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LettreInternational

Beiträge zum Lettre International - Wettbewerb 1998 Lettre-Aufsätze zur Fragestellung  Die Zukunft von der Vergangenheit befreien?    Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?

 

KREUZUNGEN KNOTEN KLÜFTE

von Dieter Wenk

 

Die Zahl drei.

Es gibt kein Entkommen. (Derjenige, der die Frage stellt, kommt aus der Zeit.)

Die Zeit abschaffen? Die Dreiheit? Weiße Flächen.

Die Kompaktheit des singulare tantum.

 

 

Modus

Man stelle sich vor, vorliegende Doppelfrage wäre als Imperativ formuliert. Wer könnte eine solche Forderung stellen? An wen könnte sie sich, vorausgesetzt, sie wäre einzutreiben, als ausführendes Organ richten? Aber vor allem: hätte sie überhaupt die Chance, als sinnvolle und realisierbare ernstgenommen zu werden?

Ein Münchhausen-Problem? Eine Don-Quichotterie? Das mysteriöse Verschwinden der Zeitmaschine?

Denn wie sollten Zeitdimensionen voneinander befreit werden? Sind sie Blöcke, die sich ohne gegenseitigen Schaden einfach abtrennen lassen? Um sie sich nach einer kathartischen Behandlung neu einsetzen zu lassen?

Vielleicht fühlt man sich in Anbetracht der grandiosen Anmaßung des Imperativs ein wenig in die Zeit versetzt, in das wie auch immer zu befreiende Gedächtnis der Vergangenheit, vielleicht an einen Königshof mit der Vorstellung des Königs mit seinem Narren, der sich alles erlauben darf mit allen Risiken, die man kennnt. Er, und nur er, ist in der einzigartigen Lage, die Rolle dessen spielen zu können, der die Wahrheit sagt. Reine Positivität. Reine Negativität. Unverschnitten. Metikulös und größenwahnsinnig. Die Forderung des monarchischen Narren lautete natürlich (da alles anders werden muß, damit alles beim alten bleiben kann): König, Du mußt die Vergangenheit vor der Zukunft retten, sonst zerstört die Gegenwart Dein Reich. Warum? Geschichtsphilosophische Antizipationen. Gewisse Befürchtungen zukünftiger Auflösungserscheinungen.

Verschlüsselte Botschaft an den postmodernen Narren. Jahrhunderte später. Haltestelle der Zeitmaschine. Was ist aus dem Hof geworden? Zu wem spricht der Narr, der Post-Intellektuelle, der Wiedergänger der Dritten Auges? Was kann er verlangen, was soll er fordern? Der Narr hat gut lachen. Er kennt sich in allen Registern aus. Aber, und das ist sein Problem, wissen das auch die anderen?

 

 

Bruchstück aus der Zeit   (I)

Sokrates: So sage mir denn, oh Kalanos, was du damit meinst, wenn du von der Zukunft und von der Vergangenheit sprichst. Sind es etwa Dinge, wie man sagt, ein Mensch oder ein Baum?

Kalanos: Freilich ist, oh Sokrates, die Vergangenheit nicht solch ein Ding wie ein Mensch, und auch nicht die Zukunft...

Sokrates: Also überhaupt kein Ding?

Kalanos: Fast möchte es mir so scheinen, ist doch die Vergangenheit vergangen und somit nicht mehr.

Sokrates: Wenn aber etwa die Vergangenheit, um nur diese zu nehmen, durch Nicht-Sein, wie du es sicher gemeint hast, gekennzeichnet ist, so sage mir auch noch dies, wie wir über das Vergangene sprechen sollen, ist doch, wie wir vielleicht besser sagen sollten, nicht die Vergangenheit selbst vergangen, sondern eben das Vergangene ist vergangen, während es doch gegenwärtig war, als es sich ereignete. Ist nun nicht das Vergangene gleichzeitig vergangen und irgendwie gegenwärtig, da wir es doch benennen und darüber sprechen können, und was einen Namen hat, verweist auf etwas, das nicht nichts sein kann.

Kalanos: Alles, bis auf das Letzte, das ich so nicht stehen lassen kann, ist gut gesagt.

Sokrates: Gleichviel, mein lieber Kalanos, aber sage, kennst du den Seloros aus Bordoss?

Kalanos: Nein, Sokrates.

Sokrates: Dieser Seloros sagt, und höre gut zu, denn es klingt wie aus einer anderen Zeit, daß das verborgene Maß der Dinge ihr Vergessen-Können sei.

Kalanos: Was kann er damit wohl gemeint haben, denn ich verstehe es nicht.

Sokrates: So versuche doch, es mit dem zusammenzudenken, was wir eben gesagt haben, als wir von der Gleichzeitigkeit gesprochen haben. Denn etwas kann doch gewesen sein, auch wenn wir es gerade nicht in unserem Gedächtnis finden. Und das nennen wir das Vergessen.

Kalanos: Freilich.

Sokrates: Ist nun das Vergessen willkürlich oder unwillkürlich?

Kalanos: Unwillkürlich, will mir scheinen, denn gerade, wenn ich etwas vergessen will, so drängt es sich umso aufsässiger auf, und ich ärgere mich, daß ich mich von dieser Last, denn das ist daraus geworden, nicht befreien kann.

Sokrates: Sehr gut, Kalanos, und ganz richtig scheint mir das gesagt, daß das Vergessen unwillkürlich geschieht. Siehe aber auch noch Folgendes. Ist denn das unwillkürlich Vergessene für immer vergessen oder nur für eine bestimmte Zeit?

Kalanos: Manches für immer, manches für eine bestimmte Zeit.

Sokrates: Das nun für eine bestimmte Zeit kann also wiederkehren, oder, wie man auch sagen könnte, es kehrt wieder, weil es nachdrängt, gleichsam wie man Luft ausstößt, wenn man zu gierig trinkt.

Kalanos: Wie ein Rülpser, oh komischer Sokrates, aus dem Unterhalb des Denkens!?

Sokrates: Spaß beiseite, lieber Freund, ich sagte also, es kehrt wieder, oder, um es noch schärfer zu formulieren, weil es vordrängt, sich vordrängt, vor anderes drängt, verlieren wir plötzlich das aus dem Auge, was unmittelbar um uns herum ist, so daß dies um uns herum irgendwie nur noch da zu sein scheint, während das Nachdrängende, das, was nicht aufhört, sich zu melden, uns eine Forderung stellt, die abgegolten werden muß, sollen wir uns von ihr lösen, oder, wie du sagtest, befreien können.

Kalanos: Fast möchte ich jetzt sagen, oh wunderbarer Sokrates, daß das verborgene Maß der Dinge des Seloros aus Bordoss in der Zukunft liegt. Denn gibt es denn bei diesen merkwürdigen Dingen, die nicht mehr sind und doch nicht nichts, ein Ein-für-allemal? Gibt es eine totale Befriedung, gibt es eine grundlegende Kehre?

Sokrates: Darüber müssen wir ein andermal reden, aber laß mich noch dies sagen. Wenn es denn stimmt, was Nixos aus Naumboss sagt, nämlich: „nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis“[1], so müssen wir für uns selbst und für andere Sorge tragen, daß mehr und mehr aufhöre, wehzutun, was schließlich, ich sage nicht wann, vergessen werden kann. Denn wir sind wie ein Symbol - wir selbst sind die, die zerbrechen...

 

 

(Spät-)Zündung

Sind die beiden Fragen gleichrangig, gleichwertig? Zeigt die vorliegende Plazierung der Fragen eine Priorität an, und wenn ja, liegt dies nur an dem weitestgeteilten Vorurteil, das Erstgenannte sei das Wichtigere/das Wichtigste? Oder muß man nur die Fragen selbst gehörig befragen, um von ihnen die Antwort zu bekommen, wo es denn mehr drängt, welche Befreiung die Gewichtigere wäre?

Hilft Hermes? Hermeneutik oder Hermetik?

Fragen sind oft, nicht immer, ein Symptom dafür, daß etwas nicht funktioniert. Das spricht noch nicht unbedingt für die Fragen. Und das spricht auch nicht notwendigerweise gegen das, was sie befragen als fragwürdig. Gleichwohl macht irgendetwas Problem, auch wenn man noch nicht so genau weiß, was genau wobei Problem macht.

Das herauszufinden erledigt meist ganz gut die Tradition als Herausgeberin des Sinnpotentials und als Verlegerin von Punktierungen und Skandierungen. Zur Tradition gehört dabei auch der Ausblick auf das, was traditionellerweise noch aussteht. Und wenn sich die Fragen so wunderbar datieren lassen wie in diesem Beispiel, so kurz vor der Jahrtausendwende, sollte eigentlich alles klar sein.

Nämlich: wer die Fragen stellt: natürlich ein einzelner, aber indem er versucht, (wie) alle zu sein; das wäre dann irgendwie die Vernunft, wie sie aus dem Nähkästchen plaudert.

An wen sich die Fragen richten: an alle, insofern sie in ihrer Vielheit von einem gemeinsamen Interesse geleitet würden, so wie es ein Einzelner formulieren können sollte.

