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Prolog

Begreift man Mode und Hysterie versuchsweise als „allegorische Praxis“, als ein Sprechen einer Sprache des/eines anderen, kann man damit ein Verhältnis von Vordergrund und Hintergrund oder Relief und Fläche skizzieren, das sich in einer doppelten Metapher als Intarsie des Mangels und als Intarsie des Überschusses niederschlägt. These der folgenden Überlegungen ist, dass Mode und Hysterie als analoge Ausdrucksformen den Mangel im Überschuß repräsentieren oder, etwas anders gewendet, das zu beherrschen versuchen, dem sie sich unterworfen haben. Die nicht selbstverständliche, aber doch, wie vielleicht gezeigt werden kann, naheliegende Analogie zwischen Mode und Hysterie soll anhand eines Schemas plausibel gemacht werden, nämlich Jacques Lacans Diskurs des Hysterikers, wobei systemtheoretische Überlegungen zum Beobachter die Annahme zu stützen erlauben, das „System“ Mode als Einsetzungsinstanz des Diskurses des Hysterikers zu verstehen.

Um davon eine erste Idee zu geben, sei nur folgendes bemerkt: sowohl der modebewußte Konsument als auch der Hysteriker sind ohne die Position des Anderen undenkbar. Der Andere orientiert, funktioniert als Fläche möglicher Identifikationen, sei es im Spiel des saisonalen Zirkels, sei es in der momentanen Klammer des sympathetischen (Aus)Agierens. Paradoxien tauchen dann auf, wenn sowohl in der Mode als auch bei der Hysterie ausgewählte „Es-ist-erreicht-Formen“ die Dignität des Dinges im emphatischen Sinn zugeschrieben bekommen, während es doch nur eine Frage der Zeit ist, dass diese Auswahl als kontingente ausfällt und der Charme des Neuen sich an einen weiteren Vertreter heftet. In Zeiten zunehmender Beschleunigung wird Mode dann selbst hysterisch und Hysterie ihrerseits modebewußt, wenn sie es nicht immer schon war.

 

Der Diskurs des Hysterikers

Die Begriffe Diskurs und Diskurstheorie werden in Deutschland, wenn von Frankreich die Rede ist, gewöhnlich mit dem Namen Michel Foucaults in Verbindung gebracht. Dass auch der französische Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan Ende der 60er Jahre eine Art Diskurstheorie vorgestellt hat, wissen hierzulande vermutlich nur Spezialisten.[1] Ob Lacans Diskussion seiner vier Diskurse mehr mit den Maiunruhen des Jahres 1968 zu tun hat, möglicherweise auch als modisches Zugeständnis an die Zeit zu begreifen ist, oder aber in der logischen Entwicklung seiner theoretischen Überlegungen situiert ist, kann an dieser Stelle nicht analysiert, geschweige denn entschieden werden. Tatsache ist, dass Lacan mit Beginn der 70er Jahre seine Aufmerksamkeit der topologischen Spezialität des borromäischen Knotens widmet, letzte Phase seiner Passion der Gegenüberstellung und „Interpenetration“ (Luhmann) von Psychoanalyse und Mathematik.

Das Interesse dieses Aufsatzes ist also kein systematisches, sondern ein thematisches. Es würde allerdings zu weit führen, aus Gründen der Vollständigkeit neben dem Diskurs des Hysterikers auch die anderen drei vorzuführen[2], also den Diskurs des Herren, den Diskurs der Universität und den Diskurs des Analytikers, oder auch die Frage anzugehen, warum gerade vier Diskurse und warum gerade die genannten. Gleichwohl werden diese dem aufmerksamen Leser nicht gänzlich fremd bleiben, sind doch alle eben genannten Diskurse nach einem Viererschema mit invarianten Plätzen und einer bestimmten Anordnung diese Plätze einnehmender Termini konstruiert: eine Vierteldrehung der Anordnung der Termini determiniert jeweils einen neuen Diskurs:

 

U

He

H

A

S2  ®  a

S1  ® S2

S  ® S1

a ® S

S1             S

S         a

a     S2

S2    S1

Diskurs der Universität

Diskurs des

Herrn

Diskurs des Hysterikers

Diskurs des Analytikers

 

Die Plätze, auf denen die rotierenden Termini ihre Funktionen zugeschrieben bekommen, sind folgendermaßen angeschrieben:

 

der Agent                  der andere

_________               _________

die Wahrheit             die Produktion

 

Die Termini der rotierenden Vierergruppe sind[3]:

 

