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Zum Portrait Jacques Lacans in Philippe Sollers Roman Femmes Ich beginne
mit einer einfachen Einschätzung. Sie alle sind bereits im Bilde.
Im Portrait. In Ihrem Portrait. Und sei es nur eine Skizze. Ich spreche
von Jacques Lacan. Aber wer ist Philippe Sollers? Der Name Sollers ist
jedenfalls kein Name einer Polstermarke‑ ich komme darauf gleich
zurück. Ich werde
Ihnen zunächst einige Daten und Namen zum Schriftsteller Philippe
Sollers an die Hand geben, und werde Ihnen dann ein, zwei Passagen aus
Michel Houellebecqs Roman Les particules
élémentaires (Die Elementarteilchen) aus dem Jahr 1998
vorlesen (in meiner Übersetzung, der Roman erscheint in deutscher
Übersetzung ‑ nicht in meiner ‑ im Herbst bei Dumont),
Sollers wird an diesen Stellen als Verleger portraitiert, und da auch
Femmes erwähnt wird und
mir überhaupt die Perspektive gefällt, in die Sollers
gestellt wird, möchte ich diese Passagen als Einstieg meines
Vortrags wählen. Zunächst
also ein Kleiner biographischer
Abriß [nach Philippe Forest] 1936 in
Bordeaux als Philippe Joyaux geboren. 1957 erste
Veröffentlichung, die Erzählung Le
Défi (Die Herausforderung), unter dem Pseudonym Sollers, da
er noch minderjährig ist; erhält 1958 den Prix Fénéon
für Le Défi. 1958 erste
Romanveröffentlichung mit Une
curieuse solitude, das ist ein kleiner, klassisch geschriebener psychologischer
Roman, sehr gelobt von der Kritik, von Aragon bis Mauriac. 1960 Mitgründer
und Mitherausgeber der Zeitschrift Tel
Quel, Gründungsmitglieder u.a. Jean-Edern Hallier und Jean Thibaudeau,
weitere Mitarbeiter im Laufe des 22jährigen Bestehens: u.a. Marcelin
Pleynet, Julia Kristeva, Denis Roche, Jean Ricardou. Im Laufe seines Bestehens
begleitet und verstärkt Tel
Quel alle möglichen literarischen, philosophischen und intellektuellen
Strömungen und Moden: u.a. den Nouveau Roman, den Strukturalismus,
es kommt zu kommunistischen Ausrichtungen, zunächst Techtelmechtel
mit der KP, dann maoistische Tendenz... 1961 erhält
er für den Roman Le Parc
den prix Médicis; trägt deutliche Züge des Nouveau
roman, Bruch mit Robbe-Grillet weinige Jahre später. 1965 Bekanntschaft
mit Jacques Lacan. Philippe Forest: Es folgt eine Beziehung der
Hochachtung und gegenseitigen Verführung.[1]
Ich möchte Ihnen dazu eine Stelle aus Lacans Seminar Buch XX, Encore,
zitieren, Lacan ist mal wieder ein wenig unzufrieden mit seinem faulen
Publikum und er sagt: Sie müssen sich schon daran machen, ein
wenig Autoren zu lesen - ich sage nicht zeitgenössische, ich sage
Ihnen nicht, Philippe Sollers zu lesen, er ist unlesbar, wie ich übrigens
- aber Sie können Joyce z.B. lesen.[2]
(Und zwar Finnegans Wake!
Sitzung vom 9.1.1973.) Sollers besucht Lacans Seminare bis 1980. 1966
lernt er seine spätere Frau, Julia Kristeva, kennen (Les
Samouraïs, 1990, ich komme darauf zurück). 1973 Veröffentlichung
von H, sein erstes Buch ohne
Interpunktion, worauf 1981 der erste Band von Paradis
folgt, 1986 der zweite, Work in Progress. 1974 Reise
nach China (Kristeva, Roland Barthes, Marcelin Pleynet, François
Wahl, wichtiger Verleger bei Seuil,
besuchte zwischen 1954-60 die Rue de Lille, war also Patient Lacans, Anreger
einer Sammlung von Texten Lacans, die 1966 unter Wahls Lektorat unter
dem Titel Ecrits erschienen).
Lacan wollte ursprünglich mitreisen, aber er ließ ab. In einem
Brief an Maria-Antonietta Macciocchi (Buch: De
la Chine), Vermittlerin zwischen der chinesischen Seite und den TelQuelisten,
Barthes und Wahl, schreibt Lacan: Werte, in Ihrer Begleitung wäre
ich begeistert aufgebrochen. Dabei sind wir aber eine richtige Karawane.
Und wer ist der Chef der Karawane für Ihre Chinesen? Sollers vielleicht?
Eben, Herr Sollers ist sehr viel berühmter als ich in der Welt...[3] 1975 systematische
Lektüre der Bibel und von Klassikern der Theologie. 1982 wechselt
Sollers den Verlag, von Seuil zu Gallimard. Ende von Tel
Quel, an dessen Stelle LInfini
tritt. 1983 Femmes, literarisches Ereignis, löst Skandal aus. Steht auf der
Liste der Bestseller.[4] Es
folgen weitere Romane und Essaysammlungen, u.a. die Romane Portrait
du joueur, Le coeur absolu, La Fête à Venise,
die Essaysammlungen Théorie
des Exceptions, Improvisations, La Guerre du Goût. 1991 zeitgleich
mit Milan Kundera Eintritt ins Lektorat von Gallimards. 1991 amerikanische
Übersetzung von Femmes. Schreibt
für Le Monde. Seine Präsenz
in den Medien scheint unüberseh- und unüberhörbar zu sein. Ich komme
nun zum zweiten Teil meiner Einleitung, der Lektüre der Portraitierung
Sollers in Houellebecqs Roman. Im Zentrum dieses Romans, in dem
es u.a. um die Zukunft der Sexualität geht, stehen zwei Brüder,
Michel und Bruno, wobei letzterer literarischen Ambitionen nachgeht und
sich auf die Suche nach einem Verlag macht. Bruno ist
im Gespräch mit einem Lehrer-Kollegen, Fajardie, wegen seines Manuskripts: Fajardie
war angenehm überrascht. Ein Einfluß von Claudel... oder
vielleicht eher von Péguy, der Péguy der freien Rhythmen...
Aber es ist mit Recht originell, auf so etwas stößt man nicht
mehr häufig. Über die zu ergreifenden Maßnahmen
gab es keinen Zweifel: LInfini.
Dort entsteht die heutige Literatur. Man muß Ihre Texte zu Sollers
schicken. Ein wenig überrascht, ließ Bruno sich den Namen
wiederholen ‑ bemerkte, daß er ihn mit einer Polstermarke
verwechselte, dann schickte er seine Texte. Drei Wochen später rief
er bei Denoël
an; zu seiner großen Überraschung antwortete ihm Sollers, schlug
ein Treffen vor. Mitwochs gab er [Bruno] keinen Unterricht, es war leicht,
an einem Tag hin und zurück zu fahren. Im Zug versuchte er, sich
in Eine seltsame Einsamkeit
[Sollers Une curieuse solitude]
zu versenken, gab ziemlich schnell auf, trotzdem gelang es ihm, ein paar
Seiten in Femmes [Frauen]
zu lesen ‑ vor allem die Bumsszenen. Sie hatten sich in einem Café
in der Rue de lUniversité verabredet. Der Verleger kam mit
zehn Minuten Verspätung, schwang die Zigarettenspitze, die ihn berühmt
machen sollte. Sie sind in der Provinz? Schlecht, sowas. Sie müssen
sofort nach Paris kommen. Sie haben Talent. Er kündigte Bruno
an, daß er den Text über Johannes Paul II. in der nächsten
Ausgabe von LInfini veröffentlichen
würde. Bruno war sprachlos; er wußte nicht, daß sich
Sollers gerade völlig in einer Phase katholischer Gegen-Reform
befand und enthusiastische Erklärungen zugunsten des Papstes vermehrte.
Péguy, da springt ein Funken über! sagte der Verleger
mit Elan. Und Sade! Sade! Lesen Sie vor allem Sade!... Mein
Text über die Familie... Ja,
auch sehr gut. Sie sind reaktionär, das ist gut. Alle großen
Schriftsteller sind reaktionär. Balzac, Flaubert, Baudelaire, Dostojewski:
was für Reaktionäre. Aber man muß auch ficken, nicht?
Machen Sie Gruppensex. Das ist wichtig. Nach fünf
Minuten verließ Sollers Bruno, indem er ihn in einem Zustand leichter
narzißtischer Trunkenheit zurückließ. Er beruhigte sich
nach und nach im Laufe der Rückfahrt. Philippe Sollers schien ein
bekannter Schriftsteller zu sein; gleichwohl, die Lektüre von Femmes
stellte es klar, gelang es ihm bloß, alte Hurenschlampen abzubekommen,
die dem kulturellen Milieu angehörten; die Jüngeren bevorzugten
offensichtlich Musiker. Warum sollte man unter diesen Bedingungen saudumme
Gedichte in einer beschissenen Zeitschrift veröffentlichen?[5] Eine
weitere Begegnung mit Sollers wird folgendermaßen geschildert. Nach
einer kleinen Szene Brunos mit einem Neger in der Schule,
die mit einer narzißtischen Niederlage Brunos endete, heißt
es über Bruno: Das Wochenende habe ich damit verbracht, ein
rassistisches Pamphlet zu verfassen, im Zustand einer fast vollständigen
Dauererektion; am Montag habe ich mit LInfini
telephoniert. Diesmal hat mich Sollers in seinem Büro empfangen.