Was der Sinn der Frage ist: vorsichtig formuliert: die In-Frage-Stellung eines Doppelprojekts, zweier Projekte, deren Beziehung völlig offen ist. Etwas genauer: einerseits die Befragung eines Neuanfangs auf offensichtlich globaler Ebene, andererseits die Erkundung der Möglichkeit der Befriedung dessen, was war, um es so sein lassen zu können, ohne Appelcharakter aus der Zukunft/in die Zukunft. Konkret: gibt es eine Emanzipation vom Wiederholungszwang als einer Variante des Todestriebs; und: wie kann, „wenn alles ,Gute’ Erbschaft ist“[2] (Heidegger, Nietzsche paraphrasierend: „Alles Gute ist Erbschaft“), dieses Erbe, gewissermaßen die Frucht der Zeiten, gerettet werden von einer konsumtiven, also aufzehrenden Obsession, die auf der anderen Seite ihres Schildes den generalisierten Müll führt?

 

 

Fals  I  (Knoten)

Wie kann etwas von etwas befreit werden? Durch irgendeine Auflösung von Konsistenz. Also z.B. durch das Auftrennen von Ringen, von Fadenringen. Das ist sogar die Definition des borromäischen Knotens: Löst man aus einem bestimmten Ensemble von Fadenringen, von denen es mindestens drei geben muß, einen heraus, so sind auch die beiden anderen (oder alle anderen im Falle von mehr als drei Ringen) frei. Eine Fahrradkette etwa ist kein borromäischer Knoten, da die Herauslösung eines Kettengliedes nichts anderes bewirkt als die Verkürzung der Kette, die als solche auch danach Bestand hat, da alle übrigen Glieder nach wie vor eines in das nächstfolgende greifen. Der borromäische Knoten dagegen verliert nach obiger Operation des Herauslösens oder Durchschneidens eines einzigen Ringes vollständig seine Struktur und löst sich auf in die bloße Summe der Ringe, die ihn gebildet haben. Er läßt sich auch wieder neu zusammensetzen, mit mehr oder weniger Ringen, in verschiedenen topologischen Varianten. Halten wir für die oben gestellte Frage nach der Befreiung unter Berücksichtigung des borromäischen Knotens fest, daß eine einzige Öffnung genügt, um die Gesamtstruktur zum Zusammenbrechen zu bringen.

Nach Jacques Lacan ist die Konsistenz des borromäischen Knotens eine Funktion des Imaginären[3]. Das Imaginäre hat mit Gestalt zu tun, mit Bildern, Formen, Figuren. Für die menschliche Psyche etwa schafft das Imaginäre einen Mehrwert, indem es über eine bildnerische Funktion definiert wird. Diese bildnerische Funktion des Imaginären läßt etwas (mehr) entstehen, was vorher so nicht da war - die Verkennung, von Beginn an identifizierender Stadionläufer des Spiegelstadiums[4], geht gewissermaßen der Existenz vorher. Das Imaginäre läßt also zusammenbestehen und verschafft dadurch Einheit. Einheit, die gleichwohl prekär und vorläufig ist, da Konsistenz eben nur eine Funktion des Imaginären ist und Menschen Wesen sind, die sich grundsätzlich von ihren Bildern (von sich selbst) unterscheiden.

Wie entsteht Konsistenz? Konsistenz wird beispielsweise erreicht durch Identifizierung. Und Identifizierung wiederum, so kann man bei Sigmund Freud in Massenpsychologie und Ich-Analyse nachlesen, geschieht oftmals durch „einen einzigen Zug“[5], den das sich identifizierende Wesen von dem entlehnt, mit dem es sich identifiziert. Zu betonen ist, daß nicht der „einzige Zug“ (ein Merkmal, eine Eigenschaft etc.) das Objekt der Identifizierung abgibt, sondern das ist, womit eine Verwandlung bei dem sich Identifizierenden ausgelöst wird, wie groß sie auch immer sei. Wenn nun „ein einziger Zug“ ausreicht, um Konsistenz in etwas hineinzubringen, denn tatsächlich handelt es sich um eine Produktion durch Übertragung, so genügt es umgekehrt, um Konsistenz aufzulösen, daß jener wie auch immer geartete „einzige Zug“ als Identifikator wegfällt. Das Gefüge (und alles, was man dafür einsetzen will) hängt also möglicherweise nur an einem einzigen, winzigen Faden. An einem Fadenring eines borromäischen Knotens.

 

 

Alles klar!?

Zieht man von den Signifikanten „Zukunft“ und „Vergangenheit“ der ersten Zeile der Frage eine Linie zu den jeweils identischen Signifikanten der zweiten Zeile, so erhält man ein Kreuz. Während der Operator („befreien“) an der gleichen Stelle geblieben ist, und auch der performative Charakter des Satzes (Frage) sich nicht verändert hat, so haben sich Subjekt- und Objektpositionen verkehrt. Kreuzverkehr? Aber die Mitte des Zweizeilers ist nicht passierbar, eine Schranke trennt die scheinbar identischen Ausdrucksträger vor ihrer kreuzweisen Abbildung. Die Zukunft der einen Zeile ist nicht die Zukunft der anderen, und umgekehrt hat der Wert von Vergangenheit der ersten Zeile mehr zu tun mit dem Wert von Zukunft der zweiten als mit der signifikanten Doublette Vergangenheit der zweiten Zeile. Die jeweils erste Position ist positiv besetzt, die zweite dagegen negativ. Was bedeutet, daß die Artikel Zukunft und Vergangenheit nicht lieferbar und die Artikel vor dem Artikel durchzustreichen sind.

Und beides kann man gleichermaßen erreichen, nur scheinbar paradoxerweise, indem man die Artikel hervorhebt und betont. Denn auch an einer Kreuzung fahren ja nicht immer die selben Autos.

Wünschbare Zukunft, gefährliche Zukunft; glorreiche Vergangenheit, finstere Vergangenheit.

Und irgendwo muß auch der Verkehrspolizist stehen, der den Verkehr regelt und freigibt. Also auch Sie, und andere. Alle anderen, im besten Fall. Zukunft und Vergangenheit des Verkehrspolizisten. Und im Gegenzug: Verkehrspolizisten der Zukunft und der Vergangenheit. In diesem Knoten spielt sich das ab. Das dürfte ziemlich wirr sein, also undurchschaubar anzusehen. Aber zum Glück gibt es ja noch die Gegenwart. Also noch eine Schranke. Oder ein Filter. Die nach rückwärts gewandten Propheten und die Archivare der Zukunft. Die Lassowerfer auf gefährdetem Gebiet und die Magnetiseure visionärer Felder.

Das läuft also jetzt irgendwie zusammen, im Brei des Jetzt. In den Gehirnen eines auslaufenden Jahrhunderts in Erwartung eines weiteren Jahrtausends. Verlängerte Sylvesterstimmung - ob das was hilft? Wünsch dir was, eins, zwei, drei. Statistische Befunde des Positiven und des Negativen. Absolut frische Ware, scheint es. Oder aber: vakuumverpackter In- und Output in den Kreisläufen der Selbstreferenz. Also des Nichts-gegenüber. Inzucht des Symbolischen. Aber aufgepaßt. Auf den Knoten. Seine Schlingen, seine Verzurrungen. Seine Gordität, seinen Borromäismus.

 

 

Fals  II  (RSI)

Einer der bekanntesten Freud’schen Sätze - „Wo es war, soll Ich werden“[6] - ist in seiner doppelten Lesart verteilbar auf die Ausgangsfrage. In welche Richtung hin und auf welche Instanz zu soll und kann das Gewicht des Pendels verschoben werden? Für den Vertreter der Ich-Psychologie etwa muß die Zukunft (ein stabiles, autonomes Ich) befreit werden von der Vergangenheit (ein triebbesetztes, destabilisierendes Es). Jacques Lacan, einer der entschiedensten Kritiker der Ich-Psychologie, dreht die Laufrichtung um: Die Vergangenheit (das Begehren des Subjekts) muß befreit werden von der Zukunft (einem schon immer sich verkennenden Ich); der Lacan’sche Kategorische Imperativ lautete dann: „Nicht in seinem Begehren nachgeben“[7].

Die Lacan’sche Lektüre des Freud’schen Imperativs begibt sich von der Ebene fester Instanzen (Ich, Es) auf eine solche der Produktion und der Produktivität. Nachlesen kann man das einfach dadurch, daß man die Betonung von „es“ auf „war“ und von „Ich“ auf „werden“ verschiebt. Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Lacan’schen Relektüre?

Das Ich (moi) Lacans ist nicht autonom und kann es auch gar nicht werden. Das Ich ist imaginär, von Beginn an (d.h. mit Einsetzen des Spiegelstadiums) entfremdet, da es eine Andersheit (eine virtuelle Ganzheit) antizipiert und diese als Matrix einer unaufhörlichen Abgleichung introjiziert. Dieser Andersheit (Ideal-Ich) läuft es möglicherweise solange nach, bis es auf der Strecke bleibt. Ich-Schwäche. Zeit für den Psychiater. Sag’ mir, was mir fehlt.