S1:   Herrensignifikant

S2:   Wissen

$:     Subjekt

a:    Mehrlust

 

Die Achse, auf der alle vier Diskurse aufruhen, ist das, was Lacan die „grundlegende Beziehung“[4] nennt, um mit ihr die sprachliche Verfaßtheit des Subjekts zu postulieren: das Subjekt ist nicht von vornherein, und dann etwa immer mit sich gleich, gegeben, sondern es taucht auf, kommt zum Vorschein im Zusammenspiel eines Signifikanten mit einem anderen Signifikanten - das ist die „grundlegende Beziehung“ - und Subjekt nennt Lacan das, was „ein Signifikant gegenüber einem anderen Signifikanten repräsentiert“[5]. Was heißt das?

Zunächst fällt auf, dass weder das Subjekt noch das Signifikat, also das Bezeichnete, in dieser Definition eine tragende Rolle spielen, sondern eben der Signifikant, also das sogenannte Bezeichnende. Das liegt daran, dass Lacan, anschließend an den Linguisten Ferdinand de Saussure, differenzlogisch argumentiert. Das sprachliche Zeichen als Einheit der Unterscheidung von Signifikant und Signifikat ist nämlich keine garantierende Funktion dafür, dass der Signifikant die Repräsentationsleistung des Signifikats in sich selbst noch einmal repräsentieren könnte, um so dem sprachlichen Zeichen die ontologische Weihe zu erteilen. Diese zeicheninterne Stabilisierungsintention, die auf die Repräsentierbarkeit der wahren Wirklichkeit spekulierte, ist aufgegeben worden und mußte als metaphysisch aufgegeben werden. Konsequenterweise spielt das Zeichen in Lacans Theorie keine Rolle, das Signifikat ist lediglich ein Effekt des Zusammenspiels von Signifikanten[6] und auch das Subjekt ist nichts anderes, als was nachträglich, als Differenz der Differenz der Signifikanten, abfällt. In dem Maße also, wie das ehemals autonom genannte Subjekt differenzlogisch abgerüstet wird, wird der Signifikant funktional aufgerüstet. Er ist der Joker in dem, was Lacan die symbolische Ordnung nennt, das ist die jeweilige Sprache, in der Subjekte sprechen, aber auch die Sprache als formatierte, als diskursives Feld, als Regelwerk von verschiedenen Arten von Beziehungen in der Gesellschaft. Wenn also nach obiger Definition ein Signifikant ein Subjekt gegenüber einem anderen Signifikanten repräsentiert, dann kann das alles mögliche heißen, immer aber zumindest das: es gibt kein Heil außerhalb der symbolischen Ordnung, und die wird durch das differentielle Spiel von Signifikanten zusammengehalten: auf syntaktischer, auf semantischer und auf diskursiver Ebene.

Auf diese Dignität, die der Signifikant in Lacans Theorie erfährt, muß man sich einlassen, und in einem damit auf die De-Potenzierung des Subjekts, auf seine Verteilung, seine Interpretierbarkeit, aber auch auf seine Machtpositionen und seine Identifikationen.

 

Das Symbol für das Subjekt im Viererschema ist ein durchgestrichenes, ein gespaltenes S ( $). „$ bezieht sich auf den Schwund [fading] des Subjekts...“[7] Diesem steht als Ort der Bestimmung das gegenüber, was Lacan den „Reichtum der Signifikanten“ nennt als das, was dem einzelnen sprechenden Subjekt immer schon vorausgeht. Es gibt keine Privatsprache. Es gibt aber etwas, was in Kommunikationen nicht aufgeht, weil es diese zu unterlaufen und auf einem anderen Schauplatz zu interpretieren erlaubt. Sobald es Sprache gibt, so Lacans These, gibt es auch Unbewußtes. Sprache spaltet das Subjekt, seine Artikulationen tragen potentiell immer die Marken mehrerer und unterschiedlicher Herkünfte. Welche sich zeigen können, die das Subjekt aber nie einholen und sich aneignen kann, so dass es am Ende (wann wäre das?) alles von sich und über sich wüßte.

