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LettreInternational Beiträge zum Lettre International - Wettbewerb 1998 Lettre-Aufsätze zur Fragestellung Die Zukunft von der Vergangenheit befreien? Die Vergangenheit von der Zukunft befreien? KREUZUNGEN KNOTEN KLÜFTEvon Dieter Wenk
Die Zahl drei. Es gibt
kein Entkommen. (Derjenige, der die Frage stellt, kommt aus der Zeit.) Die
Zeit abschaffen? Die Dreiheit? Weiße Flächen. Die
Kompaktheit des singulare tantum. Modus Man stelle
sich vor, vorliegende Doppelfrage wäre als Imperativ formuliert.
Wer könnte eine solche Forderung stellen? An wen könnte sie
sich, vorausgesetzt, sie wäre einzutreiben, als ausführendes
Organ richten? Aber vor allem: hätte sie überhaupt die Chance,
als sinnvolle und realisierbare ernstgenommen zu werden? Ein Münchhausen-Problem?
Eine Don-Quichotterie? Das mysteriöse Verschwinden der Zeitmaschine? Denn wie
sollten Zeitdimensionen voneinander befreit werden? Sind sie Blöcke,
die sich ohne gegenseitigen Schaden einfach abtrennen lassen? Um sie sich
nach einer kathartischen Behandlung neu einsetzen zu lassen? Vielleicht
fühlt man sich in Anbetracht der grandiosen Anmaßung des Imperativs
ein wenig in die Zeit versetzt, in das wie auch immer zu befreiende Gedächtnis
der Vergangenheit, vielleicht an einen Königshof mit der Vorstellung
des Königs mit seinem Narren, der sich alles erlauben darf mit allen
Risiken, die man kennnt. Er, und nur er, ist in der einzigartigen Lage,
die Rolle dessen spielen zu können, der die Wahrheit sagt. Reine
Positivität. Reine Negativität. Unverschnitten. Metikulös
und größenwahnsinnig. Die Forderung des monarchischen Narren
lautete natürlich (da alles anders werden muß, damit alles
beim alten bleiben kann): König, Du mußt die Vergangenheit
vor der Zukunft retten, sonst zerstört die Gegenwart Dein Reich.
Warum? Geschichtsphilosophische Antizipationen. Gewisse Befürchtungen
zukünftiger Auflösungserscheinungen. Verschlüsselte
Botschaft an den postmodernen Narren. Jahrhunderte später. Haltestelle
der Zeitmaschine. Was ist aus dem Hof geworden? Zu wem spricht der Narr,
der Post-Intellektuelle, der Wiedergänger der Dritten Auges? Was
kann er verlangen, was soll er fordern? Der Narr hat gut lachen. Er kennt
sich in allen Registern aus. Aber, und das ist sein Problem, wissen das
auch die anderen? Bruchstück
aus der Zeit (I) Sokrates: So sage mir denn, oh Kalanos, was du damit meinst,
wenn du von der Zukunft und von der Vergangenheit sprichst. Sind es etwa
Dinge, wie man sagt, ein Mensch oder ein Baum? Kalanos: Freilich ist, oh Sokrates, die Vergangenheit
nicht solch ein Ding wie ein Mensch, und auch nicht die Zukunft... Sokrates: Also überhaupt kein Ding? Kalanos: Fast möchte es mir so scheinen, ist doch
die Vergangenheit vergangen und somit nicht mehr. Sokrates: Wenn aber etwa die Vergangenheit, um nur diese
zu nehmen, durch Nicht-Sein, wie du es sicher gemeint hast, gekennzeichnet
ist, so sage mir auch noch dies, wie wir über das Vergangene sprechen
sollen, ist doch, wie wir vielleicht besser sagen sollten, nicht die Vergangenheit
selbst vergangen, sondern eben das Vergangene ist vergangen, während
es doch gegenwärtig war, als es sich ereignete. Ist nun nicht das
Vergangene gleichzeitig vergangen und irgendwie gegenwärtig, da wir
es doch benennen und darüber sprechen können, und was einen
Namen hat, verweist auf etwas, das nicht nichts sein kann. Kalanos: Alles, bis auf das Letzte, das ich so nicht
stehen lassen kann, ist gut gesagt. Sokrates: Gleichviel, mein lieber Kalanos, aber sage,
kennst du den Seloros aus Bordoss? Kalanos: Nein, Sokrates. Sokrates: Dieser Seloros sagt, und höre gut zu, denn
es klingt wie aus einer anderen Zeit, daß das verborgene Maß
der Dinge ihr Vergessen-Können sei. Kalanos: Was kann er damit wohl gemeint haben, denn ich
verstehe es nicht. Sokrates: So versuche doch, es mit dem zusammenzudenken,
was wir eben gesagt haben, als wir von der Gleichzeitigkeit gesprochen
haben. Denn etwas kann doch gewesen sein, auch wenn wir es gerade nicht
in unserem Gedächtnis finden. Und das nennen wir das Vergessen. Kalanos: Freilich. Sokrates: Ist nun das Vergessen willkürlich oder
unwillkürlich? Kalanos: Unwillkürlich, will mir scheinen, denn
gerade, wenn ich etwas vergessen will, so drängt es sich umso aufsässiger
auf, und ich ärgere mich, daß ich mich von dieser Last, denn
das ist daraus geworden, nicht befreien kann. Sokrates: Sehr gut, Kalanos, und ganz richtig scheint
mir das gesagt, daß das Vergessen unwillkürlich geschieht.
Siehe aber auch noch Folgendes. Ist denn das unwillkürlich Vergessene
für immer vergessen oder nur für eine bestimmte Zeit? Kalanos: Manches für immer, manches für eine
bestimmte Zeit. Sokrates: Das nun für eine bestimmte Zeit kann also
wiederkehren, oder, wie man auch sagen könnte, es kehrt wieder, weil
es nachdrängt, gleichsam wie man Luft ausstößt, wenn man
zu gierig trinkt. Kalanos: Wie ein Rülpser, oh komischer Sokrates,
aus dem Unterhalb des Denkens!? Sokrates: Spaß beiseite, lieber Freund, ich sagte
also, es kehrt wieder, oder, um es noch schärfer zu formulieren,
weil es vordrängt, sich vordrängt, vor anderes drängt,
verlieren wir plötzlich das aus dem Auge, was unmittelbar um uns
herum ist, so daß dies um uns herum irgendwie nur noch da
zu sein scheint, während das Nachdrängende, das, was nicht aufhört,
sich zu melden, uns eine Forderung stellt, die abgegolten werden muß,
sollen wir uns von ihr lösen, oder, wie du sagtest, befreien können. Kalanos: Fast möchte ich jetzt sagen, oh wunderbarer
Sokrates, daß das verborgene Maß der Dinge des Seloros aus
Bordoss in der Zukunft liegt. Denn gibt es denn bei diesen merkwürdigen
Dingen, die nicht mehr sind und doch nicht nichts, ein Ein-für-allemal?
Gibt es eine totale Befriedung, gibt es eine grundlegende Kehre? Sokrates:
Darüber müssen wir ein andermal reden, aber laß mich noch
dies sagen. Wenn es denn stimmt, was Nixos aus Naumboss sagt, nämlich:
nur was nicht aufhört, wehzutun,
bleibt im Gedächtnis[1],
so müssen wir für uns selbst und für andere Sorge tragen,
daß mehr und mehr aufhöre, wehzutun, was schließlich,
ich sage nicht wann, vergessen werden kann. Denn wir sind wie ein Symbol
- wir selbst sind die, die zerbrechen... (Spät-)Zündung Sind die
beiden Fragen gleichrangig, gleichwertig? Zeigt die vorliegende Plazierung
der Fragen eine Priorität an, und wenn ja, liegt dies nur an dem
weitestgeteilten Vorurteil, das Erstgenannte sei das Wichtigere/das Wichtigste?
Oder muß man nur die Fragen selbst gehörig befragen, um von
ihnen die Antwort zu bekommen, wo es denn mehr drängt, welche Befreiung
die Gewichtigere wäre? Hilft Hermes?
Hermeneutik oder Hermetik? Fragen
sind oft, nicht immer, ein Symptom dafür, daß etwas nicht funktioniert.
Das spricht noch nicht unbedingt für die Fragen. Und das spricht
auch nicht notwendigerweise gegen das, was sie befragen als fragwürdig.
Gleichwohl macht irgendetwas Problem, auch wenn man noch nicht so genau
weiß, was genau wobei Problem macht. Das herauszufinden
erledigt meist ganz gut die Tradition als Herausgeberin des Sinnpotentials
und als Verlegerin von Punktierungen und Skandierungen. Zur Tradition
gehört dabei auch der Ausblick auf das, was traditionellerweise noch
aussteht. Und wenn sich die Fragen so wunderbar datieren lassen wie in
diesem Beispiel, so kurz vor der Jahrtausendwende, sollte eigentlich alles
klar sein. Nämlich:
wer die Fragen stellt: natürlich ein einzelner, aber indem er versucht,
(wie) alle zu sein; das wäre dann irgendwie die Vernunft, wie sie
aus dem Nähkästchen plaudert. An wen
sich die Fragen richten: an alle, insofern sie in ihrer Vielheit von einem
gemeinsamen Interesse geleitet würden, so wie es ein Einzelner formulieren
können sollte. Was der
Sinn der Frage ist: vorsichtig formuliert: die In-Frage-Stellung eines
Doppelprojekts, zweier Projekte, deren Beziehung völlig offen ist.