Ich-Schwäche und Ich-Stärke liegen aber beide, nur spiegelverkehrt, auf der Ebene des Imaginären. Das ewige Hin und Her des Imaginären (manisch-depressiv) kann nur durchbrochen werden durch die Einführung der drei, eines dritten Elements, einer den Spiegelmechanismus unterbrechenden Differenz, die Lacan A nennt, den großen Anderen, anstelle vom imaginären anderen, i (a).

Das Register des Imaginären tritt damit ein in ein Verhältnis mit dem Register des Symbolischen, das eines der Sprache und des (ödipalen) Gesetzes ist. Das imaginäre Begehren des anderen verschiebt sich so zu einem Begehren des Anderen, was bedeutet, daß einerseits das Subjekt antritt, sich an die Stelle von A zu begeben (Aneignung von Diskursen), andererseits das Subjekt sich der Funktion von A unterstellt, welche die Logik des Signifikanten vorschreibt. Diese Logik sieht auf einer trivialen Ebene des Diskurses das vor, was immer schon läuft (alte Leier), was aber möglicherweise irgendwann dazu führen kann, daß gar nichts mehr läuft. Das ist dann der Fall, wenn das Subjekt stolpert, nämlich über sein eigenes Sprechen, und sich dadurch etwas zeigt, was eben auf anderes verweist. Metaphorisches Sinn-Potential des Signifikanten durch metonymische Verschiebung.

Das Lacan’sche Subjekt als „Sprech-Wesen“[8] wird somit aufgezogen in eine metaphorisch-metonymische Signifikantenstruktur, deren Effekt nicht zuletzt darin liegt, das autonome Ich als nicht-gespaltenes, selbstdurchsichtiges unlesbar zu machen. Subjekt des Begehrens ist kein Ich, sondern der Diskurs des Anderen, insofern nach Lacan Begehren nicht anders als in Signifikanten zu artikulieren ist und die Einschreibung des Begehrens in die Sprache das Begehren „selbst“ radikal verändert. Was nichts anderes heißt, als daß das Begehren sich nicht imaginieren, sondern nur symbolisieren läßt.

Real nennt Lacan das, „was nicht aufhört, sich nicht zu schreiben“[9], was er auch das Unmögliche nennt. Das Unbewußte etwa, Hauptkandidat des Realen beim späten Lacan, kann als solches nicht aufgeschrieben werden, da es kein Text ist, sondern eine Produktion. Das Begehren als Reales hört also nicht auf, sich nicht zu schreiben, gleichwohl hat es als Artikuliertes, in Sprache Eingeschriebenes, Effekte im Realen, auf die allerdings keine Wechsel im Symbolischen gezogen werden können, da die einzige Äquivalenz zwischen den drei Lacan’schen Registern des Imaginären, des Symbolischen und des Realen darin liegt, daß sie „kon-sistieren“, daß sie allein Bestand haben in der Weise eines borromäischen Knotens.

Begehre so, daß die Art und Weise, wie du begehrst, immer ans Reale grenzen könnte. Mit diesem Programm ist Lacan nicht unmöglicher als Kant, wenn dadurch auch ein RIS(S) durch eine Ethik geht, die aber so wieder zum Sprechen gebracht wird.

 

 

Bruchstück aus der Zeit (II)

... Man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, und dann kommt es aber doch immer wieder noch mal schlimmer... Die Grünen, die alternative Bewegung, die jetzt natürlich völlig ins System integriert sind, aber man muß sagen, daß das auch positive Effekte hatte... Jeder glaubt doch heute nur noch an sich und sein kleines überschaubares Umfeld, es fehlt der gemeinsame Blick nach vorne, ich wünsche mir so ein bißchen was von 1789, aber eher Danton als Saint-Just... Heute hat überall die Wirtschaft das Sagen, und das wird sich noch zuspitzen. In weniger als fünfzig Jahren wird es eine Vergangenheit in unserem Sinn nicht mehr geben, das sieht man ja schon heute, aber ich wüßte auch nicht, wer uns da von diesem gesellschaftlichen Monopol des Wirtschaftskapitalismus befreien sollte... Es geht zu Ende, es ist schon irgendwie zu Ende gegangen... Bemerkenswert ist, daß ja heute in Europa fast überall die Sozialdemokratie regiert, das ist im Moment die einzige Schaltstelle, die das Gestern mit dem Morgen verbinden kann. Tja, und der Rest der Welt, vor allem Afrika, da muß ich sagen, da sehe ich schwarz... Weitermachen, einfach weitermachen, das regelt sich von ganz alleine... Ich fürchte, irgendwas Schlimmes muß passieren, damit wir uns wieder auf die alten Werte besinnen, wie hieß gleich dieser amerikanische Film, genau, Independence Day, und dann noch so ein paar andere, natürlich möchte ich es nicht so kraß, aber im Prinzip ist das der einzige Weg... Das Problem ist doch, zumindest in den sogenannten entwickelten Ländern, daß der Einzelne sich nicht länger dauert, ich meine das ganz wörtlich, seine Eigendauer hat er abgegeben durch den Anschluß an die Medien in jeder Form, jeder zappt nur noch so mit sich herum, das ist ja fast unanständig, verstehen Sie mich nicht falsch, aber das ist elektronische Masturbation... In der Bibel steht, daß unser Gott ein eifersüchtiger Gott ist, und wenn er merkt, daß wir dabei sind, uns nach seinem Bild zu erschaffen, anstatt zu werden wie die kleinen Kinder, na, dann Gnade Gott... Das sollten Sie mal meinen Computer fragen... Ja, Mythos und Glaube, das gab’s mal, aber wer das erneuern wollte, bekäme davon nur eine Karikatur, vermutlich eine sehr finstere... Ich finde unsere Gegenwart sehr interessant und spannend, ich weiß gar nicht, wie Sie auf diese Fragen kommen... Immer schön cool bleiben, word up, man... Da werden Sie von jedem wohl was anderes zu hören bekommen. Und von mir? Ach, das kann ich jetzt so gar nicht sagen... Das ist so, ja so grundsätzlich, und gleichzeitig fängt man an zu wünschen, daß so etwas wie Auschwitz und Hiroshima und all das nicht nochmal passiert, und dann merkt man wieder, wie das meiste heute als furchtbar lächerliche Karikatur abläuft, Stichwort Lewinsky-Affäre, aber vielleicht bewahren uns solche Inszenierungen vor Schlimmerem... Warum bilden Sie keine Experten-Kommission, die dürfte sich natürlich nicht nur aus Europäern zusammensetzen, denn die heutige Welt, das ist ganz klar, ist immer noch europäisch...

 

 

Kamm

Mit der Reformation wollte Luther das Christentum vom Katholizismus befreien.

1789 befreit der Dritte Stand Frankreich vom Ancien Régime.

1917 befreit Lenin den russischen Bauern vom Zarentum.

1933 befreit Hitler Deutschland von der Demokratie.

Anschließend befreit Hitler Europa von den Juden.

1945 befreit die Welt die Welt von Hitler.

Wer oder was hat die Welt vom Kommunismus befreit?

Wer oder was befreit Befreiung von Befreiung?

Jeder sogenannte Befreier, wie revolutionär oder totalitär auch immer, hat seine eigene Zeit, steckt in seiner eigenen Zeitschleife, mit der zusammen er nicht übertragbar ist. Bedingung des Historikers ist, daß Zeitschleifen, aus denen er Geschichte macht, irgendwann nur noch so herumliegen. Deshalb auch ist Geschichte der Gegenwart unmöglich, weil man selbst der Knoten ist, der die Schleife zusammenhält. Wie lange macht man Knoten, sei es als Einzelner, sei es als Epoche? „Es ist oft von drei Generationen die Rede, die in jeder Symptombildung, nicht nur in der Genese der Psychose, ausschlaggebend sind. Erst nach drei Generationen kann etwas vollkommen Neues oder Anderes entstehen.“[10]

Es ist also ein bißchen wie in der Mode, nur daß ihr Zyklus kurzfristiger und regelmäßig ist. In absehbarer Zeit platzt den Leuten der Kragen, und sie fallen aus ihren Klamotten heraus. Ganze Garnituren werden untragbar, und man selbst in ihnen, wenn es denn stimmt, daß Kleider Leute machen. Dies aber erst an zweiter Stelle und dadurch, daß Klamotten, neue, modische, zunächst Puppen und ähnlichem aufgezogen werden, um so Bild und Einheit zu machen, so daß der Konsument immer nur second-hand trägt; seine vestimentäre Stimmigkeit holt er von woanders her. Diese Alterität wird den Konsumenten natürlich als ihr eigenes Ding verkauft; es wird dann gesagt, je höher der Preis, desto individualisierter der Geschmack, dabei stehen sie nur auf der Spitze ein und derselben Pyramide. Nämlich des Imaginären, das einkleidet, ausstattet und dadurch Konsistenz verleiht. Die symbolische Ordnung stellt die Positionen zur Verfügung, von denen aus Subjekte ihre Spielzüge tätigen können, die gleichwohl mehr oder weniger von den Positionen schon vorgezeichnet sind. Und das Reale als Spielverderber und -erneuerer sagt von Zeit zu Zeit (genau die Phase, innerhalb derer sich Einbildungen abschleifen), daß „es das nicht ist“[11].