Das Subjekt operiert also genau in dem Netz, welches die sprachliche Ordnung allererst über es geworfen hat. Und dass es sich tatsächlich um eine Ordnung handelt, ist ein Zeichen dafür, dass das Subjekt bei seinen Operationen nicht völlig blind verfährt. Das Netz bietet autorisierte Ausgangs- und Zielpunkte, mehr oder weniger glaubwürdige Muster und Exempel z.B. für ein gelingendes Leben oder Karrieren im Schnellformat, und alles das, was sich in diesem schillernden Bereich als Medium der Orientierung und Identifizierung anbietet, nennt Lacan Herrensignifikanten, symbolisiert S1: „A master signifier is any signifier that a subject has invested his or her identity in - any signifier that the subject has identified with (or against) and that thus constitutes a powerful positive or negative value.“[8] Herrensignifikanten sind Unterscheidungen, die, einmal angenommen, gewöhnlich nicht gleich wieder hinterfragt werden - das gilt für Produzenten wie Konsumenten gleichermaßen - und sie repräsentieren beispielsweise ein Subjekt in eben dieser Ausrichtung gegenüber einer Formation von Kommunikationen, denen das Subjekt eben aufgrund dieser Ausrichtung nicht neutral gegenübersteht wie Buridans Esel, sondern an die es (sich) anschließt gerade dadurch, dass es so operiert wie es operiert. Den Dreh des Subjekts (den es meist in mehreren Geschwindigkeiten und verschiedenen Laufrichtungen gibt) in der Formation von Kommunikationen in der Gesellschaft - mit Lacan: das Wissen, S2 - besorgen also Herrensignifikanten, die man nicht als Ideologeme oder ähnliches bezeichnen sollte, da sie zwar inhaltlich austauschbar sind (Reichtum versus Bescheidenheit; Schönheit versus Interessantheit etc.), als bloße Funktion jedoch nicht zu ersetzen sind.

Aus der anfänglich wohl etwas enigmatisch anmutenden Definition von Subjekt und Signifikant, aus einem rätselhaften linguistischen Aphorismus ist unter diskursiven Gesichtspunkten eine handhabbare Formel einer wichtigen gesellschaftlichen Funktion erwachsen (nämlich des Diskurses des Herren): Signifikante Mechanismen (Herrensignifikanten) schreiben Unterscheidungen in Beobachter (Subjekte) ein, die sie für den Eintritt in verschiedene funktionale Systeme (Wissen) vorbereiten, ausrüsten und einstimmen. Doch wie gelingt das? Warum gibt es ganze Schwärme[9] von Herrensignifikanten, und wie gelingt es ihnen, sich erfolgreich an Subjekte anzukoppeln, ohne dabei anzuecken? Die Antwort wird sein, weil Herrensignifikanten Versprechungen abgeben, eben die nach Mehrlust (Lacans Symbol: a, gesprochen: Objekt klein a), und je mehr Anbieter von Versprechungen auftreten, desto mehr Mehrlust wird verhandelt.

Das Viererschema kennt keinen Ausgangspunkt, keinen absoluten Anfang. Es wird also innerhalb des Schemas nicht von links nach rechts oder von oben nach unten abgeleitet, sondern es geht um die Beschreibung von Relationen ko-präsenter Figuren.

 

der Agent      ®                     der andere

_________                         ___________

die Wahrheit                      die Produktion

 

Das zeigt sich z.B. darin, dass, wer auch immer die Position links oben, die des Agenten (l’agent) einnimmt, bezogen ist (der Pfeil) auf eine Position des anderen (l’autre). Darüberhinaus trägt Lacan die Figur des anderen selbst noch einmal in die Funktion des Agenten ein, so wie man sagt, A sei ein Agent von B: „...der Agent ist überhaupt nicht notwendigerweise derjenige, der handelt, sondern derjenige, der handeln gemacht wird.“[10]

Im Diskurs des Hysterikers nimmt das Subjekt ($) die Stelle des Agenten ein, die Lacan auch die Dominante nennt. Dem Subjekt gegenüber, auf dem Platz des anderen, ist der Herrensignifikant situiert. Nehmen wir einmal an, die Dominante sei durch ein weibliches Subjekt vertreten und stünde einem wie auch immer gearteten Herren gegenüber, dann nimmt es nicht wunder, dass Lacan die Hysterikerin[11] folgendermaßen definiert: „...sie will einen Herrn, über den sie herrscht.“[12] Diese witzige, gleichzeitig subtile Definition ist allerdings für denjenigen, den sie betrifft, gar nicht so lustig. Denn der Hysteriker hat etwas von einem verunglückten Doppelgänger, steht er doch einerseits in den Diensten eines Herren, andererseits, mehr oder weniger unbewußt, unter dem Pantoffel eines normativen Phantasmas („der Glaube an den Mann“; „der Kult der Frau“), das den Herrensignifikanten in regelmäßigen Abständen dadurch erniedrigt, dass es ihm verkündet, „dass es das nicht war“. Der Hysteriker ist ja willig, sich führen zu lassen, jemanden anzuerkennen, der über ihm steht, allein, wenn es um konkrete Kandidaten geht, ist keiner dabei, der seinen Ansprüchen wahrhaftig genügen könnte. Wohlgemerkt, diese Ansprüche sind phantasierte, und der Hysteriker selbst hat sie alles andere als in sich realisiert, ganz im Gegenteil. Das Subjekt sitzt seinem Phantasma (Objekt a) auf, das es aber zugleich für wahr hält, auch wenn es sich noch nicht als solches bewiesen hat und sich auch nie beweisen wird. Und so muß das Subjekt immer wieder, wenn es in dieser paradoxen Logik gefangenbleibt, einen großen hysterischen Bogen um das begehrte Objekt schlagen und kann sich doch nicht von dem Glauben befreien, dass es eine Geschlechterbeziehung gebe.