Etwas genauer: einerseits die Befragung eines Neuanfangs auf offensichtlich
globaler Ebene, andererseits die Erkundung der Möglichkeit der Befriedung
dessen, was war, um es so sein lassen zu können, ohne Appelcharakter
aus der Zukunft/in die Zukunft. Konkret: gibt es eine Emanzipation vom
Wiederholungszwang als einer Variante des Todestriebs; und: wie kann,
wenn alles ,Gute Erbschaft ist[2]
(Heidegger, Nietzsche paraphrasierend: Alles Gute ist Erbschaft),
dieses Erbe, gewissermaßen die Frucht der Zeiten, gerettet werden
von einer konsumtiven, also aufzehrenden Obsession, die auf der anderen
Seite ihres Schildes den generalisierten Müll führt? Fals
I (Knoten) Wie kann
etwas von etwas befreit werden? Durch irgendeine Auflösung von Konsistenz.
Also z.B. durch das Auftrennen von Ringen, von Fadenringen. Das ist sogar
die Definition des borromäischen Knotens: Löst man aus einem
bestimmten Ensemble von Fadenringen, von denen es mindestens drei geben
muß, einen heraus, so sind auch die beiden anderen (oder alle anderen
im Falle von mehr als drei Ringen) frei. Eine Fahrradkette etwa ist kein
borromäischer Knoten, da die Herauslösung eines Kettengliedes
nichts anderes bewirkt als die Verkürzung der Kette, die als solche
auch danach Bestand hat, da alle übrigen Glieder nach wie vor eines
in das nächstfolgende greifen. Der borromäische Knoten dagegen
verliert nach obiger Operation des Herauslösens oder Durchschneidens
eines einzigen Ringes vollständig seine Struktur und löst sich
auf in die bloße Summe der Ringe, die ihn gebildet haben. Er läßt
sich auch wieder neu zusammensetzen, mit mehr oder weniger Ringen, in
verschiedenen topologischen Varianten. Halten wir für die oben gestellte
Frage nach der Befreiung unter Berücksichtigung des borromäischen
Knotens fest, daß eine einzige Öffnung genügt, um die
Gesamtstruktur zum Zusammenbrechen zu bringen. Nach Jacques
Lacan ist die Konsistenz des borromäischen Knotens eine Funktion
des Imaginären[3].
Das Imaginäre hat mit Gestalt zu tun, mit Bildern, Formen, Figuren.
Für die menschliche Psyche etwa schafft das Imaginäre einen
Mehrwert, indem es über eine bildnerische Funktion definiert wird.
Diese bildnerische Funktion des Imaginären läßt etwas
(mehr) entstehen, was vorher so nicht da war - die Verkennung, von Beginn
an identifizierender Stadionläufer des Spiegelstadiums[4],
geht gewissermaßen der Existenz vorher. Das Imaginäre läßt
also zusammenbestehen und verschafft dadurch Einheit. Einheit, die gleichwohl
prekär und vorläufig ist, da Konsistenz eben nur eine Funktion
des Imaginären ist und Menschen Wesen sind, die sich grundsätzlich
von ihren Bildern (von sich selbst) unterscheiden. Wie entsteht
Konsistenz? Konsistenz wird beispielsweise erreicht durch Identifizierung.
Und Identifizierung wiederum, so kann man bei Sigmund Freud in Massenpsychologie und Ich-Analyse nachlesen, geschieht oftmals durch
einen einzigen Zug[5],
den das sich identifizierende Wesen von dem entlehnt, mit dem es sich
identifiziert. Zu betonen ist, daß nicht der einzige Zug
(ein Merkmal, eine Eigenschaft etc.) das Objekt der Identifizierung abgibt,
sondern das ist, womit eine Verwandlung bei dem sich Identifizierenden
ausgelöst wird, wie groß sie auch immer sei. Wenn nun ein
einziger Zug ausreicht, um Konsistenz in etwas hineinzubringen,
denn tatsächlich handelt es sich um eine Produktion durch Übertragung,
so genügt es umgekehrt, um Konsistenz aufzulösen, daß
jener wie auch immer geartete einzige Zug als Identifikator
wegfällt. Das Gefüge (und alles, was man dafür einsetzen
will) hängt also möglicherweise nur an einem einzigen, winzigen
Faden. An einem Fadenring eines borromäischen Knotens. Alles
klar!? Zieht man
von den Signifikanten Zukunft und Vergangenheit
der ersten Zeile der Frage eine Linie zu den jeweils identischen Signifikanten
der zweiten Zeile, so erhält man ein Kreuz. Während der Operator
(befreien) an der gleichen Stelle geblieben ist, und auch
der performative Charakter des Satzes (Frage) sich nicht verändert
hat, so haben sich Subjekt- und Objektpositionen verkehrt. Kreuzverkehr?
Aber die Mitte des Zweizeilers ist nicht passierbar, eine Schranke trennt
die scheinbar identischen Ausdrucksträger vor ihrer kreuzweisen Abbildung.
Die Zukunft der einen Zeile ist nicht die Zukunft der anderen, und umgekehrt
hat der Wert von Vergangenheit der ersten Zeile mehr zu tun mit dem Wert
von Zukunft der zweiten als mit der signifikanten Doublette Vergangenheit
der zweiten Zeile. Die jeweils erste Position ist positiv besetzt, die
zweite dagegen negativ. Was bedeutet, daß die Artikel Zukunft und
Vergangenheit nicht lieferbar und die Artikel vor dem Artikel durchzustreichen
sind. Und beides
kann man gleichermaßen erreichen, nur scheinbar paradoxerweise,
indem man die Artikel hervorhebt und betont. Denn auch an einer Kreuzung
fahren ja nicht immer die selben Autos. Wünschbare
Zukunft, gefährliche Zukunft; glorreiche Vergangenheit, finstere
Vergangenheit. Und irgendwo
muß auch der Verkehrspolizist stehen, der den Verkehr regelt und
freigibt. Also auch Sie, und andere. Alle anderen, im besten Fall. Zukunft
und Vergangenheit des Verkehrspolizisten. Und im Gegenzug: Verkehrspolizisten
der Zukunft und der Vergangenheit. In diesem Knoten spielt sich das ab.
Das dürfte ziemlich wirr sein, also undurchschaubar anzusehen. Aber
zum Glück gibt es ja noch die Gegenwart. Also noch eine Schranke.
Oder ein Filter. Die nach rückwärts gewandten Propheten und
die Archivare der Zukunft. Die Lassowerfer auf gefährdetem Gebiet
und die Magnetiseure visionärer Felder. Das läuft
also jetzt irgendwie zusammen, im Brei des Jetzt. In den Gehirnen eines
auslaufenden Jahrhunderts in Erwartung eines weiteren Jahrtausends. Verlängerte
Sylvesterstimmung - ob das was hilft? Wünsch dir was, eins, zwei,
drei. Statistische Befunde des Positiven und des Negativen. Absolut frische
Ware, scheint es. Oder aber: vakuumverpackter In- und Output in den Kreisläufen
der Selbstreferenz. Also des Nichts-gegenüber. Inzucht des Symbolischen.
Aber aufgepaßt. Auf den Knoten. Seine Schlingen, seine Verzurrungen.
Seine Gordität, seinen Borromäismus. Fals
II (RSI) Einer der
bekanntesten Freudschen Sätze - Wo es war, soll Ich werden[6]
- ist in seiner doppelten Lesart verteilbar auf die Ausgangsfrage. In
welche Richtung hin und auf welche Instanz zu soll und kann das Gewicht
des Pendels verschoben werden? Für den Vertreter der Ich-Psychologie
etwa muß die Zukunft (ein stabiles, autonomes Ich) befreit werden
von der Vergangenheit (ein triebbesetztes, destabilisierendes Es). Jacques
Lacan, einer der entschiedensten Kritiker der Ich-Psychologie, dreht die
Laufrichtung um: Die Vergangenheit (das Begehren des Subjekts) muß
befreit werden von der Zukunft (einem schon immer sich verkennenden Ich);
der Lacansche Kategorische Imperativ lautete dann: Nicht in
seinem Begehren nachgeben[7]. Die Lacansche
Lektüre des Freudschen Imperativs begibt sich von der Ebene
fester Instanzen (Ich, Es) auf eine solche der Produktion und der Produktivität.
Nachlesen kann man das einfach dadurch, daß man die Betonung
von es auf war und von Ich auf werden
verschiebt. Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Lacanschen
Relektüre? Das Ich
(moi) Lacans ist nicht autonom und kann es auch gar nicht werden. Das
Ich ist imaginär, von Beginn an (d.h. mit Einsetzen des Spiegelstadiums)
entfremdet, da es eine Andersheit (eine virtuelle Ganzheit) antizipiert
und diese als Matrix einer unaufhörlichen Abgleichung introjiziert.