Wenn Mode etwas exemplifiziert, dann dies, daß nicht nur Modeschöpfer in eine schon bestehende Strukur eingebunden sind, sondern ein Rhythmus waltet, dem man sich auch nicht durch Negation entziehen kann. Mode ist total. Befreier haben es schwer, weil sie sich nicht ganz frei machen können. Keine Nacktheit, kein Anfang...

 

 

Ex-Sample

„Clock theory“[12] ist eine Art Stadtplan, ein Trampelpfad des Djs auf einer Schallplatte. Ein Plan allerdings, strikt für den House-Gebrauch, und nur für das eigene House, weil die Uhr im nachbarlichen House wohl doch etwas anders schlägt. Aber weil ein Stadtplan allein völlig idiotisch wäre, wird er mit anderen gekoppelt, was akustische Wiedererkennungseffekte bei musikalischen Teilnehmern nicht ausschließt, ja im Gegenteil zum Ziel hat. Spitzen-Klänge, Amplituden des Eigengeschmacks für den Fremdgebrauch.

Es geht also um Markierungen, Entsorgungen, Entnahmen, Anschlüsse, Bereinigungen, Unterstreichungen, Wiederholungen, Obsessionen, Filtrierungen, Wiederbelebungen, Danksagungen. Aus fünf Minuten drei Minuten machen, oder eine, oder zehn Sekunden. Oder die Länge beibehalten, sie aber anders besetzen, reduzieren, orchestrieren. Oder sie verlängern, den Maßstab ändern, ver-clockt oder nicht. Aus eins mach zwei mach wieder eins.

Und weil man heute keine Schallplatte mehr braucht, um auf ihr zu markieren, wo was zu hören ist, ist die clock-theory in die Digitalisierung abgewandert, wo sie noch größere Freiheitsgrade erreicht und ins Schwarze trifft, das nicht mehr geriffelt ist. Wenn also Sampler, digitale Ver-Clocker, ausgezeichnet sind durch digitale Speicherung und beliebige Manipulierbarkeit von Geräuschen jeder Art, dann ex-samplen sie möglicherweise die Beispiele, die sie auf ihrer Erkundungsreise eingesammelt haben, auf eine Weise, daß sie für kein akustisches Erinnerungsbild mehr gerade stehen. Diese Ver-Wendung von Samples ist ein Grenzfall, für den nicht länger gilt: „All Samples Cleared“[13], weil der, der die Spuren verwischt, nicht länger den Bedingungen des Urheberrechts untersteht. Umgekehrt wird oft ausgewiesen, was beim Verbraucher auf taube Ohren stößt, weil er eventuell nicht hinreichend In-dieser-musikalischen-Welt verankert ist.

Samples geben sich also nicht als solche zu erkennen (jedenfalls nicht immer, das hängt ab vom musikalischen Kontext und der Erfahrung des Hörers), und was als Ex-Sample ankommt, kann als bloßes Aha-Erlebnis durchgehen: da war doch was. Diffuse Überlagerungen, Gedächtnisleistungen über das Ohr, die es nicht bis zur Benennung bringen (wo das da herkommt), Ex-Samplifizierungen, die nur von einer Szene durchschaut werden können. So sehr hat sich in relativ kurzer Zeit ein musikalischer Bereich (House-Musik etc.) ausdifferenziert, daß der „normale“ Rundfunkempfänger der Auflösung traditionell geschätzter Begriffe wie Komponist, Musiker, Texter, Autor nur mit Unverständnis gegenüberstehen kann. Die gesamte Musikgeschichte als Selbstbedienungsladen frivoler Techniker, die noch nicht einmal ein Instrument spielen können. Die ehrfurchtslosen Raubzüge geschichts- und gesichtsloser Parasiten.

Und Kulturkritiker müssen dabei natürlich sofort an eine kleine Revolution denken, dazu angetan, nach hinten loszugehen, weil auf ihrem Banner das bloße Jetzt steht: „Blip-Kultur bedeutet den Tod des folgerichtigen, linearen Denkens, eine Erosion der Fähigkeit der Leute, ihr Leben zu planen und zu gestalten. Es gibt nur ein JETZT, das entweder verdammt gut ist, oder schrecklich.“[14]

Wie gesagt, die Positionen sind schon verteilt, jeder hat das Zeug zum Verkehrspolizisten.

 

 

Fals  III  (Konsistenz  Loch  Ex-sistenz)

Gegeben sei ein borromäischer Knoten als Dreier-Knoten. Die drei Fadenringe seien gekennzeichnet mit R, S, I, also real, symbolisch, imaginär. Um dem Ausdruck zu geben, was früher gesagt wurde, nämlich, daß die Konsistenz des borromäischen Knotens eine Funktion des Imaginären sei, soll der Knoten so gebildet sein, daß R und S voneinander unabhängig sind und beide durch I zusammengehalten werden. Gleichwohl gilt, daß, löst man R oder S heraus, auch die beiden anderen Fadenringe frei sind. Das heißt aber, daß Konsistenz nicht alles am borromäischen Knoten ist.

So sind etwa die Ringe nicht aus Beton gemacht, sondern um ein Loch herum gezogen, das sie selber bilden, so daß anderes (andere Ringe) damit verzurrt werden können. Das Loch sei nun eine Funktion des Symbolischen („Der Signifikant macht Loch“[15]). Das hat damit zu tun, daß nach Lacan die symbolische Ordnung nicht in einer Äquivalenzrelation zur Ordnung der Dinge steht, sondern im Gegenteil sie ihr Bestehen einem fundamentalem Mangel verdankt, den sie aber nicht auffüllen kann, weder durch eine hinreichende Anzahl von Wörtern, noch durch besonders kluge Gedanken etc. Diesem unaufhörlichen Entzug (der sich freilich zeitweise imaginär kaschieren läßt - und „wir“ machen nur das) trägt Lacan dadurch Rechnung, daß er formuliert, daß ein Subjekt, als in der/einer symbolischen Ordnung stehend, das sei, „was ein Signifikant für einen anderen Signifikanten repräsentiert“[16].

Die Repräsentationsleistung von Signifikanten läßt das Subjekt nicht bildhaft auferstehen, sondern sie prozessiert es in einer Sprache, welche es beherrscht. Notwendigerweise fällt das Subjekt auf sein eigenes Sprechen herein, aber gleichzeitig wird es auch gehalten von eben der Ordnung, die es zum Straucheln bringt. Man muß richtig hinhören wenn „es“ spricht. Bis zum nächsten Reinfall. Denn wenn es stimmt, daß „Sprache die Bedingung des Unbewußten ist“[17], dann gibt es nach der Lacan’schen sprachlichen Konzeption des Subjekts kein Selbstverhältnis im strengen Sinn eines Subjekts zu sich selbst. Die symbolische Ordnung ist kein Spiegel.

Loch des Symbolischen, Konsistenz des Imaginären - was fällt „dabei“ für das Reale ab?

Das Reale ist der schwierigste und problematischste Terminus in Lacans grundlegender Begriffs-Trias. So unterschiedliche Aphorismen wie: Das Reale „kehrt immer an den gleichen Platz zurück“[18] - „Das Reale hört nicht auf, sich nicht zu schreiben“ - Das Reale ist „das Mysterium des Unbewußten“[19] - legen davon Zeugnis ab. Das Reale, so viel scheint klar, ist nicht mit der Realität zu verwechseln.[20] Lacans Sprung in die Transzendentalphilosophie? Vielleicht. Es mag an dieser Stelle ausreichen, das Reale als einen Grenzbegriff zu fassen, als etwas, das heraussteht (aus der Sprache), das herausstößt (etwa aus einem Bild), das es somit irgendwie gibt, das existiert, aber nur so, daß es „ex-sistiert“[21].

Auf den borromäischen Knoten gewendet, könnte das heißen, Konsistenz und Ex-sistenz in ihrer Gegenwendigkeit zu begreifen: imaginäre Konsistenz als zentripetale Kraft, reale Ex-sistenz als zentrifugale Kraft, als energetischer Spannungsbogen, und beide verlocht in der Sprache. Die Borromäisierung von RSI heißt nicht, daß die Funktionen Konsistenz, Loch, Ex-sistenz exklusiven Charakter haben (Bilder haben Löcher, brechen zusammen; Sprechen wie ein Papagei etc.). Die Funktionen beschreiben Schwerpunkte, aber innerhalb einer Einheit, die durch den Knoten ja auch nur figuriert wird. Der borromäische Knoten ist ein Ex-Sample.