Er war ausgelassen, maliziös, wie im Fernsehen ‑ sogar besser
als im Fernsehen. Sie sind echt rassistisch, das spürt man,
das steht Ihnen, das ist gut. Bumm bumm! Er machte eine kleine sehr
graziöse Handbewegung, nahm eine Seite heraus, er hatte am Rand einen
Abschnitt unterstrichen. Wir
beneiden und wir bewundern die Neger, weil wir nach ihrem Beispiel wieder
zu Tieren werden wollen, Tieren, die mit einer großen Rute und einem
ganz kleinen Reptilgehirn ausgestattet sind, ein Anhang ihrer Rute.
Er schüttelte das Blatt mit Heiterkeit. Das ist stark, schmissig,
sehr elegant. Sie haben Talent. Manchmal Leichtfertigkeiten, den Untertitel
mag ich weniger: Man wird nicht
als Rassist geboren, man wird es. Die Ver-Wendung, der zweite Grad,
das ist immer ein wenig... Hmm... Sein Blick verdüsterte sich,
aber er machte wieder eine Pirouette mit seiner Zigarettenspitze, er lächelte
erneut. Ein richtiger Clown ‑ überaus sanft. Dazu nicht
zuviele Einflüsse, nichts Überwältigendes. Sie sind beispielsweise
nicht Antisemit! Er nahm sich einen anderen Abschnitt vor. Einzig
die Juden entkommen dem Bedauern, keine Neger zu sein, denn sie haben
schon seit langem den Weg der Intelligenz, der Schuld und der Schande
gewählt. Nichts in der abendländischen Kultur kann dem gleichkommen
oder sich nähern, was den Juden gelungen ist zu erreichen im Anschluß
an die Schuld und die Schande; aus diesem Grund hassen die Neger sie ganz
besonders. Mit einer ganz glücklichen Miene lehnte er sich
in seinen Sitz zurück, faltete die Hände hinter seinem Kopf;
einen Augenblick glaubte ich, er würde seine Beine auf den Schreibtisch
legen, aber nein. Er beugte sich wieder nach vorne, er konnte nicht stillsitzen. Nun?
Was machen wir? Ich
weiß nicht, Sie könnten meinen Text veröffentlichen. Eieiei!,
er lachte laut auf, als ob ich einen guten Witz gemacht hätte. Eine
Veröffentlichung in LInfini?
Aber, guter Mann, Sie sind sich nicht im klaren... Wissen Sie, wir
sind nicht mehr in der Zeit von Céline. Man schreibt heute über
bestimmte Dinge nicht mehr das, was man will... ein solcher Text könnte
mir wirklich Ärger einbringen. Glauben Sie, daß ich nicht schon
genug Ärger habe? Weil ich bei Gallimard bin, glauben Sie, daß
ich machen kann, was ich will? Man überwacht mich, wissen Sie. Man
paßt den Fehltritt ab. Nein, nein, das wird schwierig. Was haben
Sie sonst noch? Er
schien richtig überrascht zu sein, daß ich keinen anderen Text
mitgebracht hatte. Mir jedenfalls tat es leid, ihn zu enttäuschen,
ich wäre lieber sein guter
Mann gewesen, hätte es gern gehabt, wenn er mich zum Tanzen mitgenommen,
mir Whiskey im Port Royal angeboten hätte. Als ich hinausging, hatte
ich auf dem Bürgersteig einen Moment extrem lebhafter Verzweiflung...[6] Soviel
zum Sollers der Neunziger, ich drehe jetzt das Rad der Geschichte
um etwa 20 Jahre zurück. Das einzige,
was es erlaubt, von Schlüsselromanen zu sprechen, ist das Aha-Erlebnis
des Lesers, und das heißt nichts anderes, als daß der Eingeweihte
nichts anderes tut, als offene Türen einzurennen; die anderen, Nicht-Initiierten,
müssen leider draußen vor der Türe bleiben. Und zwar so
lange, bis die Schlüssel nachgemacht sind. Und doch bleibt natürlich
die Frage nach dem, was man sieht, wenn die Schlösser geknackt sind.
Einblicke, Durchblicke, Überblicke oder auch Zerrblicke? Die Debatten
können anfangen, die Kontroversen sind vorprogrammiert. Der Roman
Femmes von Philippe Sollers,
1983 erschienen, ist auch ein Schlüsselroman. Auch wenn einige Personen
der wirklichen Wirklichkeit ganz unverschlüsselt beim Namen genannt
werden, wie etwa Sartre, Beauvoir, Marquez oder Heidegger. Das hat seinen
Grund vermutlich darin, daß diese Personen im Roman lediglich besprochen
werden, sie also nicht als agierende und sprechende Romanfiguren in Erscheinung
treten. Im Unterschied zu fiktiven Namen wie Fals, Werth, Lutz, Deborah,
die als Romanfiguren für den eingeweihten Leser zugleich auf eine
Welt vor dem Roman verweisen, in diesem Fall auf das Paris der 70er Jahre.
Jeder Leser, der einmal mit Strukturalismus und Poststrukturalismus zu
tun bekommen hat, wird wahrscheinlich ohne viel Mühe in Jean Werth
den werten Roland Barthes erkennen, in Laurent Lutz den Philosophen Althusser,
in Robert Michel Foucault, in Deborah Julia Kristeva und in Paul Fals
- nun, das ist eben Jacques Lacan, dessen Roman-Portrait ja hier nachgezeichnet
werden soll. Der Autor selber, Sollers, wenn es denn stimmt, daß
der Roman als Beispiel einer autofiction
gelten kann, was ich glaube, Sollers selber also figuriert gedoppelt oder
gespalten, was auf das gleiche hinausläuft: einerseits hält
er sich als im Roman verfemter Autor S. im Hintergrund, andererseits bekommt
die Erzählerfigur Will, ein amerikanischer Journalist, all die Qualitäten
und Beziehungen zugeschrieben, die der Leser im Hinterstübchen, also
nachdem er den Schlüssel benutzt hat, natürlich mit Sollers
selbst in Verbindung bringt, womit noch nichts über die Wahrheit
dieser Qualitäten und Beziehungen gesagt ist. Ganz konventionell
gibt es hier also einen leicht durchschaubaren Vertrag, wonach eine Figur,
Will, einen Roman schreibt, Femmes,
der einer anderen Figur, S., zur Überarbeitung vorgelegt wird, die
diesen Roman dann signieren wird. Aber bleiben
wir noch einen Moment bei den Namen. Der Name Sollers
selbst ist ein Pseudonym. Ich möchte Ihnen dazu eine Passage aus
Sollers Roman Portrait des
Spielers vorlesen, in der er einmal mehr seine Absicht bekundet, sein
Schreiben namensmythologisch zu beglaubigen. Es heißt dort: Ich
sehe mich wieder, wie ich eines Abends, zurück aus dem Gymnasium,
über meinem Latein-Wörterbuch sitze und die verschiedenen Bedeutungen
des Wortes sollers studiere.
Es kommt von sollus (mit zwei
l!) und ars . Gänzlich
Kunst. Sollus hat dieselbe
Wurzel wie das griechische holos,
das bedeutet: völlig, restlos. Daher das Hologramm. Holocaust.
Vollkommen der Kunst gewidmet. Verbrennung! Opfer! Heiligkeit! Aber sollers
heißt auch: einsichtig, geschickt, praktisch, tüchtig, klug,
das Gebiet, das für die Produktion am besten geeignet ist...
Lyrae sollers (Horaz):
kundig des Saitenspiels. Sollers
subtilisque descriptio partium (Cicero): Geschickte und feinsinnige
Verteilung der Körperteile. Sollers, sollertis... sollertia...
Da haben wir also einen ziemlich verdächtigen Namen, nicht wahr?,
unmoralisch wie der Teufel!... Eine aktuelle Definition? Mal sehen...
Der Sollers besteht aus reiner Technik: bei seiner Verbrennung in
der Kunst hinterläßt er keinerlei Reststoffe.[7] Auf die
Frage, woher in dem Roman Femmes
denn der Name Fals komme, antwortete Sollers in einem Gespräch mit
Frans De Haes: Aus dem Lateinischen. Aus dem Deutschen. Die Namen
der männlichen Personen sind alle Namen mit deutschem Anklang.[8]
Da gibt es z.B. einen Boris Fafner (Wagner läßt grüßen),
viel spricht dafür, in Boris den Tel
Quel-Mitgründer Jean-Edern Hallier zu sehen, da gibt es die schon
erwähnten Laurent Lutz und Jean Werth (das ist wie gesagt Roland
Barthes, die doppelte Anspielung, also Vor- und Nachname, bezieht sich
zum einen auf Goethes Roman Werther,
auf den Barthes in seinem Buch Fragmente
eines Diskurses der Liebe immer wieder eingeht, und, durch den Vornamen
Jean, auf den ersten der Vornamen Goethes), dann taucht hin und wieder
ein Andreas auf, der im Roman keinen Nachnamen hat und dessen reales Gegenstück
aller Wahrscheinlichkeit nach der Kommunist Nikos Poulantzas ist; der
Vorname Andreas verweist möglicherweise auf Andreas Baader (beide
endeten durch Selbstmord). Eine Vermutung ist ebenfalls, warum sich Sollers
deutscher oder deutsch klingender Namen bedient. Die männlichen Portraits
des Romans sind nie beißend oder verunglimpfend, andererseits zeigen
sie nicht unbedingt die portraitierten Figuren auf dem Gipfel des Ruhms,
Roland Barthes etwa lernt der Leser vor allem als Patienten kennen, allerdings
weniger auf Lacans Couch, die er ja kurzfristig aufgesucht hat, als auf
seinem Sterbebett. Liest man den einen oder anderen Essay von Sollers,
wo er über deutsche Mentalität oder deutsche Autoren spricht,
kann man nicht anders, als bei dem Franzosen eine merklich spürbare
Reserviertheit festzustellen: der langsame, unelegante Norden ausgespielt
gegen den lebensbejahenden und frischen mediterranen Süden. Sogar
Goethe scheint er nicht zu mögen: In Femmes
heißt der preisverdächtige Titel des karikierten Erfolgsautors
Boris Fafner schlicht Léternel
féminin (Das ewig Weibliche).[9] Paul Fals
alias Jacques Lacan: Zur Motivierung des Vornamens Paul denke ich, ist
es nicht zuviel interpretiert, die bi-polare Blase Freud-Lacan christologisch
auf den Verkünder des Evangeliums und seinen fleißigsten Promoter
als Modell zu beziehen. Übrigens heißt es in der Apostelgeschichte
(14, 12) von Paulus, daß man ihn in der Ortschaft Lystra auch Hermes
nannte, den Wortführer, im weiteren Sinne den Götterboten. Unterautor
ist ein analytischer Ausdruck für das, was üblicherweise ein
Apostel heißt: denn Apostel ist, wer als Vertreter des absoluten
Autors spricht oder schreibt.[10]
Die Wahl des Namens Fals ist nun insofern besonders raffiniert, weil eine
der möglichen Definitionen von Pseudonym, auf die Sollers
selber aufmerksam macht, nämlich: Der einen falschen Namen
trägt[11],
ja genau in diesen Namen eingetragen ist: Fals, falsch, faux, falsus.