Was sich damit ebenfalls auf dem Platz der Dominante situiert, ist das (hysterische) Symptom als Antwort auf die Unmöglichkeit der Annahme des Herrensignifikanten. Wenn aber auf diese Weise ein dauerhafter Niederschlag eines Herrensignifikanten auf das Subjekt in Klammer gesetzt ist, das Subjekt also nicht aufgerichtet werden kann, an dessen Stelle eben das Symptom tritt, dann wird es dem Hysteriker auch nicht gelingen, dem Herren ein Wissen von dem zu unterstellen, „welch kostbares Objekt“[13] er verkörpert. Das Wissen des Herren (S2) wird ein anderes sein (es ist sein produktives Funktionieren im Gesellschaftssystem), und so ist auch die untere Spalte im Diskurs des Hysterikers mit einem negativen Ausdruck versehen: Das „System“ (S2) sieht keine Stelle vor, in der und mit der das Phantasma (a) arbeiten könnte, denn der Hysteriker ist kein Künstler und die Hysterie, nach einem Ausspruch Freuds, „ein Zerrbild einer Kunstschöpfung“[14]. Die Produktion des Hysterikers ist die Symptomhandlung, für deren Promotion kein Herrensignifikant gegenüber irgendeinem anderen Signifikanten repräsentationspflichtig gemacht werden könnte. Dieser Selbstverzehr des Hysterikers, seine leerlaufende Produktion werden recht deutlich in den sogenannten zwei Syllogismen des Hysterikers, die Philippe Sollers in seinem Roman Femmes zum Besten gibt: hier der erste: „Er liebt mich, nun bin ich aber nichts, also ist er ein Arschloch.“ Und der zweite: „Ich liebe ihn, nun bin ich aber er, also ist er tot.“[15]

 

Schwierigkeiten bei der Beobachtung von Mode

Man kann durchaus modebewußt sein und doch nicht verhindern, wenn man am „falschen“ Ort ist, aufzufallen, im Sinn von: durchfallen. Und doch muß man nicht das Gefühl haben, etwas falsch gemacht zu haben. Man selbst war schließlich nicht irgendwo, etwa an der Peripherie, sondern auch irgendwie an einem Zentrum, oder vielleicht sogar in einem. Aber dann doch nicht in dem Zentrum, aber das gibt es dann möglicherweise gar nicht mehr. Das kann man jedenfalls dann als Entschuldigung und Selbstrechtfertigung vorbringen. Darf man es sich jedoch so einfach machen? Bleibt nicht ein Stachel der Vermutung, andere seien irgendwie weiter, avancierter, rücksichtsloser und damit konsequenter mit dem Zurücklassen, Hintersichlassen? Und man selbst eben nicht auf dem sogenannten neuesten Stand, man hat es nicht mitbekommen, und obwohl man genau aufgepaßt hat, ist einem das Entscheidende, die kleinste noch erkennbare Differenz eventuell, entgangen.