Dieser Andersheit (Ideal-Ich) läuft es möglicherweise solange
nach, bis es auf der Strecke bleibt. Ich-Schwäche. Zeit für
den Psychiater. Sag mir, was mir fehlt. Ich-Schwäche
und Ich-Stärke liegen aber beide, nur spiegelverkehrt, auf der Ebene
des Imaginären. Das ewige Hin und Her des Imaginären (manisch-depressiv)
kann nur durchbrochen werden durch die Einführung der drei,
eines dritten Elements, einer den Spiegelmechanismus unterbrechenden Differenz,
die Lacan A nennt, den großen Anderen, anstelle vom imaginären
anderen, i (a). Das Register
des Imaginären tritt damit ein in ein Verhältnis mit dem Register
des Symbolischen, das eines der Sprache und des (ödipalen) Gesetzes
ist. Das imaginäre Begehren des anderen verschiebt sich so zu einem
Begehren des Anderen, was bedeutet, daß einerseits das Subjekt antritt,
sich an die Stelle von A zu begeben (Aneignung von Diskursen), andererseits
das Subjekt sich der Funktion von A unterstellt, welche die Logik des
Signifikanten vorschreibt. Diese Logik sieht auf einer trivialen Ebene
des Diskurses das vor, was immer schon läuft (alte Leier), was aber
möglicherweise irgendwann dazu führen kann, daß gar nichts
mehr läuft. Das ist dann der Fall, wenn das Subjekt stolpert, nämlich
über sein eigenes Sprechen, und sich dadurch etwas zeigt, was eben
auf anderes verweist. Metaphorisches Sinn-Potential des Signifikanten
durch metonymische Verschiebung. Das Lacansche
Subjekt als Sprech-Wesen[8] wird somit aufgezogen in
eine metaphorisch-metonymische Signifikantenstruktur, deren Effekt nicht
zuletzt darin liegt, das autonome Ich als nicht-gespaltenes, selbstdurchsichtiges
unlesbar zu machen. Subjekt des Begehrens ist kein Ich, sondern der Diskurs
des Anderen, insofern nach Lacan Begehren nicht anders als in Signifikanten
zu artikulieren ist und die Einschreibung des Begehrens in die Sprache
das Begehren selbst radikal verändert. Was nichts anderes
heißt, als daß das Begehren sich nicht imaginieren, sondern
nur symbolisieren läßt. Real nennt
Lacan das, was nicht aufhört, sich nicht zu schreiben[9],
was er auch das Unmögliche nennt. Das Unbewußte etwa, Hauptkandidat
des Realen beim späten Lacan, kann als solches nicht aufgeschrieben
werden, da es kein Text ist, sondern eine Produktion. Das Begehren als
Reales hört also nicht auf, sich nicht zu schreiben, gleichwohl hat
es als Artikuliertes, in Sprache Eingeschriebenes, Effekte im Realen,
auf die allerdings keine Wechsel im Symbolischen gezogen werden können,
da die einzige Äquivalenz zwischen den drei Lacanschen Registern
des Imaginären, des Symbolischen und des Realen darin liegt, daß
sie kon-sistieren, daß sie allein Bestand haben in der
Weise eines borromäischen Knotens. Begehre
so, daß die Art und Weise, wie du begehrst, immer ans Reale grenzen
könnte. Mit diesem Programm ist Lacan nicht unmöglicher als
Kant, wenn dadurch auch ein RIS(S) durch eine Ethik geht, die aber so wieder zum Sprechen gebracht
wird. Bruchstück
aus der Zeit (II) ... Man
denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, und dann kommt es aber doch
immer wieder noch mal schlimmer... Die Grünen, die alternative Bewegung,
die jetzt natürlich völlig ins System integriert sind, aber
man muß sagen, daß das auch positive Effekte hatte... Jeder
glaubt doch heute nur noch an sich und sein kleines überschaubares
Umfeld, es fehlt der gemeinsame Blick nach vorne, ich wünsche mir
so ein bißchen was von 1789, aber eher Danton als Saint-Just...
Heute hat überall die Wirtschaft das Sagen, und das wird sich noch
zuspitzen. In weniger als fünfzig Jahren wird es eine Vergangenheit
in unserem Sinn nicht mehr geben, das sieht man ja schon heute, aber ich
wüßte auch nicht, wer uns da von diesem gesellschaftlichen
Monopol des Wirtschaftskapitalismus befreien sollte... Es geht zu Ende,
es ist schon irgendwie zu Ende gegangen... Bemerkenswert ist, daß
ja heute in Europa fast überall die Sozialdemokratie regiert, das
ist im Moment die einzige Schaltstelle, die das Gestern mit dem Morgen
verbinden kann. Tja, und der Rest der Welt, vor allem Afrika, da muß
ich sagen, da sehe ich schwarz... Weitermachen, einfach weitermachen,
das regelt sich von ganz alleine... Ich fürchte, irgendwas Schlimmes
muß passieren, damit wir uns wieder auf die alten Werte besinnen,
wie hieß gleich dieser amerikanische Film, genau, Independence
Day, und dann noch so ein paar andere, natürlich möchte
ich es nicht so kraß, aber im Prinzip ist das der einzige Weg...
Das Problem ist doch, zumindest in den sogenannten entwickelten Ländern,
daß der Einzelne sich nicht länger dauert, ich meine das ganz
wörtlich, seine Eigendauer hat er abgegeben durch den Anschluß
an die Medien in jeder Form, jeder zappt nur noch so mit sich herum, das
ist ja fast unanständig, verstehen Sie mich nicht falsch, aber das
ist elektronische Masturbation... In der Bibel steht, daß unser
Gott ein eifersüchtiger Gott ist, und wenn er merkt, daß wir
dabei sind, uns nach seinem Bild zu erschaffen, anstatt zu werden wie
die kleinen Kinder, na, dann Gnade Gott... Das sollten Sie mal meinen
Computer fragen... Ja, Mythos und Glaube, das gabs mal, aber wer
das erneuern wollte, bekäme davon nur eine Karikatur, vermutlich
eine sehr finstere... Ich finde unsere Gegenwart sehr interessant und
spannend, ich weiß gar nicht, wie Sie auf diese Fragen kommen...
Immer schön cool bleiben, word up, man... Da werden Sie von jedem
wohl was anderes zu hören bekommen. Und von mir? Ach, das kann ich
jetzt so gar nicht sagen... Das ist so, ja so grundsätzlich, und
gleichzeitig fängt man an zu wünschen, daß so etwas wie
Auschwitz und Hiroshima und all das nicht nochmal passiert, und dann merkt
man wieder, wie das meiste heute als furchtbar lächerliche Karikatur
abläuft, Stichwort Lewinsky-Affäre, aber vielleicht bewahren
uns solche Inszenierungen vor Schlimmerem... Warum bilden Sie keine Experten-Kommission,
die dürfte sich natürlich nicht nur aus Europäern zusammensetzen,
denn die heutige Welt, das ist ganz klar, ist immer noch europäisch... Kamm Mit der
Reformation wollte Luther das Christentum vom Katholizismus befreien. 1789 befreit der Dritte Stand Frankreich vom Ancien Régime. 1917 befreit Lenin den russischen Bauern vom Zarentum. 1933 befreit Hitler Deutschland von der Demokratie. Anschließend
befreit Hitler Europa von den
Juden. 1945 befreit die Welt die Welt von Hitler. Wer oder
was hat die Welt vom Kommunismus befreit? Wer oder
was befreit Befreiung von Befreiung? Jeder sogenannte
Befreier, wie revolutionär oder totalitär auch immer, hat seine
eigene Zeit, steckt in seiner eigenen Zeitschleife, mit der zusammen er
nicht übertragbar ist. Bedingung des Historikers ist, daß Zeitschleifen,
aus denen er Geschichte macht, irgendwann nur noch so herumliegen. Deshalb
auch ist Geschichte der Gegenwart unmöglich, weil man selbst der
Knoten ist, der die Schleife zusammenhält. Wie lange macht man Knoten,
sei es als Einzelner, sei es als Epoche? Es ist oft von drei Generationen
die Rede, die in jeder Symptombildung, nicht nur in der Genese der Psychose,
ausschlaggebend sind. Erst nach drei Generationen kann etwas vollkommen
Neues oder Anderes entstehen.[10] Es ist
also ein bißchen wie in der Mode, nur daß ihr Zyklus kurzfristiger
und regelmäßig ist. In absehbarer Zeit platzt den Leuten der
Kragen, und sie fallen aus ihren Klamotten heraus. Ganze Garnituren werden
untragbar, und man selbst in ihnen, wenn es denn stimmt, daß Kleider
Leute machen. Dies aber erst an zweiter Stelle und dadurch, daß
Klamotten, neue, modische, zunächst Puppen und ähnlichem aufgezogen
werden, um so Bild und Einheit zu machen, so daß der Konsument immer
nur second-hand trägt; seine vestimentäre Stimmigkeit holt er
von woanders her. Diese Alterität wird den Konsumenten natürlich
als ihr eigenes Ding verkauft; es wird dann gesagt, je höher der Preis, desto
individualisierter der Geschmack, dabei stehen sie nur auf der Spitze
ein und derselben Pyramide. Nämlich des Imaginären, das einkleidet,
ausstattet und dadurch Konsistenz verleiht. Die symbolische Ordnung stellt
die Positionen zur Verfügung, von denen aus Subjekte ihre Spielzüge
tätigen können, die gleichwohl mehr oder weniger von den Positionen
schon vorgezeichnet sind. Und das Reale als Spielverderber und -erneuerer
sagt von Zeit zu Zeit (genau die Phase, innerhalb derer sich Einbildungen
abschleifen), daß es das nicht ist[11]. Wenn
Mode etwas exemplifiziert, dann dies, daß nicht nur Modeschöpfer
in eine schon bestehende Strukur eingebunden sind, sondern ein Rhythmus
waltet, dem man sich auch nicht durch Negation entziehen kann. Mode ist total. Befreier
haben es schwer, weil sie sich nicht ganz frei machen können. Keine
Nacktheit, kein Anfang... Ex-Sample Clock
theory[12]
ist eine Art Stadtplan, ein Trampelpfad des Djs auf einer Schallplatte.