Wenn Sie nun glauben, daß die Wahl dieses Namens eine vernichtende
Abrechnung mit Lacan ankündigt, die der Roman durchführt, dann
liegen Sie falsch. Man muß nur ein paar Übersetzungen des Wortes
falsus sich anschauen, z.B.
<erdichtet>, oder auch <untergeschoben>, um eine Ahnung von
dem zu bekommen, wohin die Deutungsreise geht; sie geht mitten hinein
in die Psychoanalyse. Und man wird bei Lacan selbst fündig. In seiner
Radiophonie aus dem Jahr 1970
stellt Lacan ein paar etymologische Betrachtungen an im Umkreis der lateinischen
Worte <falsus> und <fallere> in Hinblick auf die französischen
Worte <faux> (falsch), <faut> wie bei <il faut> (man
muß) und <falloir> (brauchen, fehlen) sowie <faillir>
(versagen). <Falsus> wird in dieser Betrachtung seiner einfachen
Opposition zu wahr enthoben und eingebunden in einen Prozeß,
der mit Symptomen zu arbeiten weiß und kein anderer ist als der
analytische Prozeß selbst. Lacan sagt dort: Vergessen wir
nicht, daß das Symptom dieses falsus ist, das der Anlaß
(la cause) ist, auf den sich
die Analyse stützt im Prozeß der Untersuchung, der ihr Sein
ausmacht.[12]
Fals also als Symptom, das unterschwellig die Wahrheit sagt? Sollers motiviert
diese Namenswahl u.a. folgendermaßen: Der Name Fals scheint
mir besonders angebracht zu sein im Verhältnis zu einem Diskurs,
der nicht aufgehört hat, von sich selbst zu sagen <ich, die Wahrheit,
ich spreche>..., aber der schließlich, am Ende, feierlich das
perseverare diabolicum [die
Sache des Teufels fortsetzen] bekräftigt hat...[13] Femmes als Teufelsaustreibung? Wenn ja, in welchen
Masken erschiene der Teufel? Schauen wir uns aber zunächst einfach
mal ein paar Textstellen an, die aus Lacan eine Fals-ifikation
machen und umgekehrt aus Fals einen Lacanismus und die dem unterrichteten
Leser den Ausruf entlocken mögen: ja, aber das ist ja der Lacan. Der Roman
ist in neun Kapitel aufgeteilt. Fals nun gehört zu den Romanfiguren,
wie etwa Werth und Lutz, die zwar relativ früh eingeführt, aber
im Lauf des Textes fallengelassen werden; wenn sie später noch einmal
erwähnt werden, dann nur als Rekurs auf ihr Portrait, das vor allem
im zweiten Kapitel des Romans gezeichnet wird. Das heißt aber nicht,
daß die genannten Figuren für die Intrige des Romans nicht
mehr wichtig wären. Es gibt vielmehr keine Intrige, und die Motivierung
der Portraitierung dieser Figuren hat kein anderes Ziel als diese Portraits
selbst ‑ womit man wieder beim Sollersschen Verbrennungsofen
ist. Beginnen wir nun damit, den bislang nur behaupteten Schlüssel
für Lacan zu testen. In einem der Gespräche mit dem Erzähler
sagt Fals: Mein Lieber, einzig die Wahrheit ist mir wichtig.
Was der Erzähler beglaubigen kann, denn er sagt über Fals: Er
liebte diesen Satz eines Philosophen: <Ich sage immer die Wahrheit.
Nicht die ganze, weil sie ganz zu sagen man nicht schafft... Die Wörter
fehlen dabei. Es ist sogar wegen dieser Unmöglichkeit, daß
die Wahrheit ans Reale grenzt.> (102) Wer Ohren hat zu hören,
wird allerdings diesen Satz eines Philosophen keinem anderen
zuschreiben als Lacan selber, handelt es sich bei dem Zitat doch um den
leicht gekürzten Anfang von Lacans Télévision
aus dem Jahr 1974. Und was macht der Erzähler damit? Er greift diese
Ouvertüre auf, bis in die Wortwahl, verschiebt aber den Schwerpunkt
und formuliert gegenüber und gegen Fals seinen eigenen Anspruch,
den eines Romanciers: Der Roman, und er allein, sagt die Wahrheit...
Die ganze Wahrheit... Anderes als die Wahrheit, und dennoch nichts anderes
als die Wahrheit... Die Wörter fehlen ihm nicht... Im Gegenteil...
Deshalb zieht man es vor, ihn für irreal zu halten, während
er doch das Reale selbst ist... Das Nervensystem der Wirklichkeiten...
Übrigens, wie jemand gesagt hat, den sie gut kennen: <Die Wahrheit
hat die Struktur von Fiktion>... (102) Gut gebrüllt, Löwe,
möchte man da dem Erzähler zurufen, der es gewagt hat und dem
es gelungen ist, einen Satz seines Gegenübers so zu verwenden, daß
er ihn gegen ihn selbst richten konnte. Fals und
Lacan, Fiktion und Wirklichkeit: die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Ein weiteres Beispiel für den Rückgriff von Fiktion auf Wirklichkeit
kann man im dritten Kapitel nachlesen. Die Rede ist vom Geschlechterverhältnis,
von dem Lacan immer wieder behauptet hat, daß es das nicht gebe.
Auch in dem folgenden Zitat kommt es zu einer eigenwilligen Verwendung
eines Lacanismus durch den Erzähler, indem Will eine eigene Interpretation
anbietet: <Zwischen Mann und Frau läuft es nicht>, wiederholte
unentwegt Fals... Es war der Eckstein seiner Doktrin; er hörte nicht
auf, ihn zu verkünden... Vermutlich wünschte er, daß niemand
mehr ein ursprüngliches Zittern nach ihm empfände; Konfiszierung
der Lust, Beweis, daß sie zu nichts führe... Aber wer hat jemals
behauptet, daß es gemacht sei, um zu laufen? Das Interessante
ist, daß es von Zeit zu Zeit fliegen kann... Vor dem Sturz... Und
übrigens, wenn es einmal richtig geflogen ist, läuft es dann
auch immer ein wenig... Es sei denn, man erreicht die haßerfüllte
Fixierung... Aber auch das kann man vermeiden... Meiner Meinung nach war
Fals nicht genügend geschwebt... Er war krank davon, glaube ich...
Keine Frau war wegen seines Körperbaus aus dem Häuschen? Das
ist wahrscheinlich... Nicht wirklich... Nicht rasend... Nicht genügend,
um ihm die Tatsache gleichgültig erscheinen zu lassen, daß
es läuft oder nicht, im Anschluß... Von daher seine
Berufung, der Parasit des Lebens anderer zu sein... Eine große Berufung...
Sich einschleichen, sich einmischen, sich quer legen, herausfinden, wo
der Mißklang ist, sich dort einrichten, drücken, kreuzen, beschweren...
Ich denke zurück an die Art, wie Fals sich bei uns aufhielt... Sein
insistierender Blick auf Deb über den Rand seiner Brille... Armes
Arschloch... Es war anstrengend, das ist alles... Man mußte höflich
bleiben... Warum übrigens höflich bleiben, fragt man sich?
(217f.). Und auch
in einem dritten Beispiel kann gezeigt werden, wie der Erzähler sich
spielerisch eines lakonischen Lacanismus bedient, um ihn situativ umzudrehen.
Flora, die hier portraitiert wird, ist eine spanische Anarchistin und
gehört mit einigen anderen Frauenfiguren des Romans auf die negative
Seite des manichäisch anmutenden Frauenprofils, das der Roman entwirft:
hier die guten, die genießenden, hübschen, die
dem Erzähler willfahrenden, was auch umgekehrt gilt - und auf der
anderen Seite die bösen, häßlichen, jedenfalls
männerverachtenden, radikal emanzipatorischen Frauen, die versuchen,
Will für ihre Belange einzuspannen, um für die Sache der Frauen,
besser gesagt: für die Sache der Frau im Singular, zu kämpfen.
Das Portrait, das von Flora an dieser Stelle entworfen wird, läßt
als Interpretationsfolie Lacans Diskurs
des Hysterikers durchscheinen, wie er ihn etwa im Seminar Buch XVII
zum Thema gemacht hat. Von Flora heißt es also: Der leidenschaftliche,
naive, entzückte Geschmack Floras an der Macht hat mich immer fasziniert...