 

 

Vertrauen

Vertrauen ist kein Gefühlszustand, sondern ein Entscheidungsakt mit all seinen Konsequenzen. Entscheidung dafür, sich um bestimmte Dinge nicht mehr zu kümmern. Weil diese künftig von woanders her verwaltet werden, von Orten, Positionen, Personen aus, in die man eben Vertrauen setzt, entweder weil sie schon vertrauensvoll und vertrauenswürdig sind, oder weil man sie durch diese Entscheidung, die eine Entlastung bedeutet, dazu macht. In beiden Fällen aber ist das Vertrauen blind, weil es selbst zum System gehört, dessen „Sinn“ nach Kontinuierung steht. Und das auf verschiedenen Ebenen von Systemen, deren unterschiedliche Niveaus schnell zu verstehen geben, daß Vertrauen ein Terminus ist, der mit Organisation und Anschlußfähigkeit zu tun hat.

Das „Vertrauen“ in biologischen Systemen besteht darin, daß etwa ein Adrenalinausstoß nicht nichts bewirkt, sondern eine Differenz im gestörten System, und zwar so, daß diese Störung, wenn sie nicht zum Zusammenbruch des Systems führt, beseitigt wird: Wiederherstellung von Gleichgewicht.

Vertrauen in Partnerschaften bedeutet, darauf zu bauen, daß der andere, was er nicht hat, gibt oder geben kann[22]. Partnerschaften zerbrechen dann, wenn festgestellt werden muß, daß der andere tatsächlich nicht geben kann, was er nicht hat; oder Beziehungen gehen irgendwie weiter, aber dann ohne Vertrauen, die dann zur reinen Gewohnheit wird.

Vertrauen in sozialen Handlungssystemen wird durch Wahlen und Abstimmungen geregelt, und zwar so lange, wie diese Regel selbst gilt.

Die einzige Zukunft biologischer Systeme ist ihre bloße Reproduktion, ihre Serialität, diesseits der Teleologie, die immer eine Theologie ist. Der einzige Plan im mikrobiologischen Bereich ist die Befolgung eines schon bestehenden Plans, der nur erfüllt oder zerstört werden kann.

Angesichts vielfältiger heutiger Partnerschaftsmodelle ist die Zukunft Des Paares (biblisch gesprochen: Adam und Eva, also der Mensch und die Mutter) und der Zelle (die Familie: Laios, Jokaste, Ödipus) nicht absehbar. Die „Keimzelle der Gesellschaft“ läßt sich nicht allein durch finanzielle Mittel stabilisieren, und Partner in Partnerschaften sind mehr und mehr medial vermittelter Konkurrenz ausgesetzt, die sich aus Personen und Positionen zusammensetzt. Das kann sehr anregend sein, gestaltet das Verhältnis aber prinzipiell schwieriger, und das ist genau das, wovor die Leute heute Angst haben, anders gesagt, worauf sie keinen Bock haben. Steigt die Eigenverantwortlichkeit im privaten Bereich, und sie war noch nie, von ihrem Anspruch her, für eine Gesamtgesellschaft so groß wie heute, dann wächst auch der Wettbewerb, und die Standards dafür setzen die Medien; wer sich dem Wettbewerb auch im privaten Bereich stellt, kämpft an mehreren Fronten zugleich.

Vertrauen ist dann, den anderen glauben zu machen, daß man wirklich so sei, wie man angetreten ist, sein zu wollen, aber da nicht jeder ständig sich selbst Sand in die Augen streuen kann, weil der Abstand zum Medium immer spürbar bleibt, hat man wenig Grund, Vertrauen in jemand anderen zu setzen, wo es bei einem selbst schon nicht klappt.

Das ist kein Plaidoyer für Modelle der Vergangenheit, für die bis auf weiteres gilt, daß ihr „Zug“ abgefahren bleibt, gerade weil sich die Bindung zum „Einzigen“ aufgelöst hat und dadurch alles anders geworden ist. Der Einzelne als prinzipiell Nicht-Einziger, das ist die auf Dauer gestellte narzißtische Kränkung, solange jedenfalls, bis auch die Erinnerung an den „Einzigen“ aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen sein wird.

Während sich Einzelne, verliebt oder nicht, an einer steigenden Zahl von Individualisierungseffekten abzuarbeiten haben, womit sie womöglich nicht fertig werden, scheint es in komplexeren gesellschaftlichen Systemen eher umgekehrt zu laufen, insofern der politische, gewerkschaftliche, unternehmerische, universitäre Wille, die Zukunft zu gestalten, oft einfach so zu lesen ist, als daß man sich den neuen Verhältnissen („Globalisierung“) anzupassen habe, wolle man in absehbarer Zeit nicht von der Bildfläche verschwunden sein. Rückkehr des „einzigen Zuges“, keine Experimente mit dritten Wegen, nachdem der zweite sich selbst als unbegehbar erwiesen hat. Das Geld regelt die Abschiedszeremonien, die Zukunft kennt kein Pardon.

 

 

Wann „1789“ gewesen sein wird

Eine Bezugnahme etwa auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist immer eine interessierte, durch eine Vorwegorientierung geregelte. Sei es durch eine Aktivität (Jetzt geht’s los, oder: Der Sturm auf die Bastille), durch die Konsolidierung eines Plans (Verankerung revolutionärer Errungenschaften), durch Mythenbildung (der Glaube an eine wirklich neue Zeit: Verwerfung des Gregorianischen Kalenders), durch Strategie und Taktik (Kompromisse und Schweinereien), durch Beobachtung von außen, zeitgleich (z.B. Friedrich Schillers entschiedene Distanzierung nach den Greueln), durch Lektüre, später (nach dem Prinzip: nicht das Kind mit dem Bade ausschütten).

1789 ist zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten anders virulent. Manches davon wird gar nicht mehr ins Bewußtsein fallen, da es bereits selbstverständlich geworden ist und ohne historischen Index funktioniert. Strukturbildend für kritische Bezugnahmen dagegen ist der bewußte Versuch, Startbedingungen und Möglichkeits-Ressourcen von damals mit dem in Beziehung zu setzen, was daraus wurde und im weiteren Sinn mit all dem, was und wer sich darauf bezieht.

Freiheit wird mit ihren Pervertierungen konfrontiert, Gleichheit mit der ihr zugehörigen Zweischneidigkeit von einerseits positiv bewerteter formal-juristischer Anerkennung (vor dem Gesetz) und andererseits zu befürchtenden Tendenzen von Gleichmacherei und Nivellierung, Brüderlichkeit mit dem, was die christliche Botschaft als Nächsten-Mehr-Liebe in Richtung Vetternwirtschaft übersteigt.

Zwei grundlegende Verhandlungen von 1789 sind somit von vornherein in dieses Datum eingeschrieben: mehr oder weniger starke Distanzierung, und auf der anderen Seite die Einstellung, daß das noch nicht vorbei ist, daß da noch etwas zu holen, nachzuholen ist. Und dieses Holen und Nachholen ist natürlich nichts anderes als ein Machen-Wollen, ein 1789-weiter-machen-wollen.

Jede Bezugnahme ex-sampelt 1789 auf ihre Weise. Abmischungen, Filtrierungen, Idealisierungen, Auslassungen. Frage der Übernahme: was bleibt, wenn man übernimmt, übernimmt man sich mit dem, was bleibt? Erkennt man sich dann darin wieder, so daß man es anerkennen kann? Aber wer ist hier das „man“, was das „es“? Möglicherweise genau der zeitgeschichtliche Kontext, der genau eine solche Bezugnahme gestattet, und sei es nur deshalb, weil sie wie eine Idee in der Luft liegt. Oder auch: Chronische Mangelerscheinungen auf der einen Seite, und Dauerrezeptur auf der anderen: 1789 ist für alle da, immer. Krankheitsbilder und Dosierungen, Symptome und Behandlungen. Abmischer der Geschichte, Bewerter der Gegenwart, Diagnostiker der Zukunft.

Und immer muß man sich fragen, welcher Geschichte, welcher Gegenwart, welcher Zukunft; welches 1789, welches 1998, welches 2000-und... Epoche der verallgemeinerten Epoché. Spiel mit Samples, die vielleicht nichts mehr exemplifizieren, weil sie als Ex-Sample eingehen. In jedem Sinn.

 

 

Fals  IV  (Agalma)

Imaginäres, Konsistenz, Form, Erstarrung - entscheidend für das Spiel und den Spielraum des borromäischen Knotens ist nicht diese bestimmte, etwa durch Plattlegung des Knotens abbildende Figurierung (also eine mögliche Verknotung unter anderen), sondern die „Knotigkeit“ selbst, also daß es Knoten macht.

Um dieser Differenz einen Namen zu geben, sei ein weiteres Element aus Lacans psychoanalytischem Diskurs eingeführt, nämlich „Objekt klein a“ (im folgenden Objekt a geschrieben), das im strengen Sinn kein Objekt ist, sondern dafür sorgt, daß es bestimmte Konstellationen determinierenden Charakters gibt. Objekt a, das nicht mit dem imaginären anderen i (a) zu verwechseln ist, ist keine Dimension, die zu RSI als viertes „Element“ hinzukommt, sondern eine Funktion, die mit den drei Dimensionen zu tun hat, ohne jeweils in ihnen aufzugehen oder in sie einschreibbar zu sein.