Ein Plan allerdings, strikt für den House-Gebrauch, und nur für
das eigene House, weil die Uhr im nachbarlichen House wohl doch etwas
anders schlägt. Aber weil ein Stadtplan allein völlig idiotisch
wäre, wird er mit anderen gekoppelt, was akustische Wiedererkennungseffekte
bei musikalischen Teilnehmern nicht ausschließt, ja im Gegenteil
zum Ziel hat. Spitzen-Klänge, Amplituden des Eigengeschmacks für
den Fremdgebrauch. Es geht
also um Markierungen, Entsorgungen, Entnahmen, Anschlüsse, Bereinigungen,
Unterstreichungen, Wiederholungen, Obsessionen, Filtrierungen, Wiederbelebungen,
Danksagungen. Aus fünf Minuten drei Minuten machen, oder eine, oder
zehn Sekunden. Oder die Länge beibehalten, sie aber anders besetzen,
reduzieren, orchestrieren. Oder sie verlängern, den Maßstab
ändern, ver-clockt oder nicht. Aus eins mach zwei mach wieder eins. Und weil
man heute keine Schallplatte mehr braucht, um auf ihr zu markieren, wo
was zu hören ist, ist die clock-theory in die Digitalisierung abgewandert,
wo sie noch größere Freiheitsgrade erreicht und ins Schwarze
trifft, das nicht mehr geriffelt ist. Wenn also Sampler, digitale Ver-Clocker,
ausgezeichnet sind durch digitale Speicherung und beliebige Manipulierbarkeit
von Geräuschen jeder Art, dann ex-samplen sie möglicherweise
die Beispiele, die sie auf ihrer Erkundungsreise eingesammelt haben, auf
eine Weise, daß sie für kein akustisches Erinnerungsbild mehr
gerade stehen. Diese Ver-Wendung von Samples ist ein Grenzfall, für
den nicht länger gilt: All Samples Cleared[13],
weil der, der die Spuren verwischt, nicht länger den Bedingungen
des Urheberrechts untersteht. Umgekehrt wird oft ausgewiesen, was beim
Verbraucher auf taube Ohren stößt, weil er eventuell nicht
hinreichend In-dieser-musikalischen-Welt verankert ist. Samples
geben sich also nicht als solche zu erkennen (jedenfalls nicht immer,
das hängt ab vom musikalischen Kontext und der Erfahrung des Hörers),
und was als Ex-Sample ankommt, kann als bloßes Aha-Erlebnis durchgehen:
da war doch was. Diffuse Überlagerungen, Gedächtnisleistungen
über das Ohr, die es nicht bis zur Benennung bringen (wo das
da herkommt), Ex-Samplifizierungen, die nur von einer Szene durchschaut
werden können. So sehr hat sich in relativ kurzer Zeit ein musikalischer
Bereich (House-Musik etc.) ausdifferenziert, daß der normale
Rundfunkempfänger der Auflösung traditionell geschätzter
Begriffe wie Komponist, Musiker, Texter, Autor nur mit Unverständnis
gegenüberstehen kann. Die gesamte Musikgeschichte als Selbstbedienungsladen
frivoler Techniker, die noch nicht einmal ein Instrument spielen können.
Die ehrfurchtslosen Raubzüge geschichts- und gesichtsloser Parasiten. Und Kulturkritiker
müssen dabei natürlich sofort an eine kleine Revolution denken,
dazu angetan, nach hinten loszugehen, weil auf ihrem Banner das bloße
Jetzt steht: Blip-Kultur bedeutet den Tod des folgerichtigen, linearen
Denkens, eine Erosion der Fähigkeit der Leute, ihr Leben zu planen
und zu gestalten. Es gibt nur ein JETZT, das entweder verdammt gut ist,
oder schrecklich.[14] Wie gesagt,
die Positionen sind schon verteilt, jeder hat das Zeug zum Verkehrspolizisten. Fals
III (Konsistenz
Loch Ex-sistenz) Gegeben
sei ein borromäischer Knoten als Dreier-Knoten. Die drei Fadenringe
seien gekennzeichnet mit R, S, I, also real, symbolisch, imaginär.
Um dem Ausdruck zu geben, was früher gesagt wurde, nämlich,
daß die Konsistenz des borromäischen Knotens eine Funktion
des Imaginären sei, soll der Knoten so gebildet sein, daß R
und S voneinander unabhängig sind und beide durch I zusammengehalten
werden. Gleichwohl gilt, daß, löst man R oder S heraus, auch
die beiden anderen Fadenringe frei sind. Das heißt aber, daß
Konsistenz nicht alles am borromäischen Knoten ist. So sind
etwa die Ringe nicht aus Beton gemacht, sondern um ein Loch herum gezogen,
das sie selber bilden, so daß anderes (andere Ringe) damit verzurrt
werden können. Das Loch sei nun eine Funktion des Symbolischen (Der
Signifikant macht Loch[15]).
Das hat damit zu tun, daß nach Lacan die symbolische Ordnung nicht
in einer Äquivalenzrelation zur Ordnung
der Dinge steht, sondern im Gegenteil sie ihr Bestehen einem fundamentalem
Mangel verdankt, den sie aber nicht auffüllen kann, weder durch eine
hinreichende Anzahl von Wörtern, noch durch besonders kluge Gedanken
etc. Diesem unaufhörlichen Entzug (der sich freilich zeitweise imaginär
kaschieren läßt - und wir machen nur das) trägt
Lacan dadurch Rechnung, daß er formuliert, daß ein Subjekt,
als in der/einer symbolischen Ordnung stehend, das sei, was ein
Signifikant für einen anderen Signifikanten repräsentiert[16]. Die Repräsentationsleistung
von Signifikanten läßt das Subjekt nicht bildhaft auferstehen,
sondern sie prozessiert es in einer Sprache, welche es beherrscht. Notwendigerweise
fällt das Subjekt auf sein eigenes Sprechen herein, aber gleichzeitig
wird es auch gehalten von eben der Ordnung, die es zum Straucheln bringt.
Man muß richtig hinhören wenn es spricht. Bis zum
nächsten Reinfall. Denn wenn es stimmt, daß Sprache die
Bedingung des Unbewußten ist[17],
dann gibt es nach der Lacanschen sprachlichen Konzeption des Subjekts
kein Selbstverhältnis im strengen Sinn eines Subjekts zu sich selbst.
Die symbolische Ordnung ist kein Spiegel. Loch des
Symbolischen, Konsistenz des Imaginären - was fällt dabei
für das Reale ab? Das Reale
ist der schwierigste und problematischste Terminus in Lacans grundlegender
Begriffs-Trias. So unterschiedliche Aphorismen wie: Das Reale kehrt
immer an den gleichen Platz zurück[18]
- Das Reale hört nicht auf, sich nicht zu schreiben -
Das Reale ist das Mysterium des Unbewußten[19]
- legen davon Zeugnis ab. Das Reale, so viel scheint klar, ist nicht mit
der Realität zu verwechseln.[20]
Lacans Sprung in die Transzendentalphilosophie? Vielleicht. Es mag an
dieser Stelle ausreichen, das Reale als einen Grenzbegriff zu fassen,
als etwas, das heraussteht (aus der Sprache), das herausstößt
(etwa aus einem Bild), das es somit irgendwie gibt, das existiert, aber
nur so, daß es ex-sistiert[21]. Auf den
borromäischen Knoten gewendet, könnte das heißen, Konsistenz
und Ex-sistenz in ihrer Gegenwendigkeit zu begreifen: imaginäre Konsistenz
als zentripetale Kraft, reale Ex-sistenz als zentrifugale Kraft, als energetischer
Spannungsbogen, und beide verlocht in der Sprache. Die Borromäisierung
von RSI heißt nicht, daß die Funktionen Konsistenz, Loch,
Ex-sistenz exklusiven Charakter haben (Bilder haben Löcher, brechen
zusammen; Sprechen wie ein Papagei etc.). Die Funktionen beschreiben Schwerpunkte,
aber innerhalb einer Einheit, die durch den Knoten ja auch nur figuriert
wird. Der borromäische Knoten ist ein Ex-Sample. Vertrauen Vertrauen
ist kein Gefühlszustand, sondern ein Entscheidungsakt mit all seinen
Konsequenzen. Entscheidung dafür, sich um bestimmte Dinge nicht mehr
zu kümmern. Weil diese künftig von woanders her verwaltet werden,
von Orten, Positionen, Personen aus, in die man eben Vertrauen setzt,
entweder weil sie schon vertrauensvoll und vertrauenswürdig sind,
oder weil man sie durch diese Entscheidung, die eine Entlastung bedeutet,
dazu macht. In beiden Fällen aber ist das Vertrauen blind, weil es
selbst zum System gehört, dessen Sinn nach Kontinuierung
steht. Und das auf verschiedenen Ebenen von Systemen, deren unterschiedliche
Niveaus schnell zu verstehen geben, daß Vertrauen ein Terminus ist,
der mit Organisation und Anschlußfähigkeit zu tun hat. Das Vertrauen
in biologischen Systemen besteht darin, daß etwa ein Adrenalinausstoß
nicht nichts bewirkt, sondern eine Differenz im gestörten System,
und zwar so, daß diese Störung, wenn sie nicht zum Zusammenbruch
des Systems führt, beseitigt wird: Wiederherstellung von Gleichgewicht. Vertrauen
in Partnerschaften bedeutet, darauf zu bauen, daß der andere, was
er nicht hat, gibt oder geben kann[22].