Wenn das kein Grund ist, um hysterisch zu werden. Wer nur Beobachter der anderen ist, kommt immer zu spät, die anderen sind ja immer schon da. Einige von diesen anderen beobachten zwar auch, aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist die, dass diese einigen anderen zur Beobachtung freigegeben sind. Das kann man die Produktion der Beobachtung nennen. Durch Beobachtung zweiter Ordnung. Die sich von der erster Ordnung dadurch unterscheidet, dass sie bereits die Unterscheidung ist, auf die Beobachter der ersten Ordnung früher oder später stoßen. Indem diese etwa Namen lesen, bestimmte Namen, kurz, angesagte Namen. Und diese Namen sind gezählt, man rechnet mit ihnen, und das in beiden Ordnungen. Nur anders. Beobachtungen der Beobachtungen, also Beobachtungen der zweiten Ordnung, die auf eine (Re-)Produktion der Beobachtung erster und zweiter Ordnung hinauslaufen - die Zirkularität ist gewollt, aber auch gar nicht hintergehbar - sind Reaktionen auf und Antizipationen von (möglichen) Antizipationen und Reaktionen der anderen. Beobachtungen zweiter Ordnung, und nur sie, stellen Positionen zur Verfügung, die nur deshalb einnehmbar sind, weil sie einen Unterschied machen, den die erste Ordnung zur Kenntnis nehmen und in Handlung umsetzen kann. Produktion von Positionen, einerseits, andererseits aber auch die Beobachtung zweiter Ordnung umfassende Struktur der Produktion der Produktion, die nämlich die Freigabe der Beobachtung der Beobachtung rhythmisch konditioniert im saisonalen Tod-Auferstehungswechsel. Und alles nur, weil auch das diesmal es nicht gewesen sein wird.

Der systemtheoretische Zuschnitt des Begriffs des Beobachters für das Feld der Mode schärft den Blick dafür, dass dieses Feld nicht von einer neutralen Instanz aus bestellt wird, sondern dass seine Parzellierungen von ständig drohendem Zerfall bedroht sind. Dasjenige jedoch, was sich der Unübersichtlichkeit entzieht und was überhaupt erst dazu berechtigt, von einem „System“ oder einem „Diskurs“ der Mode zu sprechen, ist die funktionale Konfiguration von Plätzen und ihr mehr oder weniger erfolgreicher Umgang mit Unübersichtlichkeit. Die Konfigurierung der Plätze soll in diesem Zusammenhang ja der Diskurs des Hysterikers zur Verfügung stellen, und es sollte nicht schwer fallen, etwa die Beziehungen von Beobachtern erster und zweiter Ordnung mit den Plätzen dieses Diskurses zu überschreiben.

Der Herrensignifikant in Lacans Schema ist eine Adresse, deren Aufgabe es ist, geschickt, also gewandt und mit Auftrag, für Ordnung durch Identifikation zu sorgen. Das einzige Privileg, das der Herrensignifikant genießt, ist die Anerkennung seines Angebots als Verdichtung eines Wertes. Auch wenn Niklas Luhmann seine Unterscheidung von Beobachtern erster und zweiter Ordnung nicht von vornherein an Machtdispositive knüpft, so ist doch auch ihm völlig bewußt, „dass in aller medienvermittelten Kommunikation ein ähnliches Problem auftritt und zu lösen ist, nämlich das Problem der Überforderung des Beobachters. Medien bilden dynamische Systeme. Die Ereignisse haben Neuigkeitswert. Man hat wenig Zeit, sich auf das einzustellen, was gerade aktuell ist und Chancen oder Gefahren in sich birgt. Man muß sich deshalb an Symbole halten, die eine verkürzte Orientierung erlauben. Reputation zum Beispiel gewährt Kredit.“[16] Auch Herrensignifikanten sind nichts anderes als das, an was man gerade (noch) glaubt, und auch der Herr des Alten Testaments hat dies immer wieder am eigenen Leib erfahren müssen, wie dies etwa das fünfte Buch Moses oder das Buch der Richter berichten. Kein Herrensignifikant ist so dominant, dass es ihm gelänge, auf Dauer seinen Imperativ: Du sollst keinen Herren neben mir haben, aufrechtzuerhalten. Nichts anderes widerfährt dem zeitlich limitierte vorbildliche Unterscheidungen treffenden Beobachter zweiter Ordnung, der das dynamische System, in dem er operiert, ja nicht beherrscht, sondern dass ihn allererst hervorgebracht hat. Zu diesem konstruktiven Moment noch einmal Niklas Luhmann: „Im allgemeinen setzt der Ausbau und die zunehmende Abhängigkeit von zeitlimitierten Ordnungen Organisationssysteme voraus, die Anfang und Ende beobachten, registrieren, ja veranlassen können. Das gilt heute selbst für das scheinbar so leichtfüßige Phänomen der Mode.“[17]