Insofern Objekt a mit dem Blick zu tun hat, arbeitet es im Imaginären. Insofern es für die Löcher, die die Signifikanten schlagen, (mit)verantwortlich ist, hat klein a mit der symbolischen Ordnung zu tun. Und weil es zu seinem ontologischen Status gehört, gewissermaßen nicht von dieser Welt zu sein (unsagbar, unrepräsentierbar, unabbildbar), so teilt es mit dem Realen die Eigenheit, nicht aufzuhören, sich nicht zu schreiben.

Der Trick der Verliebtheit besteht bekanntlich darin, aus zwei (verliebten) Blicken einen machen zu wollen. Unterstellte Übertragung. Liebe auf den ersten Blick. Objekt a nun hat imaginär genau die Funktion, solche Blicke (Blöcke) möglich zu machen, insofern sie sie einrahmt (scheinbar mit dem gleichen Rahmen), im selben Augenblick aber entzieht es dem angeblickten „Objekt“ die Eigenschaften, die es ihm unterstellt, da diese angeblichen Eigenschaften des begehrten Objekts lediglich die Produktion eines phantasierenden narzißtischen Ichs sind. Die jeweiligen Rahmungen zweier Blicke sind irreduzibel und nicht übertragbar: „Niemals betrachtest du mich dort, von wo aus ich dich sehe.“[23] Auch wenn Blicke völlig idiotisch sind und niemanden angehen, funktioniert der Trick ja oft genug, jedenfalls eine Zeitlang.

Objekt a ist in keine symbolische Ordnung einschreibbar, weil es ihr ex-sistiert. Es ist ein Ex-Sample, dem kein Sample vorhergeht. Wenn Hans Castorf in Thomas Manns Roman Der Zauberberg im Angesicht Clawdia Chauchats die Sprache wechselt (nämlich zum Französischen), so einerseits, weil ihm die Sprache, die deutsche, vergeht (sie trifft es nicht), andererseits, um mit dem Sprachwechsel anzuzeigen, daß das Begehren selbst spricht, womit er natürlich auf taube Ohren stößt. Er hört nicht auf, um das Loch herumzureden, und so eine „andere Befriedigung“[24] festzuschreiben, die sich von der unterscheidet, die eindringend genießt.

Das Spiel von Objekt a im Realen ist so geregelt, daß Objekt a dem begehrenden Subjekt verspricht, ans Reale grenzen zu können, ohne daß es, Objekt a, dem Subjekt ein sichtbareres Pfand dafür geben könnte, als seine Ex-sistenz selbst. Die Öffnung, die Objekt a bewirkt, ist nicht zu schließen. Durch Objekt a ist das Subjekt einerseits gebunden, dadurch, daß es ihm aufsitzt, andererseits aber auch ablösbar, da die imaginäre Konsistenz des Knotens nicht alles ist. In diesem Spiel der Dreiheit verschlingt Objekt a das Subjekt, das somit, anders als das Reale, niemals an den gleichen Ort zurückkehren kann, auch wenn es immer die gleichen Fehler macht. Befreien kann man das Subjekt nur dadurch, daß man es auffordert, andere zu machen.

 

 

Bruchstück aus der Zeit (III)

Alles auf eine Karte alles auf einer Karte dieser kleine Unterschied wo sähe man ihn nicht und doch scheint alles sehr fest der tägliche Gang Einkäufe Gesichter Läden Auslagen Preise Geld damit ist zu rechnen kein Weg dran vorbei die Vielfalt der Perspektiven selbst nur ein Schein ein Versuch noch einmal das hervorzulocken was sich nirgends mehr liest gerade weil es überall steht bewegungslos nicht affizierend eine Leere bunter Halde der Schutt aus der Erde längst verbraucht initiativelos zu bestaunen ohne den Effekt einer spürbaren Abstoßung von wo auch immer die Spirale ein tückischer Aufenthalt da ohne Rückhalt Resonanz oder auch zusichernd das komme schon wieder so sei ihr Lauf nur nicht ganz am selben Ort schade der Start ist wirklich nur einmal zu machen danach immer aufgespannt gevierteilt mindestens das setzt sich ja im Kopf fort die kleinen und großen Möglichkeiten Varianten Spielzüge von denen wer etwas weiß wenn man selbst nicht zurückkommen kann Erfindungszwang Hilfskonstruktion das Wort totale Okkupation gnadenlos wenn es anfängt weh zu tun glaubt man daß eine weitere Erfindung noch aussteht nein das Bild nicht keine Abwehrgeste reine Feststellung zu starker Verbund Abhängigkeiten altbekannt das erfindet sich nicht mehr auch nicht im neuen Medium scheinbar singulärer Existenzen zugleich bekannt mit allem und jedem der Anfangszauber des technischen Spielzeugs die rührende Aufpfropfung die elektronische Veredelung dabei schleppen sie den ganzen Ballast mit und machen alles kaputt treten sich selbst ins Kreuz den Monitor die Datenbank das Netz ist aber größer und klüger vereinnahmt wird trotzdem Griffe von überall her ändert das was Bruch und Kontinuität im schönen Wechselspiel der Gefühle Apokalypse light als Synthese die Zeitung von gestern wie sie lesen noch mehr als die Titel zum sich einschießen für den Stammtisch die Party aber da ist schon niemand mehr müßte mal mehr ausholen jetzt keine Zeit hier keine Lust dort Probleme hat es immer gegeben sie sind immer im Rückstand genau das will keiner wahrhaben Angriff auf das Ego das liebe kann man sich heute weniger denn je leisten also doch eine Art Fortschritt Anpassung im Internet stehen fast nur Witze die Rinde von gestern Deplazierung total der Swimming Pool das Handy vergessen sie nicht ihre Botschaft aber erst ihr Codewort heilige Bezirke die Aura des Verbotenen kein Zeuge niemand will es wirklich wissen das kleine Geheimnis entstanden aus dem Abfall der Entwicklung ein wenig gößerer Projekte also doch noch was zählt Aufgaben Ziele Visionen Ernst genau wo ist die Stätte der Evaluation nein die braucht es gar nicht das kauft sich auch so Namen Titel Phantasien Gegnerschaften dieser Vorteil ist wichtig geben wir jetzt nicht nach unausdenkbar wo geht es aber jetzt nicht weiter können sie mir nocheinmal ihr Problem schildern Informationsstau ich komme darauf zurück wir werden sie nicht vergessen anderer Kontinent anderer Grad an Sympathie Einfühlungsvermögen kilometerlange Abstumpfung wenn man die Reise nicht im Flug unternimmt das sieht ja hier ganz anders aus und dann auch die Syntax wir müssen das mal diskutieren vorbei böser Traum dachte schon aber nein so schnell passiert das nicht ich bin nicht allein Mord im Bierglas die Zigarette zündelt auch schon in anderen Gefilden so da wären wir wieder grüß dich haben wir uns schon mal gesehen ist ja auch egal noch ein Bier die Welt ist klein ihre Probleme überschaubar besonders wenn man sich in die Augen schaut ist ja auch irgendwie egal soviel Platz kann ich nicht machen jetzt bloß auf Schmalspur bleiben guter Dämon ich grüße auch dich du Verhinderer des Schlimmsten positiv genausowenig orientiert wie wir anderen auch aber immerhin zurück zur Sache der Moor kann gehen bis zum nächsten Mal ach ja der Name ebenfalls bis dann ein harter Tag fast wie immer diese Gedanken ein Kommen und Gehen mehr Kontrolle Stelldichein wann man will ja jetzt Zeit für Träume bevor die so richtig losgehen Kinoperversion Schlammbilder aber immer ohne störende Geräusche das ist das Angenehme daß man auf einer Ebene nicht belästigt wird jedenfalls nimmt man das nur als Durchschnittswert war und bei ihnen interessant ja so was da weiß man also immer noch nicht Bescheid die wirklich wichtigen Dinge nicht wahr verborgene Wahrheit Verblassen der Bilder zu spät jeder Griff wie auch Deutung aus dem Rest theoretisch abgesichert das klappt immer es geht ja nicht um Abbildung ihre Fiktion interessiert uns ihre Erfindungskraft die selber Ansprüche stellt der Knoten jetzt merken sie es am besten einfach abschneiden und woanders weitermachen Frage der Zumutung der Bändigung dessen was einen anfällt lieber schweigen nicken und in Gegenrichtung den Komparativ und Superlativ nicht vergessen das versöhnt immer und macht gute Laune Prost lieber zuviel als im entscheidenden Moment nicht präsent sein unverzeihbar das kratzt nämlich im Unsichtbaren gefährliches Gelände Experten des Nichts des inneren Gerölls absolutes Gehör alternativ die Schulter vergessen sie nie die Schulter oder die Hand oder was sie wollen Versöhnung pur Harmonie wir wollen uns schließlich wiedersehen der Schlüssel diesmal ganz konkret die Treppe die Tür hineinspaziert.