Partnerschaften zerbrechen dann, wenn festgestellt werden muß, daß
der andere tatsächlich nicht geben kann, was er nicht hat; oder Beziehungen
gehen irgendwie weiter, aber dann ohne Vertrauen, die dann zur reinen
Gewohnheit wird. Vertrauen
in sozialen Handlungssystemen wird durch Wahlen und Abstimmungen geregelt,
und zwar so lange, wie diese Regel selbst gilt. Die einzige
Zukunft biologischer Systeme ist ihre bloße Reproduktion, ihre Serialität,
diesseits der Teleologie, die immer eine Theologie ist. Der einzige Plan
im mikrobiologischen Bereich ist die Befolgung eines schon bestehenden
Plans, der nur erfüllt oder zerstört werden kann. Angesichts
vielfältiger heutiger Partnerschaftsmodelle ist die Zukunft Des Paares
(biblisch gesprochen: Adam und Eva, also der Mensch
und die Mutter) und der Zelle
(die Familie: Laios, Jokaste, Ödipus) nicht absehbar. Die Keimzelle
der Gesellschaft läßt sich nicht allein durch finanzielle
Mittel stabilisieren, und Partner in Partnerschaften sind mehr und mehr
medial vermittelter Konkurrenz ausgesetzt, die sich aus Personen und Positionen
zusammensetzt. Das kann sehr anregend sein, gestaltet das Verhältnis
aber prinzipiell schwieriger, und das ist genau das, wovor die Leute heute
Angst haben, anders gesagt, worauf sie keinen Bock haben. Steigt die Eigenverantwortlichkeit
im privaten Bereich, und sie war noch nie, von ihrem Anspruch her, für
eine Gesamtgesellschaft so groß wie heute, dann wächst auch
der Wettbewerb, und die Standards dafür setzen die Medien; wer sich
dem Wettbewerb auch im privaten Bereich stellt, kämpft an mehreren
Fronten zugleich. Vertrauen
ist dann, den anderen glauben zu machen, daß man wirklich so sei,
wie man angetreten ist, sein zu wollen, aber da nicht jeder ständig
sich selbst Sand in die Augen streuen kann, weil der Abstand zum Medium
immer spürbar bleibt, hat man wenig Grund, Vertrauen in jemand anderen
zu setzen, wo es bei einem selbst schon nicht klappt. Das ist
kein Plaidoyer für Modelle der Vergangenheit, für die bis auf
weiteres gilt, daß ihr Zug abgefahren bleibt, gerade
weil sich die Bindung zum Einzigen aufgelöst hat und
dadurch alles anders geworden ist. Der Einzelne als prinzipiell Nicht-Einziger,
das ist die auf Dauer gestellte narzißtische Kränkung, solange
jedenfalls, bis auch die Erinnerung an den Einzigen aus dem
kollektiven Gedächtnis gestrichen sein wird. Während
sich Einzelne, verliebt oder nicht, an einer steigenden Zahl von Individualisierungseffekten
abzuarbeiten haben, womit sie womöglich nicht fertig werden, scheint
es in komplexeren gesellschaftlichen Systemen eher umgekehrt zu laufen,
insofern der politische, gewerkschaftliche, unternehmerische, universitäre
Wille, die Zukunft zu gestalten, oft einfach so zu lesen ist, als daß
man sich den neuen Verhältnissen (Globalisierung) anzupassen
habe, wolle man in absehbarer Zeit nicht von der Bildfläche verschwunden
sein. Rückkehr des einzigen Zuges, keine Experimente
mit dritten Wegen, nachdem der zweite sich selbst als unbegehbar erwiesen
hat. Das Geld regelt die Abschiedszeremonien, die Zukunft kennt kein Pardon. Wann
1789 gewesen sein wird Eine Bezugnahme
etwa auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
ist immer eine interessierte, durch eine Vorwegorientierung geregelte.
Sei es durch eine Aktivität (Jetzt gehts los, oder: Der Sturm
auf die Bastille), durch die Konsolidierung eines Plans (Verankerung revolutionärer
Errungenschaften), durch Mythenbildung (der Glaube an eine wirklich neue
Zeit: Verwerfung des Gregorianischen Kalenders), durch Strategie und Taktik
(Kompromisse und Schweinereien), durch Beobachtung von außen, zeitgleich
(z.B. Friedrich Schillers entschiedene Distanzierung nach den Greueln),
durch Lektüre, später (nach dem Prinzip: nicht das Kind mit
dem Bade ausschütten). 1789 ist zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten
anders virulent. Manches davon wird gar nicht mehr ins Bewußtsein
fallen, da es bereits selbstverständlich geworden ist und ohne historischen
Index funktioniert. Strukturbildend für kritische Bezugnahmen dagegen
ist der bewußte Versuch, Startbedingungen und Möglichkeits-Ressourcen
von damals mit dem in Beziehung zu setzen, was daraus wurde und im weiteren Sinn mit all dem, was und wer sich darauf
bezieht. Freiheit wird mit ihren Pervertierungen konfrontiert,
Gleichheit mit der ihr zugehörigen
Zweischneidigkeit von einerseits positiv bewerteter formal-juristischer
Anerkennung (vor dem Gesetz) und andererseits zu befürchtenden Tendenzen
von Gleichmacherei und Nivellierung, Brüderlichkeit
mit dem, was die christliche Botschaft als Nächsten-Mehr-Liebe in
Richtung Vetternwirtschaft übersteigt. Zwei grundlegende
Verhandlungen von 1789 sind
somit von vornherein in dieses Datum eingeschrieben: mehr oder weniger
starke Distanzierung, und auf der anderen Seite die Einstellung, daß
das noch nicht vorbei ist, daß
da noch etwas zu holen, nachzuholen ist. Und dieses Holen und Nachholen
ist natürlich nichts anderes als ein Machen-Wollen, ein 1789-weiter-machen-wollen. Jede Bezugnahme
ex-sampelt 1789 auf ihre Weise.
Abmischungen, Filtrierungen, Idealisierungen, Auslassungen. Frage der
Übernahme: was bleibt, wenn man übernimmt, übernimmt man
sich mit dem, was bleibt? Erkennt man sich dann darin wieder, so daß
man es anerkennen kann? Aber wer ist hier das man, was das
es? Möglicherweise genau der zeitgeschichtliche Kontext,
der genau eine solche Bezugnahme gestattet, und sei es nur deshalb, weil
sie wie eine Idee in der Luft liegt. Oder auch: Chronische Mangelerscheinungen
auf der einen Seite, und Dauerrezeptur auf der anderen: 1789
ist für alle da, immer. Krankheitsbilder und Dosierungen, Symptome
und Behandlungen. Abmischer der Geschichte, Bewerter der Gegenwart, Diagnostiker
der Zukunft. Und immer
muß man sich fragen, welcher Geschichte, welcher Gegenwart, welcher
Zukunft; welches 1789, welches
1998, welches 2000-und... Epoche der verallgemeinerten Epoché.