Denn als System hat auch Mode nicht primär mit Menschen zu tun, sondern mit „Personen“ im Sinne von „sozial identifizierten Erwartungskollagen“[18], also mit Masken, die getragen werden, die selbst wieder von Marken gezeichnet sind, die der Markt hervorbringt und auch wieder von ihm verschwinden. Ein Herrensignifikant hat dann mehr damit zu tun, dass ein Typ wie Karl Lagerfeld etwa im Fernsehen erscheint, als mit diesem Menschen, der durch diesen Namen bezeichnet wird. Der Eigenname ist von vornherein modisch sortiert, und er steht ein für ein Arrangement, dessen Design selbst ein Ausdruck ist für eine spezielle Kopplung von Produktion/Distribution/Konsumption. Die Hervorbringung, Stabilisierung, Fetischisierung und Auslöschung von Herrensignifikanten durch Medien bedarf heutzutage keines eigenen Beweises mehr, ist doch die Versorgung durch Medien nur ein anderer Name für das „synchron-environmentale[] System“[19], das seine Orientierung ausschließlich aus sich selbst heraus erzeugt. Deshalb sind Moden heute weniger denn je nur auf Kleidungsmoden beschränkt, jeder gesellschaftliche Bereich, wie seriös er sich auch gerieren mag, hat nicht nur seine modisch-schillernde Außenseite, sondern auch die Frage, was denn nur modisches Epiphänomen, und was dagegen moderesistent sei, kann oftmals schon gar nicht mehr beantwortet werden. In Zeiten der Beschleunigung wachsen damit nicht nur die Möglichkeiten der Plazierung, sondern auch die Risiken für die Etablierung von Herrensignifikanten als Platzhaltern von Markennamen, trendigen Objekten und ähnlichem, so dass das, was als Wissen der Modeindustrie zur Verfügung steht, sich mehr und mehr ausdifferenziert, um garantieren zu können (aber kann sie das?), dass ihre eigene Reproduktion sich als Investition in die Zukunft auszahlt. Ob dieses Wissen ausreicht, muß aber prinzipiell in Frage gestellt werden, denn auch die Modebranche mit ihren immer subtiler arbeitenden Beobachtern zweiter Ordnung jenseits der klassischen Anzeigenwerbung, also den Trend-Scouts, den Below-the Line-Maßnahmen, industriellen Trendforschungsapparaten, Event-Marketing-Agenturen, ist mit der Unübersichtlichkeit konfrontiert, die transparent zu machen sie angetreten ist oder die zum Verschwinden zu bringen sie beauftragt wird. Das Problem ist also nicht nur, dass die Kommunikationen zunehmen (für den einzelnen unüberschaubar), dass die Reaktion auf bestimmte Kommunikationen bei zeitgleicher Präsenz verschiedenster anderer Kommunikationen immer schwerer zuschreibbar ist, sondern vor allem, dass die Bezugnahmen der Mode-Kommunikation hypothetisch sind, gerade weil ihr appellativer Charakter eine Hypothek auf die, wenn auch allernächste, Zukunft darstellen.

Es scheint nach diesen Ausführungen klar, dass kein Herrensignifikant die Aufgabe hat, die hinter (oder, bezogen auf das Schema: unter) ihm arbeitende Komplexität des Wissens gegenüber einem modebewußten Subjekt zu repräsentieren. Das Wissen arbeitet diskret, der Herrensignifikant um so auffälliger. Die Phantasien sind diffus und opulent, das Subjekt verlangt nach Rekrutierung. Der Herrensignifikant bietet sich an als Fremdenführer, die Mehrlust von Objekt a kokettiert eine Weile und läßt dann wieder ab. Die Industrie expandiert, die Spaltung des Subjekts nimmt zu. Das Wissen konstruiert, die Mehrlust fährt früher oder später wieder auf anderes ab. Genau in dieser Dauerrotation, die das Schema visualisiert, findet die Hysterisierung der Mode statt: das Subjekt ist ein Subjekt des Begehrens, das sich einem Schwarm von Herrensignifikanten ausgesetzt sieht, die sich um es bemühen, um einen Mangel zu beseitigen, dessen unsagbarer Kern sich in einem Phantasma niederschlägt, das zu inkarnieren die Herrensignifikanten antreten, dessen metonymischen, also immer nur weiterwandernden Objektcharakter diese Signifikanten aber immer nur im Wandel der Saison etikettieren können mit Marken und Preisen, deren differentielle Lagen dem Subjekt einschneidend kundtun, dass es da ist.