Weil sie wollte, sie immer will, daß Die Macht wahr sei, sie es
jedenfalls sein sollte... Deshalb befindet sie sich immer mehr oder weniger
in der Opposition... Das macht ihre Qualität aus... Sie könnte
nicht umhin, dem Absoluten Monarchen des Universums gegenüber eine
ironische oder kritische Bemerkung zu machen... Und nur deshalb, um ihn
fühlen zu lassen, daß in Wirklichkeit er mehr oder weniger
ihren Platz okkupiert... Einen Platz, den sie überdies gar nicht
einnehmen will... Was will die Hysterikerin?, hat Fals eines
Tages gesagt. Einen Herren, über den sie herrscht. Profunder
Satz. Ich habe ihn beeindruckt Lutz vorgetragen. Aber Flora, das ist Hysterie
ohne Hysterie, das Natürliche in vollem Licht, die Sache selbst...
(119). Es sei
daran erinnert, daß der Titel von Sollers Roman schlicht Frauen
heißt, ohne Artikel, bestimmt oder unbestimmt. Auch diesen Titel
könnte man noch als Entsprechung von Lacans apodiktischer Rede auffassen,
nach der Die Frau nicht existiert, La Femme nexiste
pas. Und was existiert? Ziemlich in der Mitte des Romans packt der
Erzähler aus und faßt sein Ziel ins Auge: ich schreibe
hier eine Apologie von Frauen, selbstverständlich... [Des unes-femmes]...
Sollte sich das mal ereignen... Herausgenommen aus der Kette... Keine
Frauen <an sich>: Frauenereignisse... Genauso selten wie das phallische
Funkeln selbst, quergerichtet, flüchtig... (299) Man könnte
an dieser Stelle ein wenig Theorie einstreuen. Man könnte z.B. versuchen
‑ stellvertretend für viele andere Romanstellen ‑ zwei
fundamentale Kategorien Lacans zum Greifen zu bringen: Das Symbolische
und das Reale. Es heißt ja in bezug auf Frauen: Herausgenommen
aus der Kette (Sorties de la chaîne)
‑ und es ließe sich bequem ergänzen: chaîne
symbolique (aus der symbolischen Kette), womit auch immer das Gesetz (ödipal
oder nicht) oder diskursive Ordnung gemeint ist. Die vermeinte Lobrede
des Erzählers auf Frauen hat natürlich nicht das Symbolische
der Frau im Sinn, genauer: nicht die Frau an sich, oder Die Frau, sondern
das Reale, was hier umschrieben wird, umschrieben werden muß, mit
Frauenereignisse, Frauenmomente, Frauen-Werden,
oder eben mittels einer grammatikalischen Lizenz durch den Ausdruck Des
unes-femmes, womit der Erzähler zu lesen gibt, daß das
Reale nicht aufhört, sich nicht zu schreiben. Und doch schreibt es
sich in seiner Nicht-Schreibbarkeit, denn der Roman ist doch das
Reale selbst, wie es in einem früheren Zitat hieß. Der
Erzähler gibt allerdings an dieser Stelle zu: Das ist wahrhaftig
schwer zu erklären... Es ist besser, das zu inszenieren...
(299) (Diese Inszenierungen sind übrigens die Bumsszenen, von denen
Houellebecq sprach.) Die Romanfiguren Cyd und Ysia beispielsweise repräsentieren
solche Frauenereignisse, die allesamt erotischer Natur sind, ihre Namen
tuen nichts zur Sache, deutsche Anklänge werden in diesem
Zusammmenhang nicht gebraucht. (Nachtrag zu des unes-femmes:
Mir ist zu diesem Neologismus Lacans Ausdruck Y a d lUn eingefallen,
das ist übrigens kein französischer Jodelausruf, sondern schreibt
sich komplettiert: Il y a de lUn. Die kastrierte Lacansche Fassung
Y a d lUn versucht durch Buchstabenentzug anzuzeigen, daß
es das Eins/das Eine zwar nicht gibt, daß wir aber darüber
reden, von Ihm, vom Einen, von Der Vereinigung. Die Normalisierungspotenz
englischer Übersetzungen auch bei enigmatischstem Lacanismus findet
bei diesem Ausdruck wahrscheinlich einen ihrer Höhepunkte: There
is some One. Da ist jemand. Natürlich muß man es anders
betonen, und dann nimmt auch das Englische eine leicht mystische Schwingung
an. Bezogen auf Sollers des unes-femmes würde ich formulieren:
abgesehen von den Frauenereignissen ist eine Frau im Verhältnis
zu einem Mann mindestens eine Frau zuviel. Das könnte man aber auch
umgekehrt von Männern sagen.) Und doch:
auch wenn Die Frau, La Femme, nicht existiert, so existiert doch le FAM,
zumindest in diesem Roman. FAM, das ist die Abkürzung für Front
dAutonomie Matricielle, also die Front der Autonomie der Matrix
(also der Gebährmutter). Die Pointe im Französischen ist natürlich,
daß FAM mit einem männlichen Artikel zu versehen ist, da front,
im Gegensatz zum Deutschen, männlicher Natur ist. Was hat es mit
dieser Front auf sich? Die FAM ist die französische Unterabteilung
einer globalen radikal-feministischen Organisation, der WOMANN, wobei
dieses Akrostichon für World Organisation for Men Annihilation and
for a New Natality steht und was man übersetzen könnte mit Welt-Organisation
für Männer-Aufhebung und für eine neue Natalität (Gebirtenziffer).
Die WOMANN wiederum geht hervor aus dem SGIC, dem Sodom-Gomorra International
Council. Diese drei Organisationen planen eine Art Weltrevolution; nicht
nur Gleichberechtigung und formalbürokratische Aushängeschilder
à la Qotenregelung sind im Spiel, sondern die Etablierung eines
neuen Matriarchats ist der Name dieses Langzeitprogramms, wozu u.a. die
etwas unlauteren Methoden einer quantitativen Umschichtung der Reproduktion
in Richtung Frau gehören, aber auch die Filtrierung des kulturellen
Gedächtnisses sowie der Kampf gegen alles jüdisch-christliche,
vor allem aber gegen die katholische Kirche. Dieser Kulturkampf soll mit
der größtmöglichen Anzahl von Männern, vor allem
der fähigsten und einflußreichsten, geführt werden, in
erster Linie aber mit homosexuellen Männern. Wege und
Ziele dieser Organisationen finden sich in einem geheimen Bericht, dem
Rapport, der aber aus obengenannten Gründen nicht so
exklusiv sein kann, daß nicht auch Männer davon in Kenntnis
gesetzt würden. Einer dieser Mitwisser ist nun Will, der Erzähler,
den die Konzernspitze der FAM, Bernadette und Kate, als möglichen
Kollaborateur ins Auge fassen, nachdem sie davon ausgehen müssen,
daß er auf nicht ganz korrekte Weise von der Existenz dieser Geheimorganisationen
erfahren hat. Es heißt dort: Kate ahnt, daß ich eine
Kopie dieses Berichts habe... Sie würde gerne wissen, was ich damit
zu tun gedenke... (51) Mich hat diese Konstellation - also die von
Will gegenüber Kate - an die aus Poes Entwendetem
Brief erinnert, wo der Minister D. sich, ohne daß die Königin
etwas dagegen tun kann, in den Besitz eines Briefes gebracht hat, der
nicht für ihn bestimmt war, mit dem er aber gleichwohl arbeiten kann,
z.B. als Mittel der Erpressung. Wenn die Botschaft eines Briefes das ist,
was ein Empfänger damit macht, dann kommt, wie Lacan gegen Ende seiner
Schrift zu Poes Erzählung betont, ein Brief immer an seinen Bestimmungsort.
Nicht ganz zufällig also kommt Lacans romaneskes Double Fals an dieser
Stelle ins Spiel. Während in Poes Erzählung der Minister D.
den kompromittierenden Brief, der zur Tarnung wie ein Handschuh links
gemacht wurde, in unmittelbarer Nähe des Kamins ablegt, so sieht
sich in Femmes der Erzähler
genötigt, den chimneysweeper Fals, allerdings nicht in seiner Funktion
als Shrink, aufzusuchen und ihn in Kenntnis des furchtbaren männerbedrohenden
Berichts zu setzen. Im unmittelbaren Anschluß an das letzte Zitat
heißt es weiter: Als ich ihn [den Bericht] las, glaubte ich,
ich sähe nicht recht... Ich wußte niemanden, dem ich mich hätte
anvertrauen können... Schließlich war die Situation dermaßen
verrückt, daß ich mich aufmachte, ihn Fals zu zeigen, dem größten
Denker unserer Zeit... Er las den zwanzigsten Teil der vervielfältigten
Blätter, er hob die Arme zum Himmel, er seufzte vier- oder fünfmal,
er sah mich lange durch seine Brillengläser belustigt an, und dann:
<Ich hatte es vorausgesagt!... Ich habe es immer gesagt!... Natürlich
ist es Ihnen in die Hände gefallen!... Vergessen Sie das, mein Lieber...
Sie sollten das nicht wissen... Glauben Sie mir... Es ist unabwendbar...