Spiel mit Samples, die vielleicht nichts mehr exemplifizieren, weil sie
als Ex-Sample eingehen. In jedem Sinn. Fals
IV (Agalma) Imaginäres,
Konsistenz, Form, Erstarrung - entscheidend für das Spiel und den
Spielraum des borromäischen Knotens ist nicht diese bestimmte, etwa
durch Plattlegung des Knotens abbildende Figurierung (also eine mögliche
Verknotung unter anderen), sondern die Knotigkeit selbst,
also daß es Knoten macht. Um dieser
Differenz einen Namen zu geben, sei ein weiteres Element aus Lacans psychoanalytischem
Diskurs eingeführt, nämlich Objekt klein a (im folgenden
Objekt a geschrieben), das im strengen Sinn kein Objekt ist, sondern dafür
sorgt, daß es bestimmte Konstellationen determinierenden Charakters
gibt. Objekt a, das nicht mit
dem imaginären anderen i (a) zu verwechseln ist, ist keine Dimension,
die zu RSI als viertes Element hinzukommt, sondern eine Funktion,
die mit den drei Dimensionen zu tun hat, ohne jeweils in ihnen aufzugehen
oder in sie einschreibbar zu sein. Insofern
Objekt a mit dem Blick zu tun
hat, arbeitet es im Imaginären. Insofern es für die Löcher,
die die Signifikanten schlagen, (mit)verantwortlich ist, hat klein a
mit der symbolischen Ordnung zu tun. Und weil es zu seinem ontologischen
Status gehört, gewissermaßen nicht von dieser Welt zu sein
(unsagbar, unrepräsentierbar, unabbildbar), so teilt es mit dem Realen
die Eigenheit, nicht aufzuhören, sich nicht zu schreiben. Der Trick
der Verliebtheit besteht bekanntlich darin, aus zwei (verliebten) Blicken
einen machen zu wollen. Unterstellte Übertragung. Liebe auf den ersten
Blick. Objekt a nun hat imaginär
genau die Funktion, solche Blicke (Blöcke) möglich zu machen,
insofern sie sie einrahmt (scheinbar mit dem gleichen Rahmen), im selben
Augenblick aber entzieht es dem angeblickten Objekt die Eigenschaften,
die es ihm unterstellt, da diese angeblichen Eigenschaften des begehrten
Objekts lediglich die Produktion eines phantasierenden narzißtischen
Ichs sind. Die jeweiligen Rahmungen zweier Blicke sind irreduzibel und
nicht übertragbar: Niemals betrachtest du mich dort, von wo
aus ich dich sehe.[23]
Auch wenn Blicke völlig idiotisch sind und niemanden angehen, funktioniert
der Trick ja oft genug, jedenfalls eine Zeitlang. Objekt
a ist in keine symbolische Ordnung einschreibbar, weil es ihr ex-sistiert.
Es ist ein Ex-Sample, dem kein Sample vorhergeht. Wenn Hans Castorf in
Thomas Manns Roman Der Zauberberg
im Angesicht Clawdia Chauchats die Sprache wechselt (nämlich zum
Französischen), so einerseits, weil ihm die Sprache, die deutsche,
vergeht (sie trifft es nicht),
andererseits, um mit dem Sprachwechsel anzuzeigen, daß das Begehren
selbst spricht, womit er natürlich auf taube Ohren stößt.
Er hört nicht auf, um das Loch herumzureden, und so eine andere
Befriedigung[24]
festzuschreiben, die sich von der unterscheidet, die eindringend genießt. Das Spiel
von Objekt a im Realen ist so
geregelt, daß Objekt a
dem begehrenden Subjekt verspricht, ans Reale grenzen zu können,
ohne daß es, Objekt a, dem Subjekt ein sichtbareres Pfand dafür geben könnte,
als seine Ex-sistenz selbst. Die Öffnung, die Objekt a
bewirkt, ist nicht zu schließen. Durch Objekt a ist das Subjekt einerseits gebunden, dadurch, daß es ihm aufsitzt,
andererseits aber auch ablösbar, da die imaginäre Konsistenz
des Knotens nicht alles ist. In diesem Spiel der Dreiheit verschlingt
Objekt a das Subjekt, das somit,
anders als das Reale, niemals an den gleichen Ort zurückkehren kann,
auch wenn es immer die gleichen Fehler macht. Befreien kann man das Subjekt
nur dadurch, daß man es auffordert, andere zu machen. Bruchstück
aus der Zeit (III) Alles auf
eine Karte alles auf einer Karte dieser kleine Unterschied wo sähe
man ihn nicht und doch scheint alles sehr fest der tägliche Gang
Einkäufe Gesichter Läden Auslagen Preise Geld damit ist zu rechnen
kein Weg dran vorbei die Vielfalt der Perspektiven selbst nur ein Schein
ein Versuch noch einmal das hervorzulocken was sich nirgends mehr liest
gerade weil es überall steht bewegungslos nicht affizierend eine
Leere bunter Halde der Schutt aus der Erde längst verbraucht initiativelos
zu bestaunen ohne den Effekt einer spürbaren Abstoßung von
wo auch immer die Spirale ein tückischer Aufenthalt da ohne Rückhalt
Resonanz oder auch zusichernd das komme schon wieder so sei ihr Lauf nur
nicht ganz am selben Ort schade der Start ist wirklich nur einmal zu machen
danach immer aufgespannt gevierteilt mindestens das setzt sich ja im Kopf
fort die kleinen und großen Möglichkeiten Varianten Spielzüge
von denen wer etwas weiß wenn man selbst nicht zurückkommen
kann Erfindungszwang Hilfskonstruktion das Wort totale Okkupation gnadenlos
wenn es anfängt weh zu tun glaubt man daß eine weitere Erfindung
noch aussteht nein das Bild nicht keine Abwehrgeste reine Feststellung
zu starker Verbund Abhängigkeiten altbekannt das erfindet sich nicht
mehr auch nicht im neuen Medium scheinbar singulärer Existenzen zugleich
bekannt mit allem und jedem der Anfangszauber des technischen Spielzeugs
die rührende Aufpfropfung die elektronische Veredelung dabei schleppen
sie den ganzen Ballast mit und machen alles kaputt treten sich selbst
ins Kreuz den Monitor die Datenbank das Netz ist aber größer
und klüger vereinnahmt wird trotzdem Griffe von überall her
ändert das was Bruch und Kontinuität im schönen Wechselspiel
der Gefühle Apokalypse light als Synthese die Zeitung von gestern
wie sie lesen noch mehr als die Titel zum sich einschießen für
den Stammtisch die Party aber da ist schon niemand mehr müßte
mal mehr ausholen jetzt keine Zeit hier keine Lust dort Probleme hat es
immer gegeben sie sind immer im Rückstand genau das will keiner wahrhaben
Angriff auf das Ego das liebe kann man sich heute weniger denn je leisten
also doch eine Art Fortschritt Anpassung im Internet stehen fast nur Witze
die Rinde von gestern Deplazierung total der Swimming Pool das Handy vergessen
sie nicht ihre Botschaft aber erst ihr Codewort heilige Bezirke die Aura
des Verbotenen kein Zeuge niemand will es wirklich wissen das kleine Geheimnis
entstanden aus dem Abfall der Entwicklung ein wenig gößerer
Projekte also doch noch was zählt Aufgaben Ziele Visionen Ernst genau
wo ist die Stätte der Evaluation nein die braucht es gar nicht das
kauft sich auch so Namen Titel Phantasien Gegnerschaften dieser Vorteil
ist wichtig geben wir jetzt nicht nach unausdenkbar wo geht es aber jetzt
nicht weiter können sie mir nocheinmal ihr Problem schildern Informationsstau
ich komme darauf zurück wir werden sie nicht vergessen anderer Kontinent
anderer Grad an Sympathie Einfühlungsvermögen kilometerlange
Abstumpfung wenn man die Reise nicht im Flug unternimmt das sieht ja hier
ganz anders aus und dann auch die Syntax wir müssen das mal diskutieren
vorbei böser Traum dachte schon aber nein so schnell passiert das
nicht ich bin nicht allein Mord im Bierglas die Zigarette zündelt
auch schon in anderen Gefilden so da wären wir wieder grüß
dich haben wir uns schon mal gesehen ist ja auch egal noch ein Bier die
Welt ist klein ihre Probleme überschaubar besonders wenn man sich
in die Augen schaut ist ja auch irgendwie egal soviel Platz kann ich nicht
machen jetzt bloß auf Schmalspur bleiben guter Dämon ich grüße
auch dich du Verhinderer des Schlimmsten positiv genausowenig orientiert
wie wir anderen auch aber immerhin zurück zur Sache der Moor kann
gehen bis zum nächsten Mal ach ja der Name ebenfalls bis dann ein
harter Tag fast wie immer diese Gedanken ein Kommen und Gehen mehr Kontrolle
Stelldichein wann man will ja jetzt Zeit für Träume bevor die
so richtig losgehen Kinoperversion Schlammbilder aber immer ohne störende
Geräusche das ist das Angenehme daß man auf einer Ebene nicht
belästigt wird jedenfalls nimmt man das nur als Durchschnittswert
war und bei ihnen interessant ja so was da weiß man also immer noch
nicht Bescheid die wirklich wichtigen Dinge nicht wahr verborgene Wahrheit
Verblassen der Bilder zu spät jeder Griff wie auch Deutung aus dem
Rest theoretisch abgesichert das klappt immer es geht ja nicht um Abbildung
ihre Fiktion interessiert uns ihre Erfindungskraft die selber Ansprüche
stellt der Knoten jetzt merken sie es am besten einfach abschneiden und
woanders weitermachen Frage der Zumutung der Bändigung dessen was
einen anfällt lieber schweigen nicken und in Gegenrichtung den Komparativ
und Superlativ nicht vergessen das versöhnt immer und macht gute
Laune Prost lieber zuviel als im entscheidenden Moment nicht präsent
sein unverzeihbar das kratzt nämlich im Unsichtbaren gefährliches
Gelände Experten des Nichts des inneren Gerölls absolutes Gehör
alternativ die Schulter vergessen sie nie die Schulter oder die Hand oder
was sie wollen Versöhnung pur Harmonie wir wollen uns schließlich
wiedersehen der Schlüssel diesmal ganz konkret die Treppe die Tür
hineinspaziert. Fals
V (Reprise) Wenn Lacan
von den Dimensionen RSI spricht, um was für Dimensionen handelt es
sich? Zeitliche? Räumliche? Raumzeitliche? Gibt es eine Möglichkeit,
RSI zu verzeitlichen, und wenn ja, besteht so etwas wie ein zeitdimensional
privilegierter Neigungswinkel, etwa für die Zukunft, wie in Martin
Heideggers Sein und Zeit, in
dem die Struktur des Vorlaufens in den Tod[25]
eine gesonderte, gewissermaßen von hinten aufrollende Funktion hat? Die zeitliche
Dimension des Imaginären ist insofern rudimentär, als es lediglich
zwei sich ausschließende, aber gleichwohl aufeinander bezogene Positionen
umgreift. Da ist zum einen das frühkindliche Phantasma dessen, was
Lacan das zerstückelte Bild des Körpers[26]
nennt, Lacans Umschreibung der Tatsache, daß das Menschenwesen zu
früh geboren wird. Und da ist zum anderen der Sprung in die Entfremdung,
in die Bildung eines Ideal-Ichs, das die Funktion hat, das Phantasma des
zerstückelten Körpers aufzulösen. Das zeitliche
Problem mit dem Imaginären besteht darin, daß letzteres keine
Strecke ist von einem Phantasma zum anderen, das es ablöst, und zwar
unumkehrbar. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Da beide Phantasmen
nur in bezug aufeinander bestehen und nicht ohne Rückfahrschein passierbar
sind, ist die Struktur des Imaginären zeitlos zu nennen. Die Dynamik
und der Kraftaufwand des Imaginären bestehen darin, die zeitlich
frühere Erfahrung des Menschenwesens, die einer fundamentalen Unselbständigkeit,
zu überdecken und mit Gegenbildern zu versehen. In dem Moment, wo
die Polarität des Imaginären, seine Duellhaftigkeit, auf Distanz
gebracht und interpretiert wird, kommt ein Drittes hinzu, was Lacan das
Symbolische nennt. Die symbolische
Ordnung ist das, was jedes einzelne Menschenwesen zeitlich übersteigt,
da sie immer schon da ist und jeder Einzelne sie mehr oder weniger als
seine eigene übernimmt. Die Ordnung ist sprachlich verfaßt,
und ihre Diskurse machen darauf aufmerksam, wann was von wem zu wem an
welchem Ort gesagt werden kann. Auf der symbolischen Schiene wird das
imaginäre Ich (moi) zum Subjekt und damit einer bestimmten sozialen
Ordnung eingegliedert. Es geht in sie ein, ohne jedoch ganz in ihr aufzugehen.