 

Blanqui wider den Luxus

In seinem Aufsatz Der Luxus[20] aus dem Ende der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts spricht Blanqui den Satz aus: „Es gibt keinen böseren Herrn als den Luxus.“ Was es mit diesem bösen und „eigensinnigen Herrn“ auf sich hat, illustriert Blanqui anhand einer Anekdote um einen Lyoner Kaufmann und einem Frl. Mars, einer berühmten Schauspielerin. Besagter Kaufmann hat nicht aufgepaßt und ist auf einer großen Menge gelben Seidenstoffes sitzengeblieben, der eben gerade nicht Mode ist. Nach langem Zureden kann der Kaufmann das Fräulein, an das er sich gewendet hat, davon überzeugen, dass sie sich nicht lächerlich mache, wenn sie ein gelbes Seidenkleid trage, ganz im Gegenteil, denn, so der Kaufmann, „Ihre Robe wird Furore machen; es genügt, wenn Sie dieselbe tragen.“ Der Coup gelingt, die Schauspielerin in der gelben Robe auf der Theaterbühne feiert einen triumphalen Erfolg: „Sie hat noch nicht zwei Schritte gemacht, als der Saal von einer Salve von Bravos erzittert.“ Am nächsten Tag kann der Kaufmann sein Magazin endlich leeren und seine Stoffe werden „um wahnsinnige Preise verkauft.“ Der herrensignifikante Status der Schauspielerin ruft natürlich sofort die Nachahmer auf den Plan, doch der Erzähler winkt hähmisch ab: „Zu spät, ihr Nachäffer, zu spät! Die gelbe Farbe war nur ein Strohfeuer. Die erste Raserei ist vorüber, die alten Antipathien erwachen wieder, und die ganze Ware bleibt zum Schaden der unglücklichen Nachahmer liegen.“ Und die Moral von der Geschicht’: Wer zu spät kommt, den bestraft die Mode, dieser böse, eigenwillige und hysterische Herr.

Was aber vielleicht wichtiger ist als diese Moral ist die Beobachtung, die sich verallgemeinern läßt, dass Subjekt und Herrensignifikant zusammenfallen und noch im 19. Jahrhundert Modephänomene als Angelegenheit der oberen Stände und der Demi-Monde personalen Ursprungs sind und in einem damit die Antennen der Modeindustrie lediglich auf Empfang geschaltet sind, so dass sie als dirigierender Produzent nicht wirklich in Erscheinung tritt. Die Produktion von Mode als willkürlicher Akt, der in Blanquis folgendem Beispiel ironisch als revolutionäre Tat gedeutet wird: „Großes Ereignis! Eines Tages fühlen die schönen Damen das Bedürfnis nach einer neuen Mode, der Tournure. Flink wachsen die Fabriken für diesen neuen Modeartikel aus der Erde. Alles in den Werkstätten gerät in Aufregung; man weiß nicht, wo einem der Kopf steht. Oh, die Geschäfte gehen! Doch nicht genug! Auf einmal finden diese Damen, dass sie nicht genug Raum in der Welt einnehmen. „Nieder mit der Tournure, es lebe die Krinoline!“ ertönt es plötzlich. Schnell verwandelt sich die ganze gebildete Welt in eine Fabrik wandelnder Glocken.“[21]

Aus kapitalistischer Sicht ist dieses Warten auf den Startschuß von außen natürlich völlig unsinnig. Also wird bei ausreichender Ausdifferenzierung der Modeindustrie die Laufrichtung geändert. Von außen mögen Anstöße kommen, sie sind sogar erwünscht, was aber als Mode zu gelten hat, ist zunehmend ein Rückkopplungseffekt der „objektive[n] Arbeitsverfassung der Wirtschaft“[22], und Georg Simmels Einsicht, es entstehe „nicht nur irgendwo ein Artikel, der dann Mode wird, sondern es werden Artikel zu dem Zweck aufgebracht, Mode zu werden“[23], gilt auch heute noch. Allerdings ist auch bei Simmel Mode noch ein schichtenspezifisches und damit hierarchisches Modell mit einer eben modellbildenden oberen Schicht und einer diese dann später imitierenden breiten Masse. Der Herrensignifikant ist zwar industriell kassiert, Mode aber noch lange kein allen gleichermaßen zugängliches Phänomen; das dekadente Pendel zwischen nervlichem Abschlaffen und Abstumpfen auf der einen Seite und (hysterischer) Reizbarkeit und Hypersensibilität auf der anderen ist noch ein Privileg der höheren Stände und damit auch der hysterische Takt modischer Innovation. Wie beschleunigt auch immer, ist dieser Takt, seine Herkunft und sein Durchschlagen relativ gut beobachtbar. Das wird sich in dem Moment ändern, wo das System Mode sich gewissermaßen verdoppelt oder aufspaltet: In dem einen Bereich behält Mode ihren exklusiven Charakter (am auffälligsten natürlich die Kleidermode der Haute Couture), was aber noch lange nicht ihren Status und ihre Funktion beschreibt; der andere Bereich dagegen ist durch seinen eigenen Zerfall gekennzeichnet, so dass es auch nicht länger sinnvoll erscheint, von einem homogenen Mainstream auf der einen Seite und einer sich in Opposition zu diesem sich befindenen Schar von Sub-Kulturen zu sprechen. Mode wabert in Zellen und Szenen, dekonstruiert ständig ihre eigenen Herrensignifikanten (sei es als Kastration, ironisch oder nicht, des symbolischen Vaters, sei es als Zerstückelung des imaginären Voll-Bildes), fordert die Produktion zu immer subtileren Unterscheidungen und waghalsigeren Kombinationen auf, hat es mit einer Symptomatologie von Subjekten zu tun, die auf Weiterverarbeitung und Wiederaufbereitung durch Beobachter zweiter Ordnung wartet, und sie durchkämmt hysterisierte Subjekte auf ihre Wahrheit als einen Rest, der als unbefriedigte Phantasie den Herrn anruft, den es aber nurmehr in der Mehrzahl gibt.