Vergessen Sie... Sie würden dabei Ihre Haut verlieren...> Ein
Jahr später übrigens stellte Fals praktisch jede Tätigkeit
ein... (51f.) Es ist
interessant zu sehen, wie an dieser Stelle - durch das kleine Wort übrigens - ein Zusammenhang unterstellt wird zwischen der radikal-feministischen
Ideologie und dem Zusammenbruch[14]
des größten Denkers unserer Zeit, der, wie eine
weitere Passage zeigt, an dieser Zeitwende wohl nicht ganz unschuldig
ist. Fals ist oder war nämlich ihrer aller Lehrer, so auch der von
Bernadette, Kopf der FAM. Von ihr heißt es: Bernadette ist
eines der sonderbarsten und abstoßendsten menschlichen Wesen, denen
ich begegnet bin... Auch eines der faszinierendsten, auf eine Art... Es
ist schwer, nicht angezogen zu werden von der an ihrem Grenzpunkt angelangten
Perversität... An ihrem Abszeß der Fixierung... Bereich des
Unheilbaren... Ich sehe sie vor mir in ihrem immer gleichen schwarzen
Kleid... Darin versteckt mit ihrem stechenden Blick, ihrem Aussehen einer
definitiv geheilten Kranken... Man sagt, daß einige Körper lügen
wie sie atmen... Sie hingegen brachte dieses Wunder, diese Nummer eines
hohen physiologischen Seiltanzes zustande, zu atmen wie man lügt...
Schon ihre Anwesenheit war eine Lüge... Massiv... Zäh... Geronnen...
Uneinnehmbar... Wie Boris als Mann, wir werden das später sehen...
Wie Fals auch, auf eine bestimmte Art... (68) Bernadette
ist die Figur des weiblichen Teufels, und wie der Teufel hinkt auch sie.
Körperliches Gebrechen gebiert Ungeheuer, dieses Argumentationsmuster
kennt man, und es wird auch hier angewendet. Ein kleines satanisches Triptychon,
Bernadette, Boris (der schon erwähnte absatzorientierte Erfolgsautor),
Fals. Im Anschluß an das Portrait Bernadettes heißt es: Ich
habe bemerkt, daß, um spontan zu diesen negativen Hoch-Funktionen
auserwählt zu sein, ein Zeichen an Mißbildung fast einklagbar
ist... Bernadette hinkt stark... Boris hat ein Glasauge... Nervöser
Muskelpfriem... Magisch... Das irritiert immer. Mangel, Narbe, Spur der
Rückseite der Ausstattung... Mythendunst... Fals, der ihrer aller
Herr ist oder der es zumindest lange gewesen ist, ist ein geheilter Stotterer...
Ein Stotterer auf dem Weg zur paraplegischen Aphasie... Riten, verschiedene
Schamanismen... (69) Bernadette ist der lebende Beweis dafür,
daß die FAM/femme existiert, für Fals natürlich eine diffamierende
Äußerung, die ihn aber, nicht umsonst ist man hier im Bereich
des Schamanismus, mundtot macht. Die Aphasie als Preis für einen
Fehler in der Theorie, daß die Frau doch existiert? - oder das sprachlose
Staunen darüber, wozu die Per-version der Frau fähig ist, nämlich
zur Wendung zum Vater (franz: père-version), zum Namen des Vaters,
zur Gesetzgebung, zur Okkupation der symbolischen Ordnung? Die Fahnenflucht
des Butts, wie in Günther
Grass gleichnamigem Roman? Ende des Patriarchats? Ich
benutze an dieser Stelle den Namen Bernadette als link und lasse mich
mit einer Textstelle aus einem Roman verbinden, den man ebenfalls als
Schlüsselroman bezeichnen kann. Ich meine Les
Samouraïs/Die Samourai,
von Julia Kristeva, der Frau von Sollers. Das Buch erschien 1990 in Frankreich
und erzählt als autofiction
die Geschichte der Autorin seit ihrer Ankunft 1966 in Paris. Das Buch
liest sich an manchen Stellen wie eine Parallelschrift zu Femmes,
dasselbe Milieu, dasselbe Personal, dieselbe Thematik. Jacques Lacan firmiert
dort unter dem Namen Maurice Lauzun,
wozu mir das französische Wort losange
eingefallen ist, das ist die Raute, der Rhombus. Wie Sie vielleicht wissen,
schreibt Lacan mittels des mathematischen Symbols der Raute die Formel
$ losange a an, was man lesen
kann als gespaltenes Subjekt im Verhältnis zu Objekt klein
a, Lacans Formel der Ursache des Objekt-Begehrens in bezug zum
gespaltenen Subjekt. Auch in
diesem Roman also spielt eine Bernadette die Rolle einer Führerin
revolutionärer Feministinnen, zu denen Olga, die weibliche Hauptperson
des Romans, in der man Kristeva selbst wiedererkennen kann, eine sich
mit der Zeit mehr und mehr abkühlende Beziehung unterhält. An
einer Stelle heißt es von ihr: Bernadette, die Führerin,
die von sich sprach als <Schülerin und gleichwohl Erneuererin
der Lehre von Lauzun>, erklärte, daß die Frauen nicht an
einer vorgeblichen Kastration litten, sondern bedroht seien von einer
totalen Liquidierung des Körpers und ihrer Person.[15] Weder also ist die Anatomie
Schicksal, noch der Mangel inhärent, sondern die Bedrohung kommt
von außen, vom Mann, der die Frauen, so Bernadette, zwinge, die
Mutter zu sein, die der Mann in jeder Frau wiederfindet. Konsequenz? Abschaffung
des Vaters. Bernadette - ich befinde mich jetzt wieder auf der Textoberfläche
von Femmes - fragt an einer
Stelle: Aber warum brauchen sie [die Frauen] einen Vater?
(332) Eben, sie brauchen keinen, und deshalb kommt es zu einer Gründung
einer neuen Gesellschaft, der ANDRIAH, der - ich übersetze - Bundesversammlung
für die Entwicklung und Anerkennung der künstlichen Befruchtung
des Menschen (332). Der Mann ist überflüssig, es sei denn,
er wird selbst zur Frau. Ich hätte
diesem Vortrag, im Anklang an einen Romantitel von James Joyce, den Titel
geben können: Portrait des
Psychoanalytikers als alter Mann. Lacan, 1901 geboren, 1981 gestorben,
wird auch als sein Romandouble Fals nicht jünger gemacht, Sollers
Würdigung hält sich konsequent im Endstadium dieses Lebens auf,
wozu auch schrullige Anekdoten, Sonderbarkeiten und Unwägbarkeiten
gehören. Der Autor bezieht Position, aber er urteilt nicht ab. Ich
möchte Ihnen nun einen längeren Abschnitt aus Femmes vorlesen, ich glaube, er ist ganz amüsant. Der Erzähler
erfährt von seiner Haßliebe Kate, die ihn aufsucht, daß
Fals gestorben ist. Im Beisein Kates gehen ihm Erinnerungen an Fals durch
den Kopf, präsentiert in einer Art innerem Monolog: Es
klingelt. Ich gehe leise zur Tür. Ich schaue durch das Schloß.
Es ist Kate. Hast du den Hörer abgenommen? Ich muß mit
dir reden. Sie tritt ein wie ein Hausdurchsuchungsbefehl. Sie schaut
sich um und saugt alles um sich herum ein. Keine Frau? Nein. Nun? Fals ist gestorben. Ach... schön. Ist das alles, was du dazu zu sagen hast? Bei seinem Alter... So, wie es um ihn stand... Es ist
eher eine Erlösung, oder? Ich dachte, daß ihr vertrauter miteinander wart... Sie setzt sich auf die Couch. Sehr dekolletiert. Beine und
Arme frei. Etwas verkrampft. Bedrückt. Erregt? Ja. Der Tod erregt
sie immer... Bringt sie zum Blühen wie die Blumen. Das ist ihr unsichtbares
Serum. Ihr Vitamin der Finsternis. Fals stirbt, Kate läuft zu mir,
um es mir zu melden, zu sehen, wie ich reagiere, ob ich einen Moment der
inneren Unruhe zeige, in den sie hineingleiten kann... Nun, er hatte Krebs. Wo? Unterleibsgeschwulst. Niemand wußte es? Fast niemand. Hat er gelitten? Wahrscheinlich sehr. Aber es ist nichts durchgesickert. Einmal mehr die Atmosphäre von Geheimnis, von Inszenierung...
Lüge überall, und in allem... Mein Lieber, sagt Kate lächelnd, du
schreibst mir einen Artikel. Glaubst du? Aber ja. Du sprichst von seinem Einfluß in den
Vereinigten Staaten. Über eure gemeinsame Reise, die Geschichten,
die sich dabei abgespielt haben... Ich brauche die Perspektive eines Amerikaners. Aber du weißt ganz genau, daß nichts passiert
ist, daß das Mißverständnis ein totales war... Sag was du willst... Ich brauche es am späten Nachmittag.
Ich bitte dich. Sie lächelt mich gewaltig an. Die omnipotente Aktualität...
Nekro... Das kalte Fleisch, wie man in den Redaktionen sagt,
wenn man von Nachrufen spricht... Ein Toter, eine Rede... Der arme tote,
streng überwachte Fals, wie jeder andere auch... Mehr als die anderen...
Der zuviel wußte... Zuviele Einzelheiten über die Tapisserie...
Hat er mit irgend jemandem über unsere letzte Unterhaltung gesprochen?
Als ich ihn um seine Meinung über Den Bericht bat? Er war schon sehr
müde, gewissermaßen abwesend, Verabredungen und Termine durcheinanderbringend...
Praktisch kindisch, mit Geistesblitzen... Fals? Es geht ihm sehr
gut.... Das war jedenfalls die unumstößliche Parole des
Klans und der Familie... Es mußte
ihm gut gehen... Hat er darüber nicht mit Kate gesprochen, die er
von Zeit zu Zeit sah? Sie ist eine Idiotin. Aber er sagte
sowas über wen auch immer zu jeder und zu jedem. Das war sein Spiel.
Banal. Teilen, um zu herrschen, entfremden, Furcht einflößen
und verhätscheln... Die Reise nach New York? Reden wir darüber!
Ein Alptraum... Kaum besuchte Vorträge vor einem ironischen und feindseligen
Publikum; stotternd übrigens, mit den gewohnten Fundstücken...
