72.
[12] Williams, Raymond: Culture and Society. 1780-1850, London 1958.
[13] Williams: Culture and Society, S. 18.
[14] Eliot, Thomas Sterne: After Strange Gods. A Primer on Modern Heresy, London 1934 und Notes towards a Definition of Culture, London 1948.
[15] Lloyd, David / Thomas, Paul: Culture and the State, New York 1998.
[16] Das bedeutet nicht, dass es vor dem 18. Jahrhundert keine Kultur gab, sondern dass es der Gesellschaft erst mit der Ausdifferenzierung in Teilbereiche gelingt, ihre Kultur beobachten und benennen zu können. Voraussetzung dafür war die durch den Buchdruck hervorgerufene Wissensexplosion.
[17] Luhmann, Niklas, „Religion als Kultur”, in: Otto Kallscheuer (Hrsg.), Das Europa der Religionen: ein Kontinent zwischen Säkularisation und Fundamentalismus, Frankfurt a.M. 1996, S. 291-340.
[18] Luhmann: „Religion als Kultur“, S.306.
[19] Baecker, Dirk: „Globalisierung und kulturelle Kompetenz“, in ders. Wozu Kultur, S.11-32, hier: S.16.
[20] Die Systemtheorie geht dabei jedoch nicht von Texten aus, sondern von Kommunikationen als Letztelementen der Gesellschaft und somit auch als Konstituenten von Kultur aus. Zum Kommunikationsbegriff der Systemtheorie vgl. Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation?“ in ders. Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch“, Opladen 1995, S.113-124.