Das liegt daran, daß Sprechen Handeln ist und auch die Ausgaben
sozialer Grammatiken immer wieder überarbeitet werden müssen.
So gilt also, daß, gerade weil das Symbolische reduktiv ist und
keine spezifische soziale Einsetzungsform ihren dispositiven Charakter
verbergen kann, das Subjekt mit Löchern zu tun hat, die es beispielsweise
als Lücke des Gesetzes für sich ausnutzen kann, oder aber, in
dem es als Sozialfall verschwindet. Diskurse
bringen zum Sprechen, was gesagt werden soll. Das ist ihre träge
Seite. Sie können aber nicht gleichzeitig ihr Verhältnis zueinander
ein für allemal aufschreiben, da sie selbst die Änderungen produzieren,
die ihren dispositiven Charakter aushöhlen oder zumindest verändern.
Das zeigt sich beispielsweise heute weltweit auf dem Sektor der Wirtschaft,
dessen axiales Prinzip (Daniel Bell) der Produktionssteigerung
überdacht werden muß und auch überdacht wird, weil dieses
Prinzip, mechanisch weitergeführt, sich selbst abschafft. Es ist
die Frage, ob der wirtschaftliche Sektor, der das Subjekt vornehmlich
als wirtschaftendes Subjekt und damit als seinen Erfüllungsgehilfen
betrachtet, von sich allein seine Zukunft so gestalten kann, daß
auch andere Bereiche noch eine Zukunft haben (Ansprüche aus der Vergangenheit).
Wenn sich das axiale Prinzip der Wirtschaft selbst hypostasiert, dann
verkennt es imaginär, daß es sehr wahrscheinlich mit einer
Zukunft zu rechnen haben wird, die anders rechnet als es selbst. Franco
Volpi bringt das angeschlagene Verhältnis zwischen (blinder) Machbarkeitsbereitschaft
und Orientierungsabstinenz auf den Punkt: Es bleibt
aber das Problem, daß die technopoietische Herbeiführung der
Zukunft ohne Regel und Normen zu sein scheint, die unser Handeln und Verhalten
führen könnten. Ihr gegenüber versickern die natürlichen,
kulturellen und symbolischen Sinnressourcen des traditionellen Menschen.[27] Eine solche
Entknotung oder auch mehr oder weniger deutliche Schwächung der Verknotung
von Symbolischem und Imaginärem - also die Tatsache, daß die
Bilder aus den sie haltenden Rahmen fallen oder zu fallen drohen bei gleichzeitiger
Abwesenheit der alten Anerkennungsmechanismen, die die Bilder bestätigt
haben - kann nicht ohne Konsequenzen auf das Reale sein. Wenn das Reale
ein nicht beherrschbarer Rest ist, etwas, das in keine Äquivalenzverhältnisse
einbezogen, also auch nicht ausgetauscht werden kann, dann scheint es
berechtigt zu sein, anzunehmen, daß es genau dann positive Effekte
zeigt, wenn Austauschprozesse anfangen, nicht mehr so zu laufen wie gewohnt.
Das kann man dann Krise nennen (auf personalem, nationalem, globalem Niveau),
und ihr Ausmaß mag abzulesen sein an einem Index des Realen selbst,
nämlich der Angst. Angst,
wenn man sie zuläßt, taucht immer dann auf, wenn, mit Robert
Musil gesprochen, Seinesgleichen geschieht, also unter veränderten
Verhältnissen, geänderten Rahmenbedingungen, immer noch die
gleichen Spiele gespielt werden und irgendwann festgestellt wird, daß
der Schematismus des Nur-noch-Weitermachens keiner Verankerung mehr versichert
ist. Bilder verlernen dann wieder das Laufen, gesprochen wird ins Leere,
Diskurse werden fadenscheinig: das ist der Schock des Realen. Vertrautes
ist plötzlich fremd, Verdrängtes und immer wieder Aufgeschobenes
erscheint unheimlich nah. Wenn denn
Angst hier als Agent des Realen verstanden werden soll, dann mag Objekt
a als das bezeichnet werden, was RSI als borromäischen Knoten
eine Zeitlang eine ansehnliche Gestalt verleiht, bis auch diese in einer
Grimasse erstarrt und Objekt a
erneut als Phasenkleber in Erscheinung tritt, was es, nach allem bisher
gesagten, nur unterschwellig tut. Denn Objekt a
ist ein nicht-symbolisierbarer Rest, der blinde Fleck des Imaginären,
der (noch) nicht eingelöste Mehrwert der Realität, und insofern
kann es im borromäischen Knoten auch nicht festgemacht werden. Genausowenig
wie der Knoten selbst, der mehr ist als ein Bild, eine Metapher. Insofern
die Konsistenz des Knotens immer eine kontingente ist - keine Dimension
hat das letzte Wort - stellt jede konkrete Verknotung immer nur eine Transformation
dar. Abfälle werden recycelt, Traditionen werden wieder eingespielt,
Orientierungen werden (re)aktiviert. Allerdings gibt es keine Garantien
dafür, daß die sich gegenseitig haltenden Ringe nicht vor
der Zeit brüchig werden (entweder durch zu große Reibung
oder durch völliges Brachliegen), oder aber kein Loch mehr machen. Der borromäische
Knoten ist grundsätzlich riskant, versichert nur durch seine Fadenscheinigkeit,
verletzbar und auch zu vernichten an jeder Stelle. Zugleich ist er in
seinem triadischen Zusammenspiel geschmeidig und, da die Drei lediglich
das Minimum seiner Konstruierbarkeit bezeichnet, erweiterbar in eine Vielheit,
deren topologischer Charakter ein nicht-privilegiertes, also demokratisches
Prinzip verkörpert: Alle Ringe sitzen im gleichen Boot:
löst man einen heraus, sind auch alle anderen frei. Das ist die eine
Seite, die wenn man will utopische. Man darf aber auch die andere Seite
des Spiels nicht verschweigen: die Tendenz zur Disziplinierung: jeder
Ent-Fernung würde entgegengehalten werden können: nur gemeinsam
sind wir stark. Faschismusverdacht. Tabula
Rasa Die Vorstellung,
tabula rasa machen zu können, hat eine lange Tradition und hört
auch heute nicht auf, Faszination auszuüben. Daß das von damaliger
oberster Kommandozentrale verordnete Reinigungsbad genannt Sintflut bekanntlich
wirkungslos geblieben ist und auch später in die Tat umgesetzte Straf-
und Vertilgungspläne (etwa Genesis I, 19, Sodom und Gomorrha) keinen
durchgreifenden Gesinnungswandel des menschlichen Geschlechts erreichen
konnten, hat bis heute der Hoffnung keinen Abbruch tun können, einmal
so richtig aufzuräumen, gewisse Dinge zu begraben und endlich guten
Mutes und Gewissens nach vorne, und nur nach vorne, zu schauen. Angesichts
dieser langen Strukturtradition ist man versucht, von einer ewigen Unschuld
der Gegenwart zu sprechen. Sie läßt sich von keinem Rückschlag
irritieren, methodisch war sie schon immer eine Meisterin im Auffinden
und Erfinden von Gründen, warum etwas nicht geklappt hat, und es
war fast immer ihre höchste Mission, sich für eine Zukunft einzusetzen,
sei es hienieden oder im Jenseits,
die endlich kein Aufhebens von früheren Zeiten mehr machen muß. Und doch:
seit einigen Jahren, so scheint es, hat sich der blaue Planet von seinem
grünen Hoffnungsbanner, das zuletzt die Farbe rot trug, getrennt
und dadurch möglicherweise, ungewollt, eine ganz andere Revolution
ausgelöst, die nicht zwischen gesellschaftlichen Klassen stattfindet,
sondern in den Köpfen der Einzelnen, also den Terminals des globalen
elektronischen Verbundsystems. Wer oder was auch immer den roten Faden
durchtrennt haben mag, die Rekrutierungsstätte Gegenwart