Szenen im Hotel, die schlechte Laune seiner Geliebten Nr. 1, Armande,
seine Schülerin, wie er zu sagen pflegte... Häßlich,
beißend, aggressiv, ohne rechten Grund entschieden unangenehm...
Furie des Unterbezirks... Aus dem Fenster hinauszuwerfen... Fals akzeptierte
alles an ihr, ließ nicht davon ab, ihr Geschenke zu machen, lag
psychisch ihr zu Füßen und dann, plötzlich, zerbrach er
das Tischgeschirr... Er mußte das lieben... Fundamentaler Masochist...
Eines Nachts, als wir zusammen waren... Einverstanden? Kate hat sich auf den Polstern umgedreht... Die Beine sehr
übereinandergeschlagen. Wirklich sehr. Sie steht auf. Sie kommt auf
mich zu, wie um mir Aufwiedersehen zu sagen. Sie umarmt mich und sucht
meinen Mund. Findet ihn. Wirft ihre Zunge hinein. Ich befreie mich so
sanft wie möglich. Sie würde sich gerne bespringen lassen zum
Begräbnishintergrund, das ist klar... Das scheint mir nicht wünschenswert...
Ich dränge sie zum Gang hin... Einverstanden, einverstanden.... Ja, eine Nacht im November... Ich hatte Fals besucht wegen
einer Reise, die wir zusammen, diesmal nach Indien, machen sollten. Ich
hatte mich mehr oder weniger heimlich um Kontakte gekümmert... Er
hatte gefordert, daß Armande mitkommt... Gut, nehmen wir Armande
mit... Wir sprechen ein wenig... Wieder einmal über den Anfang der
Genesis, ich erinnere mich...
Ich würde gerne, sagt Fals zu mir, die Dicke des
Mangels bemerkbar machen.... Er wiederholte das, wie ein Träumer,
in seinem Sessel: Die Dicke... die Dicke... Sein Schreibtisch
war bedeckt mit Notizen, mathematischen Zeichnungen... Er sah aus wie
ein alter, sehr erschöpfter und sehr weiser Doge, mit Kardinalswürde,
ausgestreckt in seine Ruine, gemalt von einem vom goldenen und marmornen
Pessimismus eines Rembrandt revidierten Titian... Abwesender Blick, aber
von Zeit zu Zeit stechend und brennend durch seine Brille hindurch...
Armande sollte im Restaurant auf uns stoßen... Wir regeln die Empfänge
in den Botschaften, die in den Universitäten, die Kontakte mit der
dortigen Presse, die wenig vertraut ist mit seinen Arbeiten... Wir gehen,
wir fangen an zu essen... Eine Stunde geht vorbei... Keine Armande...
Ich fühle, daß Fals unruhig ist... Er geht zweimal zum Telephon...
Kommt wieder... Geht noch mal... Kommt wieder... Jedes Mal etwas schwerfälliger,
zusammengepresster, ermüdeter... Zugleich regt er sich mehr und mehr
auf... Er geht nochmal zum Telephon... Keine Antwort? Nein. Und trotzdem,
sie muß zu Hause sein. Es ist nicht weit. Er bezahlt die Rechnung.
Wir gehen. Fals zieht seinen Schlüsselbund hervor, ungefähr
zehn Schlüssel... Er mochte es, Frauen in nahe von ihm gelegenen
Wohnungen unterzubringen... Wieviele? Drei? Vier? Jedenfalls war zu der
Zeit Armande die Prinzipalin, sie hatte wohl das Monopol der Abende...
Sie empfing ihn zum Abendessen nach seinen nachmittäglichen Sitzungen...
Er steigt die Treppe, drei Stufen überspringend, mit einer überraschenden
Energie empor, auf einmal, ein dritter Atem... Vielleicht fühlt sie
sich ja unwohl, oder sie ist von einem ihrer wirklich verrückt gewordenen
Patienten angegriffen worden... Weil sie ja bestimmt da ist; weil sie
ja nicht zum Telephon geht; weil ja kein Licht bei ihr brennt... Ich stelle
es mir schon vor: der Schizophrene bei der Tat... Revolver, Messer, Blutlache...
Fals denkt auch dran... Er probiert am Schloß herum... Da haben
wir es, es ist von innen blockiert... Das ist das Drama... Wir steigen
wieder hinunter... Ich gehe zum Telephon, lasse läuten, keine Antwort...
Auf ihrem Stockwerk ist alles dunkel... Im Hof fangen wir beide an zu
rufen... Der Blutandrang bei Fals ist unaufhaltsam, ich fürchte,
daß er mir jetzt noch in die Hände klatscht, ich sehe schon
den riesigen Skandal, ich schlage ihm vor, daß ich gehe... Nein!
Bleiben Sie!... Er ist dreiundsiebzig Jahre alt... Armande!
ruft er... Armande!... Armande!... Ich habe eine Idee: ich
rufe sehr laut: Wir müssen die Polizei rufen!... Das
Wort POLIZEI hallt schön nach... POLIZEI!... Magischer Effekt...
Die Fenster bei Armande werden hell... Ein Mann in Hemdsärmeln ist
kurz hinter der Fensteröffnung da oben zu sehen... Der Mörder?
Da oben ist einer, sage ich zu Fals, der ihn nicht gesehen
zu haben scheint... Armande! heult er... Armande!...
Das muß entsetzlich aussehen, der Typ muß sie erwürgt
haben... Vielleicht aufgeschlitzt... Um sich an Fals zu rächen, der
jede Woche mindestens zehn Briefe mit Morddrohungen erhält... Die
Verrückten... Die Irren aller Ränder... Armande!...
Diesmal öffnet sich ein Fenster mit einem Krach... Sie ist es...
Die häßliche Person... Sie stützt sich auf dem Balkon
auf... Und jetzt schreit sie... Ja was ist denn das für ein
Lärm! Ihr seid verrückt!... Auf einmal verstehe ich...
Ich schlage Fals nochmal vor zu verschwinden... Nein, nein, kommen
Sie mit mir hoch!... Er läuft! Er fliegt! Verflixter Alter!
Wir erreichen den Treppenflur. Armande öffnet uns die Tür. Sie
ist sehr ruhig. Auf dem Sofa, ein schwarzes Köfferchen auf den Knien,
sitzt da ein Typ aus der Schule von Fals, vollkommen gelassen. Labiche!
Feydeau! Ein von Armande aus allen Stücken zusammengesetztes Spektakel!
Sie hat beschlossen, dem Alten eine Lektion zu erteilen! Sie scheint eine
dicke Summe nötig zu haben, und das schnell und ohne Diskussion...
Mit Panzerfaust also! Vor mir! Und sie verliert keine Minute, sie greift
an... Sie macht eine Szene... Nicht zu parierender Kniff... Die beste
Verteidigung ist Angriff... Jetzt schreit sie... Daß sie bei einem
anderen Restaurant angerufen hat... Daß sie uns überall gesucht
hat... Daß sie jedenfalls nicht einen solchen Krach in ihrem Hof
zuläßt... Daß, selbst wenn sie tot gewesen wäre,
man sie mit einem solchen Radau nicht wiedererweckt hätte... Daß
wir Kinder sind... Fals sitzt niedergeschlagen in einem Schaukelstuhl,
ziegelsteinrot, atemlos, apoplektisch... Der Typ, Sorte Schönling
vom brasilianischen Karneval, spielt seine Rolle und redet davon, einen
Zug zu nehmen... Ich versuche abzulenken, ich bitte Armande um einen Whisky...
Ich weiß nicht, was ich tun soll... Vielleicht schlagen sie den
Alten zusammen, wenn ich gegangen bin, um ihm sein Geld zu klauen... Ihn
zu zwingen, einen Scheck zu unterzeichnen... Aber mir kommt ein Zweifel...
Wenn er das mag? Wenn das zu ihrem erotischen Zirkus gehört? Vielleicht
dient der Brasilianer als Hengst für den Voyeurismus des Alten? Daß
man ihm einfach so Überraschungen bereitet? Armande,
stehend, zitternd, scheinbar wütend, mehr als jemals das dumme schwatzhafte
Weib, fährt fort, Fals zu beleidigen... Welcher sich schließlich
mühsam erhebt, mich am Arm nimmt, mich bis zur Tür begleitet...
Ich horche trotzdem noch einen Moment an der Treppe... Nichts... Sie schweigen...
Merkwürdiges Theater... Am Tag darauf erfahre ich, daß Fals, ohne mit mir zu
sprechen, die Reise nach Indien abgesagt hat... Und dann, wieder einen
Tag später, treffe ich ihn auf dem Bürgersteig vor der Wohnung
von Armande... Ich gehe rauf, sagt er mir, abgekämpft,
aber sicher, daß ich im Bilde bin... Wie um sich zu entschuldigen...
Wo würde er hingehen? Zur Suppe... Zu seinen Pantoffeln... Zum Schalter
der Célimène... Zum großen Elend der Streicheleinheiten
und Schleckereien der Alten... Wir haben uns nicht wiedergesehen... Oder kaum... Ich bin ohne
ihn nach Indien gegangen... Ich habe in Kalkutta immerhin von ihm gesprochen...
In Bombay... Von seiner sehr eigentümlichen Auffassung des Diskurses
und des Sprechens... In bezug auf deren Sachen da unten... Das Sanskrit... Und jetzt ist er tot. Sic
transit... Ruhm hatte er, um abzutreten... Viel... Nach langen Jahren
des Kampfes meistens einsam... Wenige verstanden das, was er sagte...
Er hatte an die Substanz gehende Geschichten mit seinen Kollegen, seinen
Schülern, den Institutionen, den Zeitungen... Es gab nichts, wessen
man ihn nicht ein wenig beschuldigte... Scharlatanerie, passive Bestechung,
Ausnutzung der Übertragung, Zauberei, Drogen, Erpressungen, Selbstmorde...