 

 

Fals  V  (Reprise)

Wenn Lacan von den Dimensionen RSI spricht, um was für Dimensionen handelt es sich? Zeitliche? Räumliche? Raumzeitliche? Gibt es eine Möglichkeit, RSI zu verzeitlichen, und wenn ja, besteht so etwas wie ein zeitdimensional privilegierter Neigungswinkel, etwa für die Zukunft, wie in Martin Heideggers Sein und Zeit, in dem die „Struktur des Vorlaufens in den Tod“[25] eine gesonderte, gewissermaßen von hinten aufrollende Funktion hat?

Die zeitliche Dimension des Imaginären ist insofern rudimentär, als es lediglich zwei sich ausschließende, aber gleichwohl aufeinander bezogene Positionen umgreift. Da ist zum einen das frühkindliche Phantasma dessen, was Lacan das „zerstückelte Bild des Körpers“[26] nennt, Lacans Umschreibung der Tatsache, daß das Menschenwesen zu früh geboren wird. Und da ist zum anderen der Sprung in die Entfremdung, in die Bildung eines Ideal-Ichs, das die Funktion hat, das Phantasma des „zerstückelten Körpers“ aufzulösen. Das zeitliche Problem mit dem Imaginären besteht darin, daß letzteres keine Strecke ist von einem Phantasma zum anderen, das es ablöst, und zwar unumkehrbar. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Da beide Phantasmen nur in bezug aufeinander bestehen und nicht ohne Rückfahrschein passierbar sind, ist die Struktur des Imaginären zeitlos zu nennen. Die Dynamik und der Kraftaufwand des Imaginären bestehen darin, die zeitlich frühere Erfahrung des Menschenwesens, die einer fundamentalen Unselbständigkeit, zu überdecken und mit Gegenbildern zu versehen. In dem Moment, wo die Polarität des Imaginären, seine Duellhaftigkeit, auf Distanz gebracht und interpretiert wird, kommt ein Drittes hinzu, was Lacan das Symbolische nennt.

Die symbolische Ordnung ist das, was jedes einzelne Menschenwesen zeitlich übersteigt, da sie immer schon da ist und jeder Einzelne sie mehr oder weniger als seine eigene übernimmt. Die Ordnung ist sprachlich verfaßt, und ihre Diskurse machen darauf aufmerksam, wann was von wem zu wem an welchem Ort gesagt werden kann. Auf der symbolischen Schiene wird das imaginäre Ich (moi) zum Subjekt und damit einer bestimmten sozialen Ordnung eingegliedert. Es geht in sie ein, ohne jedoch ganz in ihr aufzugehen. Das liegt daran, daß Sprechen Handeln ist und auch die Ausgaben sozialer Grammatiken immer wieder überarbeitet werden müssen. So gilt also, daß, gerade weil das Symbolische reduktiv ist und keine spezifische soziale Einsetzungsform ihren dispositiven Charakter verbergen kann, das Subjekt mit Löchern zu tun hat, die es beispielsweise als Lücke des Gesetzes für sich ausnutzen kann, oder aber, in dem es als Sozialfall verschwindet.

Diskurse bringen zum Sprechen, was gesagt werden soll. Das ist ihre träge Seite. Sie können aber nicht gleichzeitig ihr Verhältnis zueinander ein für allemal aufschreiben, da sie selbst die Änderungen produzieren, die ihren dispositiven Charakter aushöhlen oder zumindest verändern. Das zeigt sich beispielsweise heute weltweit auf dem Sektor der Wirtschaft, dessen „axiales Prinzip“ (Daniel Bell) der Produktionssteigerung überdacht werden muß und auch überdacht wird, weil dieses Prinzip, mechanisch weitergeführt, sich selbst abschafft. Es ist die Frage, ob der wirtschaftliche Sektor, der das Subjekt vornehmlich als wirtschaftendes Subjekt und damit als seinen Erfüllungsgehilfen betrachtet, von sich allein seine Zukunft so gestalten kann, daß auch andere Bereiche noch eine Zukunft haben (Ansprüche aus der Vergangenheit). Wenn sich das axiale Prinzip der Wirtschaft selbst hypostasiert, dann verkennt es imaginär, daß es sehr wahrscheinlich mit einer Zukunft zu rechnen haben wird, die anders rechnet als es selbst.

Franco Volpi bringt das angeschlagene Verhältnis zwischen (blinder) Machbarkeitsbereitschaft und „Orientierungsabstinenz“ auf den Punkt: „Es bleibt aber das Problem, daß die technopoietische Herbeiführung der Zukunft ohne Regel und Normen zu sein scheint, die unser Handeln und Verhalten führen könnten. Ihr gegenüber versickern die natürlichen, kulturellen und symbolischen Sinnressourcen des traditionellen Menschen.“[27]

Eine solche Entknotung oder auch mehr oder weniger deutliche Schwächung der Verknotung von Symbolischem und Imaginärem - also die Tatsache, daß die Bilder aus den sie haltenden Rahmen fallen oder zu fallen drohen bei gleichzeitiger Abwesenheit der alten Anerkennungsmechanismen, die die Bilder bestätigt haben - kann nicht ohne Konsequenzen auf das Reale sein. Wenn das Reale ein nicht beherrschbarer Rest ist, etwas, das in keine Äquivalenzverhältnisse einbezogen, also auch nicht ausgetauscht werden kann, dann scheint es berechtigt zu sein, anzunehmen, daß es genau dann positive Effekte zeigt, wenn Austauschprozesse anfangen, nicht mehr so zu laufen wie gewohnt. Das kann man dann Krise nennen (auf personalem, nationalem, globalem Niveau), und ihr Ausmaß mag abzulesen sein an einem Index des Realen selbst, nämlich der Angst.

Angst, wenn man sie zuläßt, taucht immer dann auf, wenn, mit Robert Musil gesprochen, „Seinesgleichen geschieht“, also unter veränderten Verhältnissen, geänderten Rahmenbedingungen, immer noch die gleichen Spiele gespielt werden und irgendwann festgestellt wird, daß der Schematismus des Nur-noch-Weitermachens keiner Verankerung mehr versichert ist. Bilder verlernen dann wieder das Laufen, gesprochen wird ins Leere, Diskurse werden fadenscheinig: das ist der Schock des Realen. Vertrautes ist plötzlich fremd, Verdrängtes und immer wieder Aufgeschobenes erscheint „unheimlich“ nah.

Wenn denn Angst hier als Agent des Realen verstanden werden soll, dann mag Objekt a als das bezeichnet werden, was RSI als borromäischen Knoten eine Zeitlang eine ansehnliche Gestalt verleiht, bis auch diese in einer Grimasse erstarrt und Objekt a erneut als Phasenkleber in Erscheinung tritt, was es, nach allem bisher gesagten, nur unterschwellig tut. Denn Objekt a ist ein nicht-symbolisierbarer Rest, der blinde Fleck des Imaginären, der (noch) nicht eingelöste Mehrwert der Realität, und insofern kann es im borromäischen Knoten auch nicht festgemacht werden. Genausowenig wie der Knoten selbst, der mehr ist als ein Bild, eine Metapher. Insofern die Konsistenz des Knotens immer eine kontingente ist - keine Dimension hat das letzte Wort - stellt jede konkrete Verknotung immer nur eine Transformation dar. Abfälle werden recycelt, Traditionen werden wieder eingespielt, Orientierungen werden (re)aktiviert. Allerdings gibt es keine Garantien dafür, daß die sich gegenseitig haltenden Ringe nicht vor der Zeit brüchig werden (entweder durch zu große Reibung oder durch völliges Brachliegen), oder aber kein Loch mehr machen.

Der borromäische Knoten ist grundsätzlich riskant, versichert nur durch seine Fadenscheinigkeit, verletzbar und auch zu vernichten an jeder Stelle. Zugleich ist er in seinem triadischen Zusammenspiel geschmeidig und, da die Drei lediglich das Minimum seiner Konstruierbarkeit bezeichnet, erweiterbar in eine Vielheit, deren topologischer Charakter ein nicht-privilegiertes, also demokratisches Prinzip verkörpert: Alle Ringe „sitzen“ im gleichen Boot: löst man einen heraus, sind auch alle anderen frei. Das ist die eine Seite, die wenn man will utopische. Man darf aber auch die andere Seite des Spiels nicht verschweigen: die Tendenz zur Disziplinierung: jeder Ent-Fernung würde entgegengehalten werden können: nur gemeinsam sind wir stark. Faschismusverdacht.

 

 

Tabula Rasa

Die Vorstellung, tabula rasa machen zu können, hat eine lange Tradition und hört auch heute nicht auf, Faszination auszuüben. Daß das von damaliger oberster Kommandozentrale verordnete Reinigungsbad genannt Sintflut bekanntlich wirkungslos geblieben ist und auch später in die Tat umgesetzte Straf- und Vertilgungspläne (etwa Genesis I, 19, Sodom und Gomorrha) keinen durchgreifenden Gesinnungswandel des menschlichen Geschlechts erreichen konnten, hat bis heute der Hoffnung keinen Abbruch tun können, einmal so richtig aufzuräumen, gewisse Dinge zu begraben und endlich guten Mutes und Gewissens nach vorne, und nur nach vorne, zu schauen.