[1] Lacans Seminar Buch XVII, L’envers de la psychanalyse, Paris 1991, auf das ich mich hauptsächlich beziehe, liegt nicht auf deutsch vor.

[2] Vgl. hierzu Mark Bracher, On the Psychological and Social Functions of Language: Lacan’s Theory of the Four Discourses, in: Lacanian Theory of Discourse, ed. by Mark Bracher et al., New York und London 1994, S. 107-129.

[3] Der deutschsprachige Leser sei bei den obigen Schemata auf die Übersetzung von Lacans Le Séminaire livre XX, Encore (Paris 1975) verwiesen, und zwar auf den Beginn von Kapitel zwei. Eine Diskussion der Diskurse findet in diesem Seminar allerdings nicht statt, der Leser wird mit den Schemata mehr oder weniger allein gelassen.

[4] Lacan, 1991, S. 11 (soweit nicht anders gekennzeichnet, sind die Übersetzungen vom Verfasser).

[5] Ebd.

[6] Lacan, 1975, S. 34

[7] J. Lacan, Le Séminaire VIII, Le transfert, Paris 1991, S. 420. Die Edition dieses, ebenfalls noch nicht ins deutsche übersetzten Seminars ist, ähnlich wie die von Buch XVII, massiv kritisiert worden. Vgl. hierzu: Le transfert dans tous ses errata, e.l.p., Paris 1991.

[8] Mark Bracher, in Lacanian Theory of Discurse, S. 111.

[9] Im Französischen kann man aus dem Aussprechen von S un (=S1) das Wort essaim (=Schwarm) heraushören. Dieses Wortspiel stammt natürlich von Lacan selbst.

[10] Lacan 1991, S. 197. Vgl. dazu weitere Ausführungen zum „Agenten“ S. 145ff.

[11] Wenn ich bisher von Hysteriker gesprochen habe, so immer geschlechtsneutral. Auch die von Lacan oben zunächst auf die Frau bezogene Definition ist grundsätzlich auf beide Geschlechter anwendbar.

[12] Lacan 1991, S. 150.

[13] Lacan 1991, S. 37.

[14] Sigmund Freud, Totem und Tabu. In: Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt 1974, S. 363.

[15] Philippe Sollers, Femmes. Paris 1985 [1983].

[16] Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main 1990, S. 245.

[17] Luhmann 1990, S. 337.

[18] Niklas Luhmann, Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1984, S. 564.

[19] Jürgen Peper, Postmodernismus: Unitary Sensibility. In: Die unvollendete Vernunft: Moderne versus Postmoderne, hrsg. von D. Kamper und W. van Reijen, Frankfurt am Main 1987, S. 185-223 (218).

[20] Louis-Auguste Blanqui, Der Luxus. In: Schriften zur Revolution, Nationalökonomie und Sozialkritik, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 81-97. Folgendes Zitat auf S. 92, die Anekdote selbst wird auf den Seiten 84-86 geschildert.

[21] Blanqui 1971, S. 84.

[22] Georg Simmel, Die Mode. In: Philosophische Kultur, Leipzig 1919 (2. Aufl.), S. 25-57 (29).

[23] Simmel 1919, S. 30.

Dieter Wenk