Man muß sagen, daß sein Betrieb diskutiert wurde... Auf jeden
Fall interessant zu beobachten... Höchst romanesk... Fals war eine
Art Genie, zugegeben, aber auch wirklich ein kleiner Gangster... Genötigt,
ein Gangster zu werden, auf Grund der Verfolgung, deren Gegenstand er
war? Das ist möglich... Wie soll man das wissen? Das Leben ist vertrackt...
Er hat absolute Ergebenheit erweckt, unsühnbaren Haß... Das
ist eher ein gutes Zeichen... Er hat das zerbrochen oder deformiert, was
es wahrscheinlich sowieso sein sollte... Er hat immer viel Geld gehabt,
das ist das Wesentliche. Konto in der Schweiz... Sein Sprechzimmer war
immer besetzt... Sehr teuer... Schnellstens... Das war es wohl, was man
ihm am meisten vorwarf, das Tempo... Das höllische Fließband...
Ein normaler zugelassener, organisierter Psychoanalytiker hält 45minütige
Sitzungen ab... Was auch immer passiert... Der Patient oder die Patientin
kommt, legt sich hin, erzählt die Träume etc. Eine dreiviertel
Stunde, soviel Zeit muß sein... Die Unbewußte Uhr... Eine
Viertelstunde mehr oder weniger hinuntergewürgter Störung oder
Gewalt in bezug auf den Analytiker; eine Viertelstunde am Kern der Sache,
wovon drei Minuten wesentlich sind, die sich in dreißig Sekunden
abspielen; eine Viertelstunde Abschweifung und tack! bis zum nächsten
Mal, der Nächste bitte... Fals nun hatte all das umgeworfen... Er
fand, daß das schnurrte, summte... Daß das zum Einschlafen
war, ohne daß es etwas brachte... Daß das die Verneinung der
Entdeckung war... Ihr Gebrauch als abgedämpfter Trick... Daß
das die Virulenz der Operation abschwächte, wie seine
Schüler sagten... Virulenz, Virulenz... Das Leben als Virus... Wie
dem auch sei, er hat es gewagt... Drei Minuten... Guten Tag, auf Wiedersehen...
Bezahlen sie mich... Wann sehe ich sie wieder? Die Internationale hat
nachgeforscht... Es gab Klatsch, die verschwiegenen Hintergründe
der Affäre... Er wurde ausgeschlossen... Er hat daraus ein ganzes
Epos gemacht... Er hat Schulen gegründet... Bewegungen... Kartelle...
Vereinigungen... Die ihm jedesmal auf die Hände schlugen... Das war
ihm egal, er machte weiter... Formal ähnelte das sehr den kirchlichen
Auseinandersetzungen, Orthodoxie, Reform, Gegenreform und, mehr noch,
den periodischen Explosionen des marxistischen und kommunistischen Zugs...
Paul Fals konnte als neuer Trotzki gelten, der entwaffnete Prophet, der
Prophet im Exil, der Prophet der von der Zentrale verfälschten Wahrheit...
Der aus der Synagoge verjagte Spinoza... Der Mythos ging von ganz alleine,
Fals rühmte sich sogar als Häretiker, der Recht haben wird...
Halladsch... Luther...
Calvin... Schabbathai
Zwi... Jacob Frank... Die weiteren schenke ich mir... Das war eine
Abrechnung bis aufs Messer zwischen der Freudianischen Kirche und ihm...
Er zählte vor allem auf seine Lehre... Ja, ich
weiß, dieses Wort bringt sie zum Lachen, sagte er mir oft
trocken... Die Vorträge... Ah, die Vorträge!... Man kann sagen, daß Fals damit ein neues Genre
begründet hat... Feierlich, hermetisch, logisch, apokalyptisch, komisch...
Von großer Kunst... Gebet, Abschlußformel, Widerhall... Man
redete heimlich, still und leise darüber, hinter den Kulissen; man
speiste abseits zusammen... Wie eher kultivierte Leute, weil es ja niemanden
mehr gibt... Er hatte übrigens keinen sehr guten Geschmack, außer
für Antiquitäten, die er zeitweilig sehr teuer kaufte... Seine
Frauen unterhielt er gut, glaube ich... Auf jeden Fall verdankt die FAM
ihm viel... Die meisten von ihnen hat er ausgebildet, direkt oder indirekt...
Bernadette... Dora... Kate... Mit ihm rückgekoppelt hat die Bewegung
ihre ganze metaphysische Dimension erhalten... Ihre behindernden Initiationen,
ihre Bullenseite, Informationsnetze... Wie in der kommunistischen Religion...
Oder in den parallelen Sekten, das kommt aufs gleiche hinaus... Die Psychoanalyse,
man muß es wohl sagen, wenn sie auf ein schon tendenzielles Polizeisystem
gestützt ist, birgt auch die Möglichkeit einer bemerkenswerten
schwebenden Datenbank über die Bevölkerung, die zählt,
oder die möglicherweise eines Tages zählen wird... Über
die Schnittpunkte, die Fehler, die Seltsamkeiten, die Bruchstellen, die
Manien... Fals hielt die Hand über einige Bankiers... Zwei oder drei
Minister, welchen Bereichs auch immer... Einen Erzbischof... Zwei Mitglieder
des Zentralkomitees der Partei... Den Direktor des Amts für Gegenspionage...
Den französischen Hauptvertreter der revolutionären Brigaden...
Schlagerstars... Leute vom Kino... Was für ein Roman,
sagte ich manchmal zu ihm... Mein Lieber, einzig Die Wahrheit zählt
für mich, antwortete er mir imposant. Und das war wahr. Er
liebte diesen Satz eines Philosophen: Ich sage immer die Wahrheit.
Nicht die ganze, weil die ganze zu sagen man nie erreicht... Die Worte
fehlen. Genau wegen dieser Unmöglichkeit grenzt die Wahrheit ans
Reale. Über diese Formulierung war ich mit ihm nicht einverstanden.
Eines Tages habe ich es ihm gesagt: Der Roman, und er allein, sagt
die Wahrheit... Die ganze Wahrheit... Anderes als die Wahrheit, und dennoch
nichts als die Wahrheit... Die Worte fehlen ihm nicht... Im Gegenteil...
Deshalb bevorzugt man, ihn für irreal zu halten, während er
doch das Reale selbst ist... Das Nervensystem der Realitäten... Übrigens,
wie doch einer sagte, den Sie gut kennen: ,Die Wahrheit ist wie Fiktion
strukturiert... Er lächelte. Nun gut, weil Sie
es sind, mein Lieber, aber hören Sie auf, lassen Sie mich in Ruhe.
Schreiben Sie... Schreiben Sie... Das ist alles. Er hatte Recht.
Man schreibt ein literarisches Werk, oder man schreibt keines. Der ganze
Rest ist Blabla, und er sagte die Wahrheit über die Zirkulation des
Blabla... Delirien, Erfindungen, Illusionen, Krümmungen der Lüge
im Band der Existenz... Merkwürdig übrigens, daß, indem
man einfach das Blabla manipuliert, dadurch daß man es als Rohstoff
benutzt, Schweigen, Assoziationen, Interpretationen, Übertragung,
Widerstände, Lapsus, Vergessen, Traumerzählen, man dahin gelangt,
so gründlich den Körper mittels des sexuellen Dings, des Körpertumors,
in Frage zu stellen... Phantastisch, wie es nur davon spricht... Schwangerschaft...
Wie nochmal? Der Wiener Walzer... Von Fals transponiert in echten Java...
Salsa, von wann an? Rock, Reggae, Funk? Man hält den Fortschritt
der Auflösung auf der Suche nach sich selbst nicht auf... Am Anfang
war Fals eher formstreng... Aristoteles... Heidegger... Die Linguistik...
Die Topologie... Aber ich habe ihn sich nach und nach in eine schwarze
Leidenschaft eingraben sehen, vermehrter Teer, sein Auge spiegelte zunehmend
diese kompakte Masse. Immer komisch, meistens, und sogar immer komischer
auf eine beunruhigende Art, aber zutiefst verbraucht, niedergeschlagen...
Vom ständigen Spekulieren mit der Kastration... Mit der unartikulierten
Frigidität auf der anderen Seite der Ausstattung... Am Geld klebend,
an der unmittelbaren Macht... Argwöhnisch, immer ungeduldiger, empfindlich...
Vielleicht litt er schon sehr... Manchmal fast seinen Sekretär verprügelnd...
Mit unerhörten Zornesausbrüchen... Seine Nächsten beleidigend...
Eines abends traf ich zwei seiner Schüler... Verheerend... Hochtrabend
vor Eitelkeit, verschlossen, sich nur über Kennworte verständigend,
besessen von kleinen Details der Clique, lächerlich, ohne es zu merken...
All dem hat was wohl gefehlt? Musik? Ja, ganz einfach. Ganz simpel. Fals
wollte einen Stich nach dem anderen machen, um das festzustellen reicht
es aus, seinen Frauen einen Besuch abzustatten... Hölzern, mager,
inkarnierte Bosheit im Kern des Auges... Hat er sie verrrückt gemacht?
Wahrscheinlich... Genauer, hat er den Krebs des Wahnsinns in der Tiefe
enthüllt... Von dem er nicht sicher war, ja schließlich überhaupt
nicht sicher war, ob man daran rühren solle... Dort kratzen... Ästhetisch!
ästhetisch!, brummte Fals in mein Ohr... Sie sind zu
sehr beim Lustprinzip!*
Vielleicht... Und warum nicht... Ein wenig Verzweiflung noch
dazu, noch ein Schritt, aber ja... Ich denke an den mit der Psy-Lüge
gewürzten Wahnsinn von Bernadette, ihre Haßflamme... Fals ist
nicht verantwortlich? Natürlich nicht. Ich erinnere mich an das,
was mir Werth mitgeteilt hat, der in einem seiner neurotischen Momente
das Sprechzimmer von Fals ein wenig zu frequentieren pflegte: Es
ist besser, sich vor den Autos in acht zu nehmen.... Er, der genau
von einem Auto überfahren wurde... Während ich ihm mein
Abenteuer erzählte, fügte er hinzu, ist mir plötzlich
klar geworden, daß ich ein altes Arschloch bin, das dabei ist, mit
einem alten Knacker zu schwätzen.... Luzide Sätze... Insgesamt
hat mich Fals eher gut behandelt... Als ob er geahnt hätte, daß
ich eines Tages sprechen würde... Potentieller Schriftsteller...
Gefährlich... Er hat wohl versucht, mich ein oder zwei Mal einzuschüchtern...
Das gehörte zum Spiel... Er hat auch versucht, Deborah zu verführen...
Aber schließlich... Ich werde Kate schnell ihren Artikel schreiben,
weil sie darauf besteht... Oberflächlich, versteht sich... Mephisto...
Moderato... Glissando... Fals, das
haben wir gesehen, ist ein Pseudonym. Dahinter oder davor gibt es jemanden,
den man Lacan nennen kann. Fals ist
aber auch die Wünschelrute, der Spürhund, das Symptom, der Anlaß
eines Untersuchungsprozesses, wie es in dem Zitat aus Radiophonie hieß. Das Symptom
als Köder: das muß man schlucken, um weiterzukommen. Danach
kann aber eigentlich auch nichts mehr schief gehen. Das ist die Logik
des re-entries, die auch bei Analysen und Schlüsselromanen stattfindet:
sinnvoll sind die Dinge erst, wenn man sie gewissermaßen das zweite
Mal in der Hand hält. Aber hat
das mit Wahrheit zu tun? Mit dem Ein-für-allemal? Sollers
schätzte Lacan besonders als Redner, wegen der Unvorhersehbarkeit
dessen, was da kam, in den Seminaren. Eher gleichgültig war ihm die
Lehre (lenseignement), die analytische Erfahrung, all
das, was sich anschickte, als Diskurs auf Menschenfang zu gehen. Eine
anfängliche Verführung, die dann in Dogmatik umschlägt,
und sei es nur bei denen, die sich Lacanianer nennen: Eine Aphorismensammlung
Lacanscher Highlights könnte das wohl bestätigen. Diese
Sprüche hängen alle irgendwie zusammen, bilden eine Kette, und
wenn es eine borromäische ist, würde es genügen, einen
Spruch, einen Ring herauszulösen, daß auch alle anderen frei
sind und ihren Sinn verlören. Aber hat das Lacan nicht selber schon
besorgt, indem er auf den nie einholbaren Akt des Sprechens aufmerksam
machte: Quon dise (daß man sagt) reste oublié
(verborgener Rest/bleibt verborgen) derrière ce qui se dit (hinter
dem, was sich sagt) dans ce qui sentend (in dem, was gehört
wird)[16].
Das ist aber genau der Rest, der Rückstand, den nicht zu produzieren
der Sollers angetreten ist:
verbrennen ohne Rest, Ding der Unmöglichkeit. Ich möchte
Ihnen zuletzt eine weitere Seite aus Femmes
vorlesen, Sie wird Ihnen die beruhigende Gewißheit mit auf den Weg
geben, daß auch nach Lacan das Ding‑
machen Sie damit, was Sie wollen‑ so unangetastet ist wie zuvor. Woher
kam diese Neigung bei Fals? [Es geht in diesem Zusammenhang um Bestattungen,
Begräbnisrituale usw.]... Vom unaufhörlichen Besuch des analytischen
Friedhofs, glaube ich... Latente Hypnose... Langgestreckter Dämmer...
Verhängnisvolles Hin und her Sofa-Sessel... Sie schaffen es nicht
mehr, wirklich aufzuwachen... Zuviel Träume... Zuviel unterirdische
Beschwörungen... Zuviel Zustände im Halb-Koma... Zuviel Geister...
Sehen Sie den Schreibtisch von Freud, so wie er 1939 [sic!], kurz vor
dem Einmarsch der Nazis in Wien, aufgenommen wurde... Man könnte
meinen die Höhle einer Hellseherin, Kissen, Vitrinen, Kinderportraits,
gestickte Teppiche, Statuetten in allen Ecken... Archäologische Leidenschaft...
Ausgrabungen... Miasmen von der Kehrseite der Ausstattung... Beschwörende
Sinterungen... Theben... Tempel-Besessenheit... Stoisches Trauerspiel
seines Gesichts am Ende... Und daß das zu dir aufsteigt von den
negativen Wänden der benebelten Wahrnehmung; und daß dir das
zuflüstert aus den Falten des brüchigen Vorhangs... Ich habe
mit der Zeit die plötzlichen Zornesaubrüche von Fals besser
verstanden... Seine glühenden, aphatischen Explosionen... Seine Art,
manchmal alle Leute rauszuschmeißen... Seine Patienten zusammenzuschlagen...
An den kleinen runden Tischen Fußtritte zu verteilen, zum großen
Schrecken seiner Haushälterin... Oder, im Gegenteil, seine niedergeschlagene,
stumpfsinnige Stummheit... Er pendelte von einem Pol zum anderen... Mit
der Wut desjenigen, der sich, obwohl sehr teuer bezahlt, dort fixiert
fühlt, dort eingesperrt für die Zeremonie der Lemuren; dort,
in seinem Sessel, gefickt von dem ganzen gewitzten Gewicht des menschlichen
Auswurfs... Er hielt sich schadlos mit seinen Vorträgen... Seinen
Messen... Das ganze verdrängte Religiöse tauchte dort auf...
Fals? Sie scherzen, ein großer Rationalist, sagten seine
engsten Schüler, für die ein Vater niemals zu beschlagen ist.
Ein ranghoher Eingeweihter, ein ,Schamane, flüsterten
die anderen mit einer pythagoreischen Kennermiene... Schließlich
aber was? Ein armer Mann wie jeder andere auch, niedergedrückt von
der nachtwandelnden Wiederholung; gezwungen, immer wieder die gleichen
Forderungen, Erregungen, Dummheiten, Ausrutscher, falschen Enthüllungen,
Interpretationen, Verwirrungen zu hören... Ja, wie sehr haben sie
sich wohl alle gelangweilt, sowohl Werth, als auch Lutz; wie sehr haben
sie wohl alle den Schein gewahrt, um nicht ihre Meinung zu ändern,
zu bekennen! Was bekennen? daß
selbst da, wo sie ihr Glück gemacht hatten; an diesem so sehr von
den anderen begehrten Ort, es nichts gab... Nichts zu sehen; nichts zu
verstehen... (249f.) [1]
Philippe Forest, Philippe Sollers,
Paris 1992, S. 19 (Übers. vom Verf.). [2]
Jacques Lacan, Le Seminaire livre XX, Encore,
Paris 1975, S. 37. [3]
zit. in: Philippe Forest, Histoire
de Tel Quel, Paris 1995, S. 476. (Übers. vom Verf.) [4]
Philippe Sollers, Femmes,
Paris 1983 (Folio 1985), zitiert wird nach der Taschenbuchausgabe. [5]
Michel Houellebecq, Les particules
élémentaires, Paris 1998, S. 228-230. [6]
Ebd., S. 241ff. [7]
Philippe Sollers, Portrait des
Spielers, Heidelberg 1992, S. 77f. (Übersetzung von Hans
Thill) [8]
Philippe Sollers, Le Rire de
Rome. Paris 1992, S. 55. [9]
Auf S. 340 des Romans heißt es in bezug auf die von Boris erwartete
Publikumsreaktion auf seinen Roman: A faire sangloter les chaumières!,
also: eine rührende Geschichte. Dans les chaumières
ist aber auch ein Ausdruck zur Bezeichnung eines Volksmilieus im pejorativen
Sinn: so übersetzt man etwa :Dans les chaumières,
on est plutôt
davis que... mit: Unter deutschen [!] Dächern
denkt man eher, daß... [10]
Peter Sloterdijk, Sphären I Blasen, Frankfurt a.M. 1998, S. 561.
An einer anderen Stelle dieses Buches heißt es übrigens:
Lacans genialische Ausführungen über la
Chose - in deren Konzept eine Obertonreihe anklingt, die von Meister
Eckarts Gottesbegriff bis zum kantischen Ding an sich reicht - sind
von unauflöslichen Mehrdeutigkeiten zerklüftet, so daß
es unmöglich bleibt, aus ihnen trennscharf herauszufiltern, was
auf eine Analyse der nobjektalen Kommunionen zusteuert und was auf
die erbauliche, psychoanalytisch und psychohygienisch erneuerte paulinische
Lehre vom begehren-ermöglichenden Verbot abzielt. (477) [11]
Sollers 1992, S. 174. [12]
Jacques Lacan, Radiophonie. In: Scilicet
2/3. Paris 1970, S. 55-103 (80). [13]
Sollers 1992, S. 55. [14]
Femmes S. 26: leffondrement de Fals. Das ist die
erste Stelle im Roman, bei der Fals erwähnt wird. Der Grundtenor,
Senilität, durchzieht das ganze Portrait. [15]
Julia Kristeva, Les Samouraïs, Paris 1990. (ich
zitiere in meiner Übers. aus der Taschenbuchausgabe (1992), S.
131f. [16]
J. Lacan, LÉtourdit. In: scilicet 4 (1973), S. 5. (Übersetzung
vom Verfasser) Dieter Wenk |
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