scheint dadurch in ihrem Appellcharakter ernsthaft in Frage gezogen worden
zu sein. Die Gegenwart als Verbindungsknoten zwischen Vergangenheit und
Zukunft wäre abgeschafft. Die Gegenwart und die zukünftige Gegenwart
ist und wird sein ein Kommerz von Monaden; zu befreien gibt es da nichts
mehr, da die Befreiung von der Befreiung schon längst stattgefunden
hat. Die Einsenkung
des einzigen künftigen Imperativs zeichnet sich schon jetzt ab: nämlich
die Forderung einer ständigen optimalen Selbstauswertung und -verwertung
(wenn Sie es nicht schaffen, schafft es Ihr Double, das eine oder das
andere): das Selbst als Empfangsstation, bereit, als Terminal alles zu
terminieren, als bloßes Datum zu exterminieren. Der Echoraum der
Vergangenheit abgemischt auf CD-ROM. Ihre Befreiung
als ihre totale Nomadisierung, ohne Kainszeichen. Totaler Triumph des
Imaginären, des Duells, des Kopf-an-Kopf-Rennens im Kopf. Auf-der-Strecke-Bleiben
des Symbolischen, des großen Anderen, jenseits des binären
Codes, das Unbewußte ist gegessen, die Selbstbeobachtung abgewandert
in die Statistik, die Befragung und den Test. Verschwinden des Realen,
wo nichts mehr unmöglich scheint, oder auch: Trauung des Realen mit
der Realität, wo alles schon an seinem festen Platz ist, blinder
Gruß der Monaden. Tabula
plena? Orient-ierung Faszinierendes
orientiert. Durch eine Stimme etwa einen Blick oder Einstellungen. Umgekehrt
gilt aber nicht, daß Orientierungen von sich aus faszinieren. Sie
können sogar ausgesprochen ermüdend sein und langweilen, auch
wenn ihre Dringlichkeiten anerkannt sind. Liegt das daran, daß Orientierungen
häufig mit nachkommenden Pflichterfüllungen zu tun haben? Mit
dem Monument der Trägheit auf der anderen Seite? Orientierungen klingen
vernünftig. Und das ist oft ihr stärkster Widersacher. Mutproben
der Reduktionsmöglichkeiten. Handlungsanweisungen nach Drehbuchvorlage.
Happy-End fast garantiert. Orientierungen,
je ausführlicher sie ausfallen, müssen eines auslassen, nämlich
Kontingenz, volksweisheitlich gesprochen die Einsicht, daß doch
alles anders kommt als man denkt. Und hat man weisheitlich mit diesem
nach wie vor unschlagbaren Argument erst einmal die arme Orientierung
aus dem Rennen geworfen, dann ist es leichter, zu unterstellen, daß
es nicht so schlimm kommen werde, wie so manch ein Miesepeter angenommen
hat. Das Dilemma
mit der Orientierung ist da, wenn angenommen wird, daß faszinierende
Orientierungen nicht nur mit Vorsicht zu genießen sind, sondern
eher überhaupt nicht zu genießen sind, jedenfalls nicht für
alle gleichermaßen. Dies sei eingeschränkt gesagt für
Orientierungen in großen, politisch-kulturellen Rahmen. An Beispielen
aus der jüngeren Geschichte mangelt es ja nicht. Einerseits also
ist das große, einschneidende Programmpaket nicht zu verkaufen,
andererseits, wenn es tatsächlich verkauft würde, hätte
man berechtigterweise größte Bedenken anzumelden. Aber bei
wem? Mit wem? Offene Fragen als Anspruch an die Zukunft. Der Hofnarr
an deutschen Fürstenhöfen war ein aus dem Orient
übernommener Brauch. Faszination durch Fremd- und Andersheit. Spielzeug
von Erwachsenen. Pfropfreis als Sample mit Veredelungsabsicht. Die Wahrheit
und nichts als die Wahrheit - als Spiel. Der Okzident
und nichts als der Okzident - als Schicksal? Narren
aller Länder, vereinigt Euch nicht. Ihr Kenner der Knoten, Handarbeiter
des Drehens und Wendens, Euer einziger Zug ist zeitlos, Eure
Vorstellungen sind ungebunden, zusammengehalten nur durch einen kleinen
Buchstaben, den man nicht sieht, ohne den es aber keinen Anfang
geben würde, durch die Winzigkeit eines kleinen Objektes, das verlachend
verlocht und das Zeug zu allem hat. [1]
Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche,
Werke in sechs Bänden, hrsg. von Karl Schlechta, München-Wien
1980, vierter Band, S. 802. [2]
Martin Heidegger, Sein und Zeit. Tübingen 1979, S. 383. Vgl.
dazu Friedrich Nietzsche, Götzendämmerung. In op. cit.,
vierter Band, S. 1023, Aphorismus 47. [3]
Jacques Lacan, RSI (unveröffentlichtes Seminar), Sitzung vom
10. Dezember 1974. [4]
Vgl. dazu: Jacques Lacan, Le stade du miroir comme formateur de la
fonction du Je. In:
Ecrits, Paris 1966, S. 93-101. (Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. In:
J.L., Schriften 1, Frankfurt 1975, S. 61-71). [5]
Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: S.F., Kulturtheoretische
Schriften, Frankfurt 1974, S. 61-135, hier: S. 100. [6]
Zit. in: J. Lacan, Le Séminaire, livre XI, Les quatre concepts
fondamentaux de la psychanalyse, Paris 1973, S. 53. [7]
J. Lacan, Le Séminaire, livre VII, Léthique de
la psychanalyse, Paris 1986, S. 359-374 (Übersetzung vom Verf.). [8]
Vgl. etwa: J. Lacan, Le Séminaire, livre XX, Encore, Paris
1975, S. 126 (Übersetzung vom Verf.). [9]
J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 55 (Übersetzung vom Verf.). [10]
André Michels, Der Körper, die unmögliche Historisierung.
In: Lacan und das Deutsche, hrsg. von Jutta Prasse/Claus-Dieter Rath,
Freiburg 1994, S. 272-281, hier S. 274. [11]
J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 101, 114 (Übersetzung vom Verf.). [12]
Vgl. etwa Ulf Poschardt, DJ-Culture. Hamburg 1995, S. 168. [13]
So der Name einer LP des Rappers Biz Markie. Vgl. auch Poschardt,
a.a.O., S. 34. [14]
Simon Reynolds, zit. in Poschardt, a.a.O., S. 279 (Übersetzung
vom Verf.). [15]
J. Lacan, RSI, Sitzung vom 15. April 1975. [16]
Vgl. etwa J. Lacan, Radiophonie. In: scilicet 2/3, Paris 1970, S.
55-103, hier S. 65 (Übersetzung vom Verf.). [17]
J. Lacan, Radiophonie, a.a.O., S. 58 (Übersetzung vom Verf.). [18]
J. Lacan, Le Séminaire, livre XI, a.a.O., S. 59 (Übersetzung
vom Verf.). [19]
J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 118 (Übersetzung vom Verf.). [20]
Vgl. etwa J. Lacan, Radiophonie, a.a.O., S. 60. [21]
Vgl. etwa J. Lacan, LEtourdit. In: scilicet 4, S. 5-55, hier
S. 6. [22]
Lacans Definition der Liebe, im weiteren Sinn überhaupt von Übertragung:
geben, was man nicht hat. Vgl. J. Lacan, Le Séminaire,
livre VIII, Le transfert, Paris 1991, S. 46, passim (Übersetzung
vom Verf.). [23]
J. Lacan, Le Séminaire XI, a.a.O., S. 105 (Übersetzung
vom Verf.). [24]
J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 61, passim (Übersetzung vom Verf.). [25]
M. Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 263. [26]
J. Lacan, Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion, a.a.O.,
S. 67, dort auch: zerstückelter Körper. [27]
Franco Volpi, Praktische Klugheit im Nihilismus der Technik: Hermeneutik,
praktische Philosophie, Neoaristotelismus. In: Internationale Zeitschrift
für Philosophie, hrsg. von Günter Figal und Enno Rudolph,
Heft 1, 1992, S. 5-24, hier S. 22.
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