Angesichts dieser langen Strukturtradition ist man versucht, von einer ewigen Unschuld der Gegenwart zu sprechen. Sie läßt sich von keinem Rückschlag irritieren, methodisch war sie schon immer eine Meisterin im Auffinden und Erfinden von Gründen, warum etwas nicht geklappt hat, und es war fast immer ihre höchste Mission, sich für eine Zukunft einzusetzen, sei es hienieden oder im Jenseits, die endlich kein Aufhebens von früheren Zeiten mehr machen muß.

Und doch: seit einigen Jahren, so scheint es, hat sich der blaue Planet von seinem grünen Hoffnungsbanner, das zuletzt die Farbe rot trug, getrennt und dadurch möglicherweise, ungewollt, eine ganz andere Revolution ausgelöst, die nicht zwischen gesellschaftlichen Klassen stattfindet, sondern in den Köpfen der Einzelnen, also den Terminals des globalen elektronischen Verbundsystems. Wer oder was auch immer den roten Faden durchtrennt haben mag, die Rekrutierungsstätte Gegenwart scheint dadurch in ihrem Appellcharakter ernsthaft in Frage gezogen worden zu sein. Die Gegenwart als Verbindungsknoten zwischen Vergangenheit und Zukunft wäre abgeschafft. Die Gegenwart und die zukünftige Gegenwart ist und wird sein ein Kommerz von Monaden; zu befreien gibt es da nichts mehr, da die Befreiung von der Befreiung schon längst stattgefunden hat.

Die Einsenkung des einzigen künftigen Imperativs zeichnet sich schon jetzt ab: nämlich die Forderung einer ständigen optimalen Selbstauswertung und -verwertung (wenn Sie es nicht schaffen, schafft es Ihr Double, das eine oder das andere): das Selbst als Empfangsstation, bereit, als Terminal alles zu terminieren, als bloßes Datum zu exterminieren. Der Echoraum der Vergangenheit abgemischt auf CD-ROM. Ihre Befreiung als ihre totale Nomadisierung, ohne Kainszeichen. Totaler Triumph des Imaginären, des Duells, des Kopf-an-Kopf-Rennens im Kopf. Auf-der-Strecke-Bleiben des Symbolischen, des großen Anderen, jenseits des binären Codes, das Unbewußte ist gegessen, die Selbstbeobachtung abgewandert in die Statistik, die Befragung und den Test. Verschwinden des Realen, wo nichts mehr unmöglich scheint, oder auch: Trauung des Realen mit der Realität, wo alles schon an seinem festen Platz ist, blinder Gruß der Monaden.

Tabula plena?

 

 

Orient-ierung

Faszinierendes orientiert. Durch eine Stimme etwa einen Blick oder Einstellungen. Umgekehrt gilt aber nicht, daß Orientierungen von sich aus faszinieren. Sie können sogar ausgesprochen ermüdend sein und langweilen, auch wenn ihre Dringlichkeiten anerkannt sind. Liegt das daran, daß Orientierungen häufig mit nachkommenden Pflichterfüllungen zu tun haben? Mit dem Monument der Trägheit auf der anderen Seite? Orientierungen klingen vernünftig. Und das ist oft ihr stärkster Widersacher. Mutproben der Reduktionsmöglichkeiten. Handlungsanweisungen nach Drehbuchvorlage. Happy-End fast garantiert.

Orientierungen, je ausführlicher sie ausfallen, müssen eines auslassen, nämlich Kontingenz, volksweisheitlich gesprochen die Einsicht, daß doch alles anders kommt als man denkt. Und hat man weisheitlich mit diesem nach wie vor unschlagbaren Argument erst einmal die arme Orientierung aus dem Rennen geworfen, dann ist es leichter, zu unterstellen, daß es nicht so schlimm kommen werde, wie so manch ein Miesepeter angenommen hat.

Das Dilemma mit der Orientierung ist da, wenn angenommen wird, daß faszinierende Orientierungen nicht nur mit Vorsicht zu genießen sind, sondern eher überhaupt nicht zu genießen sind, jedenfalls nicht für alle gleichermaßen. Dies sei eingeschränkt gesagt für Orientierungen in großen, politisch-kulturellen Rahmen. An Beispielen aus der jüngeren Geschichte mangelt es ja nicht. Einerseits also ist das große, einschneidende Programmpaket nicht zu verkaufen, andererseits, wenn es tatsächlich verkauft würde, hätte man berechtigterweise größte Bedenken anzumelden. Aber bei wem? Mit wem? Offene Fragen als Anspruch an die Zukunft.

Der Hofnarr an deutschen Fürstenhöfen war ein aus dem Orient übernommener Brauch. Faszination durch Fremd- und Andersheit. Spielzeug von Erwachsenen. Pfropfreis als Sample mit Veredelungsabsicht. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit - als Spiel.

Der Okzident und nichts als der Okzident - als Schicksal?

Narren aller Länder, vereinigt Euch nicht. Ihr Kenner der Knoten, Handarbeiter des Drehens und Wendens, Euer „einziger Zug“ ist zeitlos, Eure Vorstellungen sind ungebunden, zusammengehalten nur durch einen kleinen Buchstaben, den man nicht sieht, ohne den es aber keinen Anfang geben würde, durch die Winzigkeit eines kleinen Objektes, das verlachend verlocht und das Zeug zu allem hat.


[1] Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche, Werke in sechs Bänden, hrsg. von Karl Schlechta, München-Wien 1980, vierter Band, S. 802.

[2] Martin Heidegger, Sein und Zeit. Tübingen 1979, S. 383. Vgl. dazu Friedrich Nietzsche, Götzendämmerung. In op. cit., vierter Band, S. 1023, Aphorismus 47.

[3] Jacques Lacan, RSI (unveröffentlichtes Seminar), Sitzung vom 10. Dezember 1974.

[4] Vgl. dazu: Jacques Lacan, Le stade du miroir comme formateur de la fonction du Je. In: Ecrits, Paris 1966, S. 93-101. (Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. In: J.L., Schriften 1, Frankfurt 1975, S. 61-71).

[5] Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: S.F., Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt 1974, S. 61-135, hier: S. 100.

[6] Zit. in: J. Lacan, Le Séminaire, livre XI, Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse, Paris 1973, S. 53.

[7] J. Lacan, Le Séminaire, livre VII, L’éthique de la psychanalyse, Paris 1986, S. 359-374 (Übersetzung vom Verf.).

[8] Vgl. etwa: J. Lacan, Le Séminaire, livre XX, Encore, Paris 1975, S. 126 (Übersetzung vom Verf.).

[9] J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 55 (Übersetzung vom Verf.).

[10] André Michels, Der Körper, die unmögliche Historisierung. In: Lacan und das Deutsche, hrsg. von Jutta Prasse/Claus-Dieter Rath, Freiburg 1994, S. 272-281, hier S. 274.

[11] J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 101, 114 (Übersetzung vom Verf.).

[12] Vgl. etwa Ulf Poschardt, DJ-Culture. Hamburg 1995, S. 168.

[13] So der Name einer LP des Rappers Biz Markie. Vgl. auch Poschardt, a.a.O., S. 34.

[14] Simon Reynolds, zit. in Poschardt, a.a.O., S. 279 (Übersetzung vom Verf.).

[15] J. Lacan, RSI, Sitzung vom 15. April 1975.

[16] Vgl. etwa J. Lacan, Radiophonie. In: scilicet 2/3, Paris 1970, S. 55-103, hier S. 65 (Übersetzung vom Verf.).

[17] J. Lacan, Radiophonie, a.a.O., S. 58 (Übersetzung vom Verf.).

[18] J. Lacan, Le Séminaire, livre XI, a.a.O., S. 59 (Übersetzung vom Verf.).

[19] J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 118 (Übersetzung vom Verf.).

[20] Vgl. etwa J. Lacan, Radiophonie, a.a.O., S. 60.

[21] Vgl. etwa J. Lacan, L’Etourdit. In: scilicet 4, S. 5-55, hier S. 6.

[22] Lacans Definition der Liebe, im weiteren Sinn überhaupt von Übertragung: „geben, was man nicht hat“. Vgl. J. Lacan, Le Séminaire, livre VIII, Le transfert, Paris 1991, S. 46, passim (Übersetzung vom Verf.).

[23] J. Lacan, Le Séminaire XI, a.a.O., S. 105 (Übersetzung vom Verf.).

[24] J. Lacan, Encore, a.a.O., S. 61, passim (Übersetzung vom Verf.).

[25] M. Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 263.

[26] J. Lacan, Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion, a.a.O., S. 67, dort auch: „zerstückelter Körper“.

[27] Franco Volpi, Praktische Klugheit im Nihilismus der Technik: Hermeneutik, praktische Philosophie, Neoaristotelismus. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie, hrsg. von Günter Figal und Enno Rudolph, Heft 1, 1992, S. 5-24, hier S